Corona-Rebellen

Zweifler und Ungläubige: Der zweite Blick in die Szenen der Corona-Skeptiker

Am vergangenen Wochenende wurde in Basel wieder demonstriert.

Am vergangenen Wochenende wurde in Basel wieder demonstriert.

Die Corona-Rebellen sind eine spezielle Randerscheinung der Krise. Doch so klein, wie ihr öffentlicher Auftritt vermuten lässt, ist die Szene mit rechtsextremen Bezügen nicht. Der zweite Teil der Recherche der «Schweiz am Wochenende» befasst sich mit Anthroposophen und Freikirchen.

Mit Rebellionen verhält es sich wie mit Viren: Sie brauchen einen Wirt, von dessen Struktur sie leben. Im Fall der Corona-Rebellen war dies ein Bundesrat, der den Leuten sagte, was sie zu tun hatten. Doch spätestens seit vergangenem Mittwochnachmittag fehlt, wogegen man aufbegehren könnte. Der Bundesrat gab am Mittwochnachmittag die nächsten Lockerungen nach dem Coronalockdown bekannt und damit implodierte diese Bewegung.

Wer nun meint, die Corona-Rebellen hätten daraufhin auf der Kommunikationsapp Telegram frohlockt, irrt. Eben noch teilten sie im Sekundentakt Links zu Youtube-Videos oder Artikeln aus der «Expresszeitung», schworen auf eine Beteiligung von Bill Gates an der Coronakrise, verweigerten Impfungen und misstrauten den Landesregierungen. Doch nun, da sie nur einen kleinen Teil ihrer Rechte wiederhaben, die sie nie nutzten, regt sich: nichts. Die Chats sind eingeschlafen und Videos, die vor zwei Wochen noch tausendfach angeklickt wurden, verzeichnen noch einige hundert Zuschauer. Nachdem schon die erste Demonstration kaum jemand bemerkt hatte, versammelte sich vergangenen Samstag ein sehr versprengtes Grüppchen vor dem Basler Rathaus, um gegen den «Coronawahn» zu protestieren.

Im Hintergrund aber versuchen einige Unbeirrte, ihren Profit aus den Protesten zu ziehen. Die «Expresszeitung», über welche die «Schweiz am Wochenende» vergangenen Samstag berichtete, erfreut sich in Deutschland noch immer grosser Beliebtheit in der Aluhut-Fraktion. Zuletzt nahm sich auch die «Frankfurter Rundschau» kurz des Produkts aus Basel an.

«Der Europäer» – Stelldichein der Verschwörer

Einer, der früh auf die «Expresszeitung» aufmerksam wurde und im Internet dafür warb, ist Thomas Meyer. ­Meyer ist Chef des anthroposophischen Perseus-Verlags mit Sitz in Arlesheim. Dessen Bücher tragen Titel wie «9/11 als Herausforderung für neues Denken» oder «Das Rätsel des Judentums» und handeln von spirituellen Reisen zu Selbstmördern und der Reinkarnation Anne Franks. Insgesamt bietet Meyer ein breites Sortiment von Büchern, allesamt mit dem Duktus, sich vom «Mainstream» abzuheben und die allgemeine Geschichtsschreibung zu hinterfragen.

Im Perseus-Verlag erscheint auch das Magazin «Der Europäer». Meyer zeichnet als Chefredaktor verantwortlich. Wie gross die Resonanz seiner Publikationen ist, bleibt unklar. Am Telefon beruft sich Thomas Meyer auf das Geschäftsgeheimnis, als die «Schweiz am Wochenende» ihn zu den Auflagezahlen befragt. Dafür fallen die üblichen Schlagworte. Meyer erkennt in allem einen Zusammenhang, vom Kennedy-Attentat («inszeniert») zu 9/11 («orchestriert») zu einer Weltregierung um Bill Gates, die Covid-19 als Waffe gegen die Bevölkerung einsetzt, um Dinge wie bargeldloses Zahlen zu beschleunigen, ist es für Meyer nur ein kleiner Schritt. Auch er arbeitet an einer – überschaubaren – internationalen Vernetzung und verlegt deshalb ein englischsprachiges Pendant zum «Europäer». Darin schreibt unter anderem Terry Boardman, der in England Vorträge zur «neuen Weltordnung» hält und an Ufo-Kongressen auftritt.

