Jubiläum

40 Jahre Palazzo in Liestal: «Wir waren die Kulturexoten am Bahnhofplatz»

Niggi Messerli, Mitbegründer des Palazzo Liestal, sucht nach 40 Jahren nach einer Nachfolgeregelung.

Niggi Messerli, Mitbegründer des Palazzo Liestal, sucht nach 40 Jahren nach einer Nachfolgeregelung.

Palazzo-Direktor Niggi Messerli über die Anfänge, die Höhepunkte und die Zukunft des Kulturhauses in Liestal.

Im ersten Stock unmittelbar neben dem Gleis 1, wo die durchrauschenden Züge alle paar Minuten die hohen Wände und alten Holzböden zum Erzittern bringen. Hier hat Palazzo-Direktor und Mitbegründer Niggi Messerli sein Büro. So ziemlich alle Geschäfte in der Geschichte des Mehrsparten-Kulturbetriebs sind über den Schreibtisch des 68-Jährigen gegangen: Verträge, Abrechnungen, Protokolle, Finanzierungsgesuche, Bewerbungen, Briefwechsel.

Unser Gespräch wird ein paarmal unterbrochen: durch ein klingelndes Telefon, eine ankommende Mitarbeiterin und eine Künstlerin, die nach dem Schlüssel zu den Ausstellungsräumen fragt.

Wie entstand eigentlich die Idee, im Liestaler Bahnhof ein Kulturhaus zu eröffnen?

Niggi Messerli: Als junger Künstler und Fotograf wollte ich mit andern zusammen eine Art Sommerakademie gründen, und wir suchten zunächst in der Bretagne nach einem geeigneten Ort dafür. Dann schauten wir uns im Baselbiet um und hörten, dass die alte Post in Liestal zum Teil leer stehe und zu kaufen sei. Dass wir hier zeitgenössische Kunst als Alternative zu den Museen und zur offiziell geförderten Kunst zeigen wollten, stiess beim Verantwortlichen der Post erstaunlicherweise auf offene Ohren.

Zuerst mussten wir eine Aktiengesellschaft gründen. Dafür hatte jeder der Initianten – Peter Jakob, Niggi Lehmann, Christian Schweizer und ich – 5000 Franken aufzutreiben, beim Hauskauf halfen uns zwei Banken. Wir vier sind heute noch Besitzer des Palazzo.

Gab es Startschwierigkeiten?

Die Anfänge waren harzig, wir eckten an. Zwar waren wir im Städtchen an zentraler Lage, aber wir wurden gleichzeitig auch als Exoten angesehen, die für ein neues, noch ungewohntes Kulturverständnis standen. «Autonom, chaotisch, selbstbewusst», stand auf einem unserer Kleber, der tatsächlich beschlagnahmt wurde. Vor allem das Kleingewerbe in der Nachbarschaft wollte uns mit Unterschriftsammlungen das Leben schwer machen.

Provokativ war, als wir einmal ein übergrosses Kubrik-Filmplakat an der Fassade anbrachten. Es gab laute Punkkonzerte, und Eltern sollen ihren Kindern verboten haben, ins Palazzo zu gehen. Uns ging es ja nicht nur um Kultur, sondern auch um gesellschaftspolitische Themen. In unsere Anfangszeit fiel etwa die Anti-AKW-Bewegung. Bei der Frage um Subventionen bekamen wir den bürgerlichen Gegenwind besonders zu spüren, erhielten aber auch Unterstützung der Linken. Die Politik hat uns immer begleitet – sie begleitet uns noch heute.

Hatten Sie Kontakt mit anderen Kulturzentren, die damals entstanden?

Ja, wir tauschten uns aus, besuchten einander. Jedes dieser Häuser hatte eine etwas unterschiedliche Ausrichtung. Anders als etwa das Hirscheneck und die Kaserne in Basel war es uns wichtig, eine Plattform für aktuelle Kunst zu bieten. Nicht für uns Künstler selber, sondern für Kollegen und Kolleginnen, die wir jeweils für Ausstellungen einladen.

Von daher entwickelten wir gleich zu Anfang ein Konzept für Kuratoren und Gastkuratoren, denen wir jeweils freie Hand lassen – das ist heute noch so. So kamen wir früh an namhafte Künstler und Künstlerinnen heran. Heute sind wir in der Kunstszene, die neuen Entwicklungen und Strömungen gegenüber offen ist, mit den Ausstellungen gut präsent.

Gab es andere kulturelle Höhepunkte?

Vor allem die Leute im Theatersaal arbeiteten mit Aufführungen, Lesungen und Konzerten zeitweise sehr erfolgreich. Viel Publikum lockten etwa Rave-Festivals an oder auch Konzerte mit Toni Vescoli, Stiller Has, Stephan Eicher und anderen mehr – da kamen einmal 300 Leute in den Saal, der eigentlich nur für 100 Platz hat. Auch das Kino mit seinem ausgewählten Spezialprogramm wird von Kennern geschätzt.

Und finanziell? Hatte der Betrieb auch schwierigere Zeiten durchzustehen?

Nein, wir passten dann jeweils unsere Löhne an … (lacht). Mit den Mieteinnahmen der Ateliers und der Geschäfte konnten wir unsere Ausgaben in der Regel ungefähr decken. Wir verdienen zwar wenig, aber es ist und war uns immer ein Anliegen, dass die Leute einen Lohn bekommen. Wegen organisatorischer und personeller Fragen gab es aber schon einige Krisensitzungen ...

Wie hat sich die Akzeptanz im Städtchen verbessert?

Das Palazzo begann mit den Jahren auch für die Jungen attraktiv zu werden. Die Lärmklagen hielten sich zunehmend in Grenzen, und die Nachbarn gaben ihren Widerstand auf. Als neben der ideellen Unterstützung von Bundesamt für Kultur, Kanton Baselland und Stadt Liestal auch die Subventionen für Kunsthalle, Kino und Theater eintrafen, hat uns das geholfen zu überleben. Wir wurden mit der Zeit ernst genommen.

Das Palazzo steht mitten in einem begehrten Planungsgebiet um das Bahnhofareal – wird es sich halten können?

Wir profitieren eindeutig von dieser Entwicklung. Finanziell stehen wir heute – vor allem wegen der relativ hohen Gesamtmieteinnahmen – gesund da. Es gibt mehrere Interessenten, die sich an der Kulturhaus Palazzo AG beteiligen wollen, in jedem Fall sollen die kulturellen Angebote sowie die Infrastruktur dazu erhalten und ausgebaut werden. Auf Eis liegen leider unsere Expansionspläne jenseits der Geleise, wo wir eine zusätzliche Liegenschaft für Ateliers kaufen oder betreiben möchten.

Ist Ihre Nachfolge als Direktor des Hauses geregelt?

Noch nicht. Zum einen sind die Modalitäten einer Reduktion meines Arbeitspensums auch aus Altersgründen sowie jene der übrigen drei Gründungsmitglieder noch nicht geklärt. Wir sind noch auf der Suche nach Investoren, die einen Teil der Aktien übernehmen. Und zum andern ist die Person oder das Team, das Teile der Leitung des Betriebs übernehmen soll, noch nicht gefunden. Mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin müsste jemand sein, der oder die neben Erfahrungen und Fähigkeiten im Kulturmanagement auch über juristische Kenntnisse verfügt. Es ist ein toller und vielseitiger Job.

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