Archäologie

600-jähriges Haus in Muttenz entdeckt

Die Archäologie Baselland hat in Muttenz das älteste noch aufrecht stehende Wohnhaus des Kantons Basel-Landschaft entdeckt. Sein Holzkern datiert aus dem Jahr 1418.

«Vermutlich waren wir das Gespött des ganzen Ortes, als wir das Haus gekauft haben.» Vor zwei Jahren flog Christine Montague extra von Malta in die Schweiz, um die Immobilie zu besichtigen, die ihr Mann John im Internet aufgestöbert hatte. Schon beim ersten Anblick hätten ihr ihre «guts», ihr Bauchgefühl, gesagt: «Das hier ist etwas ganz Besonderes.»
Jedem anderen kaufwilligen Ehepaar hätte der Anblick der Fassadenrisse und vielen Löcher im Dach wohl eher gesagt: «Lasst die Finger davon.» Doch sie beide habe der Kaufentscheid einfach nur glücklich gemacht. Christine Montague schildert die Umstände des aussergewöhnlichen Hauskaufs auf Englisch und mit elektrisierender Begeisterung.

Die Feststellung, wie besonders die Bruchbude an der Burggasse 8 in Muttenz wirklich ist, ist allerdings erst der guten Spürnase von Anita Springer zu verdanken. Als die Leiterin der Abteilung Bauarchäologie der Baselbieter Kantonsarchäologie das total verlotterte Gebäude nach erfolgter Baugesucheingabe inspizierte, entpuppte sich dieses als das älteste noch stehende Wohnhaus des Landkantons. Untersuchungen der Balken und eine Jahrringanalyse ergaben, dass das Holz im Winter 1417/18 geschlagen und im Frühjahr 1418 mit dem Bau begonnen wurde. Auf einer zeitgenössischen Skizze des Geometers Georg Friedrich Meyer um 1680 ist das Gebäude an der Burggasse eindeutig zu erkennen.

Einmaliger Lehmverputz

«Wir haben das Haus ein Jahr zu früh entdeckt, witzelt der Baselbieter Kantonsarchäologe Reto Marti an der gestern erfolgten öffentlichen Vorstellung des Hauses, «erst in zwei Jahren ist es wirklich 600 Jahre alt.» Was die rührigen Baselbieter Kantonsarchäologen natürlich nicht davon abgehalten hat, ihre Medienmitteilung trotzdem mit dem stolzen Titel «600-jähriges Holzhaus in Muttenz entdeckt» zu versehen.

Der Grund des Stolzes: Nirgendwo sonst in der Region ausserhalb der Stadt Basel ist ein so altes Wohnhaus registriert, dessen Bausubstanz noch so gut erhalten und vollständig ist. Dass Teile des Innengemäuers noch mit der ursprünglichen 600 Jahre alten Lehmbeschichtung versehen sind, dürfte laut Bauarchäologin Anita Springer sogar schweizweit einmalig sein. «Die gute Erhaltung des Bauwerks erlaubt einen einmaligen Einblick in die bescheidenen Wohn- und Arbeitsverhältnisse vor 600 Jahren. Für die archäologische Forschung wird damit die Kenntnislücke zwischen den bisher lediglich durch Ausgrabungen erfassten ländlichen Hausbefunden des Mittelalters und den ältesten noch stehenden Steingebäuden des Baselbiets aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts deutlich verringert.» So fasst die Kantonsarchäologie die wissenschaftliche Bedeutung der Entdeckung zusammen.

Unter den Kleinfundstücken hinter, zwischen und unter den Decken und Balken finden sich unter anderem mehrere Jahrhunderte alte Münzen und ein Kinderschuh aus Leder. Selbst die Strohhalme der Lehmfüllung enthalten Wissenswertes zu den Lebensumständen vor sechs Jahrhunderten.

Denkmalschutz beantragt

Zurück zu John und Christine Montague, beide geboren in Malta. Er Finanzexperte beim unabhängigen Finanzberater de Vere und seit sieben Jahren in Basel wohnhaft, sie mit einem Familienhintergrund in «construction», also aus dem Baugewerbe. Nach Aufenthalten in 22 Ländern und flügge gewordenen Kindern haben die beiden Wandervögel beschlossen, sich in der Schweiz niederzulassen.

Wie viel sie für das Haus in Muttenz bezahlt haben, wollen die beiden nicht verraten. Die Besichtigung des inzwischen bis auf die Mauern und das Fachwerk entkernte Gebäude verrät aber, dass die Sanierung und Wiederherrichtung als Einfamilien-Wohnhaus Hunderttausende von Franken kosten wird. Für gewöhnliche Hauskäufer und -sanierer dürfte der Umstand, dass sich die Denkmal- und Heimatschutzkommission einschaltet und beim Regierungsrat den kantonalen Denkmalschutz beantragt, zusätzliche Angstschweissausbrüche bewirken.
Nicht so bei den Montagues. Die ersten drei Architekten, die ihnen vorgeschlagen haben, das Haus gleich ganz abzureissen, haben sie davongejagt. Immer wieder bedanken sie sich bei der Bauarchäologin Anita Springer für deren guten Spürsinn. Sie sind fest entschlossen, «dem Haus den historischen Geist und die Seele zu bewahren», wie es John Montague ausdrückt. So sollen die historischen Fachwerkbalken innen