In der Juni-Ausgabe des «Europäers» schaffte es Meyer, verschiedene internationale Verschwörungstheoretiker ins Blatt zu hieven. Das Vorwort etwa schrieb Elias Davidsson. Einen «Brief an die Zukunft» verfasste James Corbett, der auf Youtube zu einem Publikum von immerhin 450000 Abonnenten über Verschwörungen schwadroniert. Im aktuellen «Europäer» steht sein Satz: «Aber denkt daran: Solange das Blut unserer Vorfahren noch durch eure Adern fliesst, ist das Licht der Freiheit für die Menschen noch nicht endgültig erloschen.» Wer solchen Ahnenpathos mit Freiheit assoziiert, für den ist der Übertritt zur Blut-und-Boden-Ideologie nicht mehr weit. Dazu passen seine Videos über jüdische Bankiers als Zerstörer der Wirtschaft und dass eigentlich Israel hinter den Attentaten vom 11. September stecke.

Wer nach Verbindungen zwischen den Autoren forscht, landet schnell einmal beim Berliner «Institut für soziale Dreigliederung». Die Organisation kümmert sich um Forschung und Vorantrieb einer Idee Rudolf Steiners, wonach die Gesellschaft umzugestalten sei. Weg von einem einheitlichen Staat hin zu den drei unabhängigen Bereichen Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben.

Das Goetheanum sieht sich zur Reaktion gezwungen

Meyer selber ist dem Paracelsus-Zweig zugetan, der innerhalb der anthroposophischen Gemeinschaft um Einfluss ringt. Er war es auch, der vor rund zwei Jahren im Basler Scala ein Podium organisierte mit Lichtgestalten der Verschwörungscommunity: Ken Jebsen, der bereits erwähnte Elias Davidsson und Daniele Ganser. Dass diese drei ihre Wurzeln in der Steiner-Lehre haben, ist kein Zufall. Die Meinungs- und Gedankenfreiheit hat in der Anthroposophie einen fast uneingeschränkten Stellenwert. Rudolf Steiner selbst pflegte Wissenschaft mit Mystik zu vermischen und finanzierte eine Schrift, welche die Schuld am Ausbruch des 1. Weltkriegs den Juden und Freimaurern zuschob. Meyer ist nicht allein. In Basel gibt es etwa einen Verband anthroposophischer Kunsttherapeuten mit über 150 Mitgliedern, der auf seiner Internetseite für «Covid-19-Gegendarstellungen» wirbt und all jenen eine Plattform bietet, die in der Coronakrise reine Panikmache sehen.

So breit zirkulieren derzeit Verschwörungstheorien innerhalb der anthroposophischen Community, dass sich sogar das Goetheanum als Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft öffentlich dagegen wehrt. Die «Verschwörungstheorien über den Ursprung dieser Pandemie, wie sie nicht selten auch in anthroposophischen Zusammenhängen zirkulieren», seien «problematisch», heisst es in einer Stellungnahme.

Als die «Schweiz am Wochenende» das Gesundheitszentrum am Goetheanum erreicht, zeigt sich Claudia Holtermann am Apparat richtiggehend erleichtert. Das Sekretariat werde derzeit überflutet mit Anfragen und Leuten, die auf Youtube irgendwelchen Theorien anheimgefallen sind. «Vieles kommt in der Tat aus anthroposophischen Kreisen», sagt Holtermann und stellt gleichzeitig klar: «Diese obskuren Theorien um eine Weltverschwörung sind unseriös und entsprechen nicht unserer Meinung.» Nichtsdestotrotz ist die Meinung des anthroposophischen Gesundheitszentrums nicht deckungsgleich mit dem Bundesamt für Gesundheit. Die alternative Medizin wehrt sich gegen Desinfektionsmittel, Kontaktverbote von Schwerkranken sowie fiebersenkende Medikamente und vertrat von Anfang an die Haltung, Kinder spielten in der Verbreitung der Krankheit kaum eine Rolle.

Freikirche: Polizeieinsatz wegen Gottesdienst

Eine besondere Rolle nahmen in der Coronakrise einige Freikirchen ein. Während sich die Mehrheit völlig BAG-konform verhielt und sämtliche Gottesdienste abblies, finden sich auch Widerständige im christlichen Milieu. Besonders aufgefallen war eine Kirche in Mulhouse. Deren religiöses Treffen mit über 2000 Teilnehmenden gilt als wichtiger Herd zur Verbreitung der Krankheit in der Region. Auch Teilnehmende aus der Schweiz steckten sich an. Im Baselbiet starb ein 54-jähriger Mann, der nach Aussagen des kantonalen Krisenstabs am religiösen Treffen teilgenommen hatte. Zu jenem Zeitpunkt waren in Frankreich Veranstaltungen dieser Grössenordnung zwar nicht verboten. Doch muss sich die ­Église Porte Ouverte Chrétienne von Mulhouse vorwerfen lassen, später nochmals einen Gottesdienst durchgeführt zu haben. Die Verantwortlichen wollten die Predigt aufzeichnen.

Auch in der Schweiz gibt es eine kleine Glaubensgemeinschaft, die Gottesdienste entgegen den Vorschriften abhalten wollte. Dies ergeben Recherchen dieser Zeitung. Die Gemeinde «Jesus Christus erneuert» wollte sich am Sonntagmorgen wie gewohnt an der Eulerstrasse treffen, als plötzlich die Polizei auftauchte und die Veranstaltung auflöste. «Die Personen wurden über den Inhalt der bundesrätlichen Verordnung aufgeklärt und zeigten sich einsichtig; ein gutes Dutzend bereits vor Ort wartender Personen wurde nach Hause geschickt», bestätigt Polizeisprecher Martin Schütz. Bereits am darauffolgenden Sonntag wiederholte sich die Szene. Dann allerdings hatte sich nur eine Familie dort eingefunden. Auf Anfrage wollte die Kirche keine Stellung nehmen.

Viel lässt sich nicht in Erfahrung bringen über die kleine Gemeinde. Vor rund vier Jahren berichtete die «Tageswoche» über die ultrakonservative Splittergruppe. Sie hatte am Claraplatz Comichefte verteilt, die Homosexuelle als Besessene darstellten und den Islam oder auch die Evolutionstheorie als «Lüge Satans» verteufelten. Eine wichtige Figur für die Gemeinde ist Rebecca Brown, deren Bücher die Website der Freikirche referenziert. Brown ist geprägt von einem starken Dämonenglauben, in ihren Büchern rät sie etwa Christen, wie sie sich von Flüchen befreien können.

Ähnlich, jedoch fast schon im Bereich der Skurrilität, bewegt sich zudem eine Kirche aus Lörrach. Die Kenneth Copeland Ministries vertreten die Ansicht, Wohlstand sei ein Zeichen der Gunst Gottes und folgen dem amerikanischen Fernsehprediger Kenneth ­Copeland. Dieser machte weltweit auf sich aufmerksam, als er Ende März behauptete, das Coronavirus durch sein Gebet weltweit besiegt zu haben. Kurz darauf schoss die Zahl der Infektionen nicht nur in den USA in die Höhe.

Die «Schweiz am Wochenende» erfuhr zudem von einer weiteren Freikirche, welche früh wieder Gottesdienste abhielt. Für eine Anfrage war die Gemeinde allerdings nicht erreichbar.
Dennoch: Es ist davon auszugehen, dass die genannten Beispiele Ausnahmen darstellen. Viele angefragte Gemeinden gaben an, die Regeln des Bundesamts für Gesundheit sehr strikt umgesetzt zu haben. Dabei spielte die Vorgeschichte aus Mulhouse durchaus auch eine Rolle: Für die Chrischona-Gemeinde in Liestal kam es nicht in Frage, die vom Bund vorgegebenen Regeln zu brechen. Pastor Beat Brugger sagt: «Wir hatten den Fall in Mulhouse verfolgt und waren uns einig, dass wir eine andere Publicity für unsere Gemeinde wollen.» Darum habe man schon eine Woche früher als angeordnet auf den wöchentlichen Gottesdienst verzichtet. Dafür hält die Freikirche seither Onlinegottesdienste und Treffen mit den Gläubigen ab.

Die Masse der spontan Entflammbaren

Was bleibt von den Corona-Rebellen? Auf den ersten Blick nicht viel. Manche dürften sich in weitere Verästelungen der Esoterik geflüchtet haben, einige werden sich wohl auch in die Gefolgschaft von Verschwörern wie Daniele Ganser und Konsorten oder sogar Rechtsextremen begeben haben. Ein grosser Teil aber wird wieder verschwinden, sich dem Alltag widmen, dem Beruf und der Familie, sobald die eigenen Entbehrungen vergessen gehen. Dieser Teil aber sollte vielleicht fast am meisten zu denken geben, denn das hat diese so wirkungs- wie zwecklose Rebellion eindrücklich unter Beweis gestellt: Es gibt in der Mitte der Gesellschaft eine mobilisierbare Masse, die bei verhältnismässig kleiner Widrigkeit das Vertrauen in den Staat verliert; die Zusammenhänge erkennen will, wo es keine gibt, und die sich aus unterschiedlichen Motiven dem widersetzen will, was für die öffentliche Gesundheit richtig ist.

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