Kunstwerk

Zweifelhaftes Geschenk: Ein Kentaur galoppiert in die Erlenmatt

So könnte der «Kentaur» von Reto Zutt die Erlenmatt kulturell bereichern. (Visualisierung / Stadtgärtnerei Basel)

So könnte der «Kentaur» von Reto Zutt die Erlenmatt kulturell bereichern. (Visualisierung / Stadtgärtnerei Basel)

Wie es eine monumentale Skulptur auf dem kurzen Dienstweg in den öffentlichen Raum schafft.

Das Kunstwerk wird rund vier Meter hoch sein, wenn die Stahlplatten dereinst in Form gebracht, verschweisst und aufgestellt sind. Derzeit existiert es bloss als kleines Modell. Doch es fehlt nur noch eine ordentliche Bewilligung, dann kann die Plastik «Kentaur» des Basler Künstlers Reto Zutt industriell gefertigt und auf der Erlenmatt im öffentlichen Raum ausgestellt werden. Die feierliche Vernissage ist für den Herbst vorgesehen.

Reto Zutt ist selbst im überschaubaren Basler Kunstbetrieb keine bekannte Grösse. Seine Brötchen verdient er im Bühnenbau beim Theater Basel. Doch von ihm stammt der Entwurf. Supporter, über deren Identität theatralisch der Schleier der Anonymität gelegt ist, hätten ihn und sein Werk entdeckt, sagt Emanuel Trueb, oberster Stadtgärtner und Parkwächter der Stadt. Das Projekt sei ihm zugetragen worden. Von wem, will er nicht sagen. Er sei aber sofort angetan gewesen. Es sei genau das Werk, das er schon lange zur Belebung der Erlenmatt gesucht habe. Und kosten soll es den Staat nichts, die Supporter sorgten mäzenatisch auch dafür.

Ausflug in die griechische Mythologie

Im vergangenen Dezember hat die Basler Regierung das Geschenk offiziell angenommen und sich per Regierungsmitteilung beim «Schenkenden für die grosszügige Geste an die Stadt Basel» bedankt. Die Skulptur stelle eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem griechischen Mythos der Kentauren dar und werde in der Grünanlage «Im Triangel» im Erlenmattparkt aufgestellt. Was das mythologische Zwitterwesen mit vierbeinigem Pferdeleib und zweiarmigem Menschenoberkörper mit dem weitgehend von Expats bewohnten neuen Stadtquartier zu tun haben könnte, schlüsselt sie nicht auf.

Entsprungen sind die Mischwesen einer sexuellen Belästigung. Ixion, der König der Lapithen, näherte sich unziemlich der Göttin Hera. Diese zeigte sich ihm jedoch in Form einer Wolke, was Ixion – besoffen wie er war – nicht merkte. Der so mit der Wolke gezeugte Bastard paarte sich mit der Stute Magnesias, wodurch die Kentauren entstanden. In frühen Darstellungen waren sie wenig geschätzte Kreaturen, unbeherrscht und lüstern. Allerdings gibt es auch positive Wertungen wie etwa durch Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. Dieser entdeckte den Kentaurus in uns und wies ihm eine wichtige Rolle bei der Inkarnation zu. Welche Interpretation sich auf der Erlenmatt durchsetzen wird, muss die Zukunft weisen.

Eine Aufwertung für das kulturelle Ödland

Im neuen Retortenpark soll die Plastik zur kulturellen Aufwertung des bisher kulturell vollständig unwertigen Raums beitragen. Trueb sagt, der Ort sei perfekt für die Skulptur. Der Stadtgärtner hatte zuvor auch geprüft, ob die Keith-Haring-Plastik «Head through belly», die auf der grossen Wiese im Schützenmattpark steht, dorthin disloziert werden könne. Doch sie wäre zu wenig wuchtig für den neuen Ort gewesen, meint Trueb.

So bleibt die Haring-Skulptur weiterhin im Grossbasel stehen. Die Zügelaktion wäre auch nicht geräuschlos verlaufen. «Head trough belly» gehört der Kunstsammlerin Esther Grether und wurde vom Kulturimpressario Klaus Littmann im Rahmen einer Aktion dort platziert. Allerdings «vergass» Littmann, sie wieder abzuräumen. Aus dem Provisorium wurde eine Providurium, für das sich Baudirektor Hans-Peter Wessels persönlich eingesetzt hat.

Littmann hat Erfahrung darin, eine private Interventionen im öffentlichen Raum zu einer öffentlichen Institution werden zu lassen. So «vergass» er im Jahr 2000 auch, das Kunstwerk «2 Shadows» des schottischen Minimal- und Konzeptkünstlers Ian Hamilton Finlay wieder zu demontieren. Im Jahr 2016 wurde dieser Zustand offizialisiert, und die Basler Regierung bedankte sich nachträglich für die Schenkung der «zwei Schatten» im öffentlichen Raum.

Mit privater Kunst wird der öffentliche Raum bespielt

Dass Private ihre grossformatige Kunst auf öffentlichen Grund stellen, ist keine Seltenheit. In der Theodorsgraben-Anlage steht eine Metallplastik «Augen- und Ohrenmenschen» von Valery Heussler. Diese hatte an einem privatfinanzierten Kunstwettbewerb zwar nur den zweiten Platz erreicht, für ihr Werk wurde dennoch ein Standort auf Allmend gefunden.

Das nächste geschenkte Werk wird im Garten der alten Universität am Rheinsprung installiert werden. Auf der untersten Terrasse werden nach den notwendigen Sanierungsarbeiten die «Metamorphosen» der  Basler Künstlerin Helen Balmer aufgestellt werden.

Stadtgärtner Trueb ist ganz bei der Sache, wenn er von seiner öffentlichen Kunstsammlung erzählt. Für die fachliche Beurteilung ist allerdings nicht er, sondern die Abteilung Kultur im Präsidialdepartement zuständig. Co-Leiterin Katrin Groegel sagt, bei Schenkungsanträgen werde in der Regel die Kunstkreditkommission um eine Einschätzung gebeten. Dies sei auch beim «Kentaur» der Fall gewesen, der den kurzen Amtsweg genommen hat. Doch mehr Verantwortung für die kulturelle Anreicherung will die Abteilung nicht übernehmen. Groegel sagt: «Die Regierung entscheidet abschliessend.»

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Autor

Christian Mensch

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