Kritik

Zweifel an Klinik-Betrieb: «Die Psychiatrie wird geführt wie eine Sockenfabrik»

Psychiater dürfen pro Woche 100 Therapiestunden delegieren und dabei einen beträchtlichen Teil der anfallenden Kosten für sich verrechnen. (Symbolbild)

Psychiater dürfen pro Woche 100 Therapiestunden delegieren und dabei einen beträchtlichen Teil der anfallenden Kosten für sich verrechnen. (Symbolbild)

Der Verband der Psychologen übt scharfe Kritik an der Wahl eines Verwaltungsrats der Psychiatrie Baselland.

«Die Psychiatrie wird geführt wie eine Sockenfabrik»
Der Verband der Psychotherapeuten übt scharfe Kritik an der Wahl eines Verwaltungsrats der Psychiatrie Baselland.
Die Medienmitteilung der Baselbieter Regierung vom 26. November ist unscheinbar. «Gesamterneuerungswahl des Verwaltungsrates der Psychiatrie Baselland für die Amtsperiode 2020 bis 2023» lautet der Titel. Nur wenige Medien greifen auf, dass der Regierungsrat zwei Mitglieder des Gremiums verabschiedet und ein Mitglied neu gewählt hat: Erich Seifritz. Dabei birgt dieser Name durchaus Sprengkraft.

«Oh Gott», entfährt es Peter Schwob, als er von Seifritz‘ Wahl erfährt. Schwob ist Präsident der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten beider Basel (VPB). Um diese Reaktion zu verstehen, braucht es einen kleinen Einblick in den «Kampf um Macht und Geld», wie die «NZZ» kürzlich schrieb, den derzeit Psychologen und Psychiater erbittert austragen. In der Psychotherapie gilt derzeit das Delegationsmodell. Im Wesentlichen bedeutet es ein Gefälle zwischen Psychiatern und Psychologen. Die Grundversicherung zahlt die Dienstleistung von Psychologen nur dann, wenn sie bei einem Psychiater angestellt sind und in dessen Räumlichkeiten arbeiten. Psychiater dürfen pro Woche 100 Therapiestunden delegieren und dabei einen beträchtlichen Teil der anfallenden Kosten für sich verrechnen. Bis zu 20'000 Franken monatlich könnten Psychiater so verdienen, rechnet die «NZZ» vor: Der Arbeitsaufwand für die Ärzte ist dabei gering: Sie müssen jeden Patienten einmal sehen und ab und zu einen Blick in die Akten werfen – und können dies den Krankenkassen auch noch in Rechnung stellen.

Wortführer in einer nationalen Debatte

Die Psychologinnen und Psychologen begehren gegen das einst als provisorisch gedachte System auf. Mittels Petition fordern sie ein Anordnungsmodell, das sie selber über die Krankenkasse abrechnen lässt. Über 100'000 Menschen haben das Papier unterschrieben. Bundesrat Alain Berset eröffnete daraufhin eine Vernehmlassung und stiess bei einigen Psychiatern auf Widerstand. Wortführer der nationalen Debatte ist Erich Seifritz. Er positionierte sich in mehreren Artikeln und Gastbeiträgen klar gegen das Anordnungsmodell. «Schwer psychisch kranken Menschen nützt es nichts, wenn sie schneller zu einem Psychotherapeuten ohne klinisch psychiatrische Erfahrung kommen, weil sie dort nicht die Expertise und Erfahrung vorfinden, die sie benötigen», schrieb er und befürchtete, Psychologen könnten sich künftig auf leichte, dafür einträgliche Fälle spezialisieren. Die Kritik blieb nicht aus. Wenig erstaunlich fühlten sich Psychologinnen und Psychologen landesweit in ihrem Beruf herabgewürdigt.

Haltung der Regierung ist klar

«Erich Seifritz ist fachlich unbestritten. Politisch ist er jedoch ein Scharfmacher gegen uns Psychologen», sagt Peter Schwob. Er kritisiert die Wahl von Seifritz in den Verwaltungsrat der Psychiatrie Baselland mit markigen Worten: « Der Verwaltungsrat der Psychiatrie Baselland hätte die Aufgabe, möglichst vielfältig zu sein. Faktisch ist es aber so, dass einflussreiche Köpfe Einsitz nehmen sollen.» Er würde dafür weibeln, dass auch die Sicht der Psychologie berücksichtigt würde, schliesslich würden Psychologinnen und Psychologen heute viele Aufgaben übernehmen, die früher Psychiatern zugefallen sind. «Derzeit wird die Psychiatrie Baselland aber geführt wie eine Sockenfabrik: Hauptsache, das Geld stimmt.»

Die Baselbieter Regierung hat sich erst kürzlich selber zum Disput zwischen Psychologen und Psychiatern geäussert und reagiert entsprechend gelassen. Sie stellte sich dabei klar auf die Linie der Psychologen: «Der Regierungsrat begrüsst den Wechsel auf das Anordnungsmodell für die psychologischen Psychotherapeuten, welches den Zugang für die Patientinnen und Patienten vereinfachen und beschleunigen kann», steht in der Vernehmlassungsantwort vom 17. September. Eine Verbesserung des Zugangs zur Therapie sei insbesondere in Krisen- und Notfallsituationen wichtig, um durch eine frühzeitige Behandlung den weiteren Verlauf, der bis in eine Invalidität führen kann, zu verringern oder zu unterbrechen. Die Wahl von Erich Seifritz sei entsprechend nicht als politisches Signal zu werten.

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