Kaum zu glauben, mit welch schnellen Zeiten Hans-Ruedi Wiedmer und Daniel Riedo vor 50 Jahren aufgewartet haben. Vor exakt einem halben Jahrhundert nahmen die beiden Leichtathleten des TV Pratteln AS an den Olympischen Sommerspielen in Mexiko-Stadt teil. Wiedmer sprintete über 100 und 200 Meter, Riedo startete über 110 Meter Hürden – mit unterschiedlichem Erfolg.

Über die kurze Distanz in 10,2 Sekunden war Wiedmer damals Schweizer Rekordhalter, über die halbe Bahnrunde stand er mit 20,8 zu Buche. Riedo hielt zusammen mit zwei Rivalen in 14,1 Sekunden die nationale Rekordmarke im Hürdensprint. Ihre Bestleistungen, teils noch auf Aschenbahnen realisiert, sind auch im Vergleich zu den aktuellen Rekorden mehr als respektabel. Die bz traf den heute 76-jährigen Daniel Riedo und Hans-Ruedi Wiedmer (73) und sprach mit ihnen über ihre Olympia-Erinnerungen in der mittelamerikanischen Metropole.

Abgesondert statt Einmarsch

Die ganze Schweizer Delegation mit gegen 90 Athletinnen und Athleten aus zwölf Sportarten reiste in einem Swissair-Flugzeug zum Grossanlass. Später geschah dies gestaffelt. «Es war ein spezielles Gefühl – schon einfach dabei sein dürfen. Viele Leute kannte ich nur aus der Zeitung. Die Ankunft war überwältigend», blickt Riedo zurück. Und dann die Fahrt ins olympische Dorf. Beeindruckt war er auch von der Eröffnungsfeier.

Dieser musste Wiedmer fernbleiben, weil er tags darauf seinen Vorlauf über 100 Meter zu bestreiten hatte. Er wurde zusammen mit Werfer Edy Hubacher in ein Nestlé-Center verfrachtet, damit sie dort ihre Ruhe hatten. «Dies bewirkte aber das Gegenteil. Wir waren abgesondert und inaktiv», erinnert sich Wiedmer. Er hätte lieber auch am Einmarsch teilgenommen. Damit wäre die Spannung gestiegen, und er hätte am nächsten Tag aus dem Vollen schöpfen können.

Dressurreiterin bei Leichtathleten

Der 100-Meter-Rekordhalter weilte in Mexiko-Stadt «mit den schönen Strassen» erstmals «so richtig» im Ausland. Im olympischen Dorf wohnten die Schweizer in einem Block in Einzelzimmern mit Dusche. Dort hatte es mehrere Esssäle, wo sich auch Olympia-Teilnehmer anderer Länder verpflegten. Schon damals hatten die Schweizer einen eigenen Koch dabei. «Wir kamen mit anderen Athleten zusammen. Ich ass ein paar Mal mit der jungen Dressurreiterin Christine Stückelberger. Sie war nur Ersatz und wurde von den anderen Dressurreitern nicht richtig ernst genommen. Sie fühlte sich bei uns Leichtathleten wohler», berichtet Daniel Riedo. Stückelberger zeigte es acht Jahre danach allen und wurde in Montreal Olympiasiegerin.

Hans-Ruedi Wiedmer schaute in seinem späteren Berufsleben, als er etwa 40 Jahre nach den Spielen in Mexikos Hauptstadt eine Filiale seines Arbeitgebers besuchte, nochmals beim olympischen Dorf vorbei. Er erkannte es kaum wieder. «Ich war enttäuscht.»
Die beiden nutzten ihre trainings- und wettkampffreie Zeit, um die Millionen-Kapitale zu erkunden. «Wir sahen einiges von der Stadt. Für mich war vor allem die Autobahn eindrücklich, 20 bis 30 Kilometer einfach nur an Häusern vorbei – ein Novum für einen Landbuben», schildert Wiedmer, der viel mit Fechter Christian Kauter unterwegs war, aber auch mit Edy Hubacher und Daniel Riedo. Die Schweizer Leichtathleten hatten das Glück, gratis drei grosse Amerikaner-Schlitten benutzen zu dürfen, die ihnen vom Vater des Speerwerfers Rolf Bühler zur Verfügung gestellt worden waren. Das Familienunternehmen Bühler stellte Müllerei-Maschinen her und rüstete damit Mexikos Staatsmühlen aus.

Riedo weiss noch, wie er den Vorlauf «wie in Trance» lief. Bei der sechsten, siebten Hürde sei ihm bewusst geworden, dass er mindestens Dritter werden müsse, um weiterzukommen, was ihm gelang. Der 1,94 Meter grosse Athlet konnte dank langer Beine und langen Hebels seine Stärke jeweils ab Streckenhälfte ausspielen. «So habe ich meistens die Rennen gewonnen.» Der sechste Rang in seinem Halbfinal war für Daniel Riedo ein Erfolg. Denn die zwei hinter ihm platzierten Hürdensprinter waren vor Olympia schnellere Zeiten gerannt als der Prattler.
Hans-Ruedi Wiedmer war ein exzellenter Starter und lag in der Regel bis etwa 70 Meter vorne, konnte danach aber nicht mehr so stark zulegen wie andere. Just im 100-Meter-Vorlauf produzierte er einen Fehlstart und beraubte sich damit seines Vorteils. «Dann musste ich aufpassen.»

Wiedmer stampfte durchs Wasser

Über die 200 Meter lief es Wiedmer im Vorlauf besser. Kurz vor dem Viertelfinal ging über der Stadt ein starkes Gewitter nieder. «Der furchtbare Regen setzte die mir zugeloste Innenbahn unter Wasser», erzählt er. US-Sprintstar Tommie Smith, nachmaliger Olympiasieger und Weltrekordler, anerbot sich, mit Wiedmer die Bahn zu tauschen. «Er ging zu den Kampfrichtern, was mich wahnsinnig edel dünkte. Aber er kam nicht durch», erläutert Hans-Ruedi Wiedmer, «und so stampfte ich in der Kurve, die auch meine Stärke war, durchs Wasser und wurde bloss Siebter.»

Der Oberbaselbieter fing im Sommer eine Virusinfektion ein, die ihn zurückwarf. Während des ganzen Julis konnte er nur reduziert trainieren. Im September stand ein zweiwöchiges Trainingslager in St. Moritz an, um sich auf die Höhenlage in Mexiko-Stadt vorzubereiten. Deshalb reisten die Schweizer früh an, um sich zu akklimatisieren. Das war Neuland.
Im Trainingsstadion, das sich im olympischen Dorf befand, hatten die beiden Baselbieter auch Kontakt zu Athleten anderer Nationen. Daniel Riedo führt aus, wie er und sein Trainer Armin Scheurer zu Trainingszwecken Hürden aufstellten und dabei überraschenderweise ein Amerikaner einige Froschhüpfe darüber machte. «Dieser hatte eine irrsinnige Sprungkraft.» Es war ein gewisser Bob Beamon, der ein paar Tage später mit seinem Jahrhundert-Sprung auf 8,90 Meter für einen sensationellen Weltrekord im Weitsprung sorgte. Hans-Ruedi Wiedmer sass damals auf der Tribüne und erlebte dies hautnah mit. Auch wurde er Zeuge des erstmals gesprungenen Fosbury-Flops durch Hochspringer Dick Fosbury.

Riedo musste umstellen

Wiedmer trainierte sporadisch mit einem ostdeutschen Athleten, die beiden kamen ins Gespräch. «Sobald aber andere Sportler oder Funktionäre aus der DDR dazu stiessen, tat er so, als würde er mich nicht kennen. Er mied mich», so Wiedmer. Bei Tschechen und Russen spürte man die Spannungen wegen des Prager Frühlings. Man sah, wie sie sich isolierten.

Wegen der grossen Dichte an starken Schweizer Mehrkämpfern musste Daniel Riedo, ein eigentlicher Zehnkämpfer, für die Olympischen Spiele eine Einzellimite erreichen. Er stellte um und versuchte es über die 110 Meter Hürden, über die er regelmässig schnelle Zeiten erreichte. Es klappte auf Anhieb: Innert dreier Tage realisierte Riedo zweimal 14,0 Sekunden. Damals gab es in der Schweiz nur eine Kunststoffbahn – im Letzigrund-Stadion in Zürich. Jeweils am Mittwochnachmittag stand die Anlage den Olympiastartern zur Verfügung. «Dafür musste ich dann am Samstagvormittag arbeiten. Das glaubt heute fast kein Mensch mehr», lacht der frühere Schweizer Rekordhalter im Hürdensprint.