Sarah-Joy Rae hüpft beim Seilspringen zwei Mal schneller, als der Sekundenzeiger auf der Uhr vorrückt. 15 Minuten lang touchiert das Seil gleichmässig den Boden, schneidet geräuschvoll die Luft. Um ihre Handgelenke und Hände hat die 35-Jährige je drei Meter lange, leuchtend gelbe Stoffbandagen gewickelt. Schlüpft sie nach dem Aufwärmen in die Boxhandschuhe und lässt ihre Fäuste in die schwarzen Wandpolster krachen, sollen sie ihre Gelenke schützen.

Frauenboxen fristet in der Schweiz ein Dasein als Randsportart. Im Leben der schweizerisch-jamaikanischen Doppelbürgerin spielt es eine Hauptrolle. Unter der Woche trainiert sie bis zu zwei Mal täglich, am Samstag einmal. An diesem Mittag trimmt sie sich alleine im Club des Frauenboxteams Basel. Draussen zwitschern Vögel, drinnen peitscht Musik die Athletin an. Doch die Bässe wummern in Zimmerlautstärke, ärgern keine Nachbarn. Rae hat eine künstliche Provokation nicht nötig. Mit Hanteln in den Händen boxt sie minutenlang in die Luft, dreht sich pfeilschnell um die eigene Achse. Die Sohlen ihrer Boxstiefel quietschen, wenn sie abrupt die Richtung wechselt. Schweiss perlt auf ihrer Stirn.

Doktorarbeit über junge Mörder

Um zwölf Uhr hat sie mehr als die Hälfte ihres Arbeitstages hinter sich. Um sieben Uhr fährt sie ihren Computer hoch, greift zu den Akten. Seit fünf Jahren arbeitet sie als Basler Jugendanwältin. Die 35-Jährige ist die Jüngste im fünfköpfigen Team. Sie gilt als engagiert und stieg Anfang Jahr zur stellvertretenden Abteilungsleiterin auf. Müssen delinquente Jugendliche bei Rae vorsprechen, deutet nichts in ihrem Büro auf Kampfsport hin. Einzig ein kleines Bild eines karibischen Strands verrät etwas über die Juristin. Dort, in Jamaika, lebt die Familie ihres Vaters. Für den Inselstaat tritt Rae als Boxerin an internationalen Wettkämpfen an. Aktuell bereitet sie sich auf einen Länderkampf gegen Panama vor. «Wenn die Organisation tatsächlich klappt. Das ist in Jamaika nie ganz sicher», sagt sie.

Über die Heimat ihres Vaters hat sie auch ihre Doktorarbeit geschrieben. Obwohl sie dachte, das Land gut zu kennen, realisierte sie erst als Praktikantin bei der UNO, wie stark die Kriminalität das Land im Würgegriff hält. Sie suchte nach Studien. Da sie nichts fand, beschloss sie, selber der hohen Mordrate nachzugehen. Bei den Interviews traf Rae primär auf junge, männliche Täter, die Spuren von Mangelernährung und Unterentwicklung aufwiesen. «Sie waren als Knaben sehr früh auf sich gestellt und hatten ohne Schulbildung auf legalem Weg kaum eine Chance.» So rutschten sie rasch in die Illegalität ab. «Ausser ihrer Ehre besitzen sie nichts. Entsprechend können sie bereits bei kleinen Beleidigungen überreagieren. Nicht selten endet ein Streit tödlich», sagt Rae.

Heute ist sie mit gänzlich anderen Biografien und Delikten konfrontiert. «Fast alle Jugendlichen, die eine Straftat begehen, werden bei uns vorgeladen. Uns interessiert auch der kleinste Ladendiebstahl», sagt Rae. Häufig zeige bereits diese Vorladung die gewünschte Wirkung: «Das Wichtigste ist, dass die Jugendlichen mit einer Schule oder Ausbildung eine Tagesstruktur haben. Sagen sie, sie würden nur ‹chillen›, schrillen bei uns die Alarmglocken.» Muss zudem ein Jugendlicher mehrfach bei Raes Team antraben oder wiegt seine Tat schwer, beginnen vertiefte Abklärungen.

Vorurteile prallen an ihr ab

Die Klischees einer Boxerin straft Rae Lügen. Nicht bloss wegen Doktortitel und beruflichem Erfolg. Sie tritt so natürlich auf, dass gar ihr 750er-Töff nicht aufgesetzt wirkt. Auch ist ihre Biografie nicht von Armut, Gewalt oder einer tragischen Kindheit geprägt: Sie wuchs in Riehen als Einzelkind auf – «unspektakulär», wie sie sagt.

Mit Boxen begann sie als Leistungssportlerin verhältnismässig spät, im Alter von 24 Jahren. Vorher tanzte sie Ballett und Breakdance; spielte Tennis. Als eine frühere Schulfreundin ihr in der Stadt vom Box-Training vorschwärmte, liess sie sich zu einer Probestunde hinreissen. Interessiert daran habe sie vor allem das Ganzkörpertraining; inzwischen ist jede Faser ihres Körpers für den Kampf getrimmt. Ihre Faust erreicht eine Schlagkraft von 179 Kilogramm. Bereits drei Mal holte sie den Schweizer-Meister-Titel in ihrer Gewichtsklasse bis 54 Kilogramm.

Die ersten Siege feierte sie unter Boxtrainer Angelo Gallina, der auch «The Cobra» Arnold Gjergjaj trainiert. Gallina, der das Frauenboxen in Basel als einer der ersten förderte, versuchte neben Rae noch zwei weitere Basler Boxerinnen auf internationales Niveau zu pushen. Ein schwieriges Unterfangen, wie er sagt: «Weltweit hat die Schweiz im Boxen nichts zu melden. Auch wenn Athletinnen wie Sarah-Joy ein brutales Engagement an den Tagen legen, ist es unglaublich schwierig, international hochwertige Turniere zu gewinnen.» Trotz mehrfachen Anläufen an der WM oder EM steht in Raes Regal noch kein solcher Pokal.

Das habe eine gewisse Logik, sagt Gallina. In Ländern wie China oder Russland bestimme das Boxen vollumfänglich den Alltag der Spitzenathletinnen. Es ist ihr Job. Zudem gäbe es mehr valable Gegnerinnen vor Ort, um zu trainieren: «Wenn zwei in den Ring steigen, müssen beide zumindest die Chance haben, zu siegen. Sonst ist die Übung kontraproduktiv.»

Das hat auch Rae bei ihrem dritten Wettkampf erfahren müssen. Die schwedische Gegnerin war ihr derart überlegen, dass sie Angst bekam. Ein Gefühl, das lähmt. Sie war chancenlos. «Es war bislang der einzige Kampf, bei dem ich richtiggehend verschlagen wurde», sagt sie. Trotzdem stieg sie wieder in den Ring. Diese mentale Überwindung fasziniere sie am Boxen, sagt sie in einer kurzen Trainingspause: «Ich muss mich den Gegnerinnen, aber auch mir selber stellen. Bin ich nicht zu hundert Prozent konzentriert, sausen Fäuste auf mich nieder. Boxen muss man ernst nehmen, das ist kein Spiel.»

Selbstverwalteter Boxclub

Die Wege von Gallina und Rae trennten sich vor vier Jahren. Gemeinsam mit dem Frauenwettkampf-Team und einem Boxer trat sie aus Gallinas Traditionsclub aus. Er habe zu viele Athleten, die er trainieren würde; zu wenig Zeit, sich um die einzelnen kümmern zu können – so lautet die offizielle Version bis heute. Der Abgang war überstürzt, ein eigener Boxkeller fehlte. Das Training hielten Rae und ihre Mitstreiterinnen bei warmen Tagen im Park ab; bei schlechtem Wetter in einer Garage. Seit 2013 haben sie nun einen eigenen Club im St. Johann, den sie selbst umgebaut haben und nun verwalten. Einen externen Trainer ziehen sie nur punktuell hinzu, die Frauen trainieren sich gegenseitig. Eine von ihnen ist Linda Briem. Obwohl sie alle sehr unterschiedliche Charaktere seien, funktioniere die Zusammenarbeit sehr gut, sagt sie: «Der Erfolg unserer Boxerinnen hält an. Und die Freude am Sport ist in den Trainings stets spürbar.»

Briem bezeichnet Rae als Kollegin, die im Team ausgleichend wirke. «Sie ist scharfsinnig und analytisch. Mit ihrer herzlichen und sozialen Art trägt sie viel zur guten Stimmung in der Gruppe bei», sagt Briem. Sie traut der 35-Jährigen in den nächsten fünf Jahren noch viel zu. Spätestens dann ist für Rae Schluss mit Turnieren; an Wettkämpfe sind Sportlerinnen bis zu ihrem 40. Altersjahr zugelassen.

Und was plant Rae selber noch? In diesem Jahr will sie ihren Schweizer-Meister-Titel verteidigen; im nächsten Jahr ist ihr Ziel die WM. Alles Weitere sei offen. Sicher ist, dass sie den Boxsack noch an so manchen Mittagen traktiert. Denn dabei kann sie alles hinter sich lassen, auch die Straftaten von Jugendlichen.