«Die Vorwürfe stimmen nicht. Wir konnten gar nie alleine sein – es war quasi immer jemand dabei, der aufgepasst hat.» Dies beteuerte der 55-jährige Mann am Mittwoch vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz.

Die Vorwürfe datieren aus den Jahren 2010 bis 2015: Damals arbeitete der Mann aus gesundheitlichen Gründen in einer geschützten Werkstatt im Unterbaselbiet. Dort lernte er eine damals 17-jährige Lehrtochter mit Lernschwierigkeiten und ohne Freundeskreis kennen. Die zwei arbeiteten oft zusammen und freundeten sich an. Über Jahre hinweg nahm der 30 Jahre ältere Mann die Frau an Wochenenden regelmässig zu sich nach Hause und stellte sie seiner Ehefrau sowie den Kindern vor. «Das war eine Ersatzfamilie für mich», sagte die heute 26-jährige Frau am Mittwoch vor Gericht.

Gewaltige Risse in der heilen Familienwelt

Doch laut der jungen Frau hatte die heile Familienwelt gewaltige Risse: Der Mann soll sie über Jahre hinweg praktisch täglich am Arbeitsplatz in einem Kellerraum zu Oralsex gezwungen haben. Sie habe nur deshalb mitgemacht, weil er ihr gedroht hatte, sie könne sonst ihre Ersatzfamilie nicht mehr treffen.

Die Frau sagte, sie fühlte sich damals mitschuldig, deshalb habe sie erst im Sommer 2016 Anzeige gegen den Mann erstattet. Nach der Befragung durch das Gericht und den Verteidiger fragte Opfervertreterin Kathrin Bichsel ihre Mandantin, ob sie sich auch heute noch mitschuldig fühle. Die Frau bejahte.

Der 55-Jährige betonte hingegen, er habe damals schwer an Diabetes gelitten, hätte deshalb im handwerklichen Bereich kaum richtig arbeiten können und sei deshalb auch zu den vorgeworfenen sexuellen Übergriffen schon rein körperlich nicht in der Lage gewesen. Eine Erklärung für die Anschuldigungen hatte er nicht, meinte aber auf eine entsprechende Frage des Gerichtes, die Frau habe bei ihm einziehen wollen und sei wohl enttäuscht gewesen, dass er und seine Ehefrau dies abgelehnt hatten.

Bei der Frage, ob ihm die junge Frau gefallen habe, dachte allerdings wohl mancher im Gerichtssaal, er habe sich verhört: «Sie hat zwar abgenommen, aber nicht so viel. Wenn es etwas mehr gewesen wäre, hätte vielleicht etwas daraus werden können», erklärte der 55-Jährige. Staatsanwältin Nicole Wolf forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Jahren wegen sexueller Nötigung, die Aussagen der Frau seien glaubhaft. Der Mann habe eine Zwangssituation geschaffen und das unter massiven Selbstzweifeln leidende Opfer stark unter Druck gesetzt.

Verteidiger Matthias Aeberli hingegen forderte einen Freispruch. Die Anschuldigungen seien zu allgemein gehalten oder schilderten unrealistische Übergriffe. Durch das jahrelange Verfahren habe sich auch die Familie seines Mandanten gespalten.

Zwei Gutachten zur Glaubhaftigkeit der Frau

Über die Glaubhaftigkeit der Frau gibt es offenbar zwei verschiedene Gutachten, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Auch die Befragungen eines damaligen Vorgesetzten sowie von Familienmitgliedern brachten widersprüchliche Angaben. Das Dreiergericht fällt das Urteil heute Donnerstag.