Eigentlich wollte Viviane Steffen nie mehr an einem Jassturnier teilnehmen. Ihre erste Teilnahme vor rund zwei Jahren hat ihr die Lust genommen. «Ich kannte die Turnierregeln nicht und habe Fehler gemacht», erklärt sie. Die anderen Teilnehmer hätten sich über sie geärgert und geschimpft. Zwei Jahre später hat sich das Blatt gewendet: Viviane Steffen sitzt in der Küche ihrer Eltern in Bretzwil und erzählt gelassen davon, wie sie am vorletzten Wochenende die Schweizer Schieber-Meisterschaft gewonnen hat.

In dieser Küche hat alles begonnen. Als sie zehn Jahre alt war, hat die heute 23-Jährige von ihren Eltern das Jassen gelernt. Zur Leidenschaft wurde es jedoch erst vor etwa sechs Jahren, als sie mit ihrem Freund zusammenkam. «Da konnten wir endlich zu viert spielen. Ich mit meiner Mutter, mein Freund mit meinem Vater. Wer verlor, musste zwei Franken in die Kasse einzahlen.» Die Spiel-Bilanz halten die Steffens auf farbigen Zetteln fest, gut sichtbar an die Küchenwand gepinnt.

Die Angst vor dem ersten Spiel

Viviane Steffen teilt ihren Wohnsitz zwischen ihrem Elternhaus und der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Freund. Von Bretzwil aus ist sie schneller in Liestal, wo sie als stellvertretende Abteilungsleiterin einer Bank arbeitet. Steffen ist Quereinsteigerin, hat ursprünglich eine Detailhandels-Lehre bei der Post absolviert. Neben der Arbeit liest sie gerne. Krimis, Fantasy. Science Fiction. Alles, ausser Romane.

Und dann ist da noch das Jassen, sicher zwei bis drei Mal pro Monat. Nur aus Spass nahm Steffen an der Online-Qualifikation für die Schweizer Schieber-Meisterschaft teil, die von der Blick-Gruppe und Swisslos veranstaltet wird. Mühelos schaffte sie es unter die besten 120 und somit an das grosse Final-Turnier in Zug. Nach den schlechten Erfahrungen an ihrem ersten Turnier habe sie anfangs Angst gehabt, so Steffen. «Ich fürchtete, dass ich wieder nicht akzeptiert werde.» Dabei schätzt Steffen den Austausch mit älteren Generationen und möchte die schweizerische Tradition gerne weitergeben. «Es wäre schade, wenn nur die älteren Leute spielen und das Jassen verloren gehen würde.»

Vor dem ersten Spiel war sie dementsprechend nervös. «Ich sass total zittrig an diesem Tisch, das fiel auch meiner ersten Jasspartnerin Romy auf», erzählt Steffen. Diese habe dann aber ihre Hände genommen und sie beruhigt. Danach ging es für die 23-Jährige nur noch bergauf, bis ins Finale. Damit hätte sie nicht gerechnet. So war sie auch nicht darauf vorbereitet, mit den deutschen Karten zu spielen. «Das war das grösste Hindernis für mich», erzählt Steffen. «Es kam so weit, dass ich mich vor dem Finale auf der Toilette verschanzt und nochmals auf dem Handy geübt habe».

Konkurrenten freuten sich für sie

Trotz der deutschen Karten meisterte die 23-Jährige auch die Finalspiele ohne Probleme. Steffen hatte die Sympathie der anderen Teilnehmer gewonnen, die sich bei jedem gelungenen Spielzug für sie freuten. «Als junge Frau war ich die Aussenseiterin unter den Teilnehmern», sagt Steffen. Auch von den Kommentatoren im Saal gabs viel Lob: «Sie jasst wie ein Champion», hört man in der Final-Aufzeichnung. Kurz vor ihrem Sieg war auch den beiden Männern klar: «Diese junge Dame mischt den Altherren-Club auf».
«Ich hatte den ganzen Tag über saumässiges Glück», betont sie nach dem grossen Erfolg. Ihre

Karten seien so gut gewesen, dass sie nicht viel dazu tun musste. Ihre schlechte Turnier-Erfahrung haben die positiven Reaktionen nach dem Sieg bei weitem wieder ausgeglichen. Und ganz bestimmt wird Steffen bei der nächsten Schieber-Meisterschaft wieder dabei sein, ebenso hat sie sich mit dem Sieg einen Auftritt als Telefon-Jasserin beim «Samschtig-Jass» erspielt. Steffens liebste Bühne bleibt jedoch der Küchentisch im Elternhaus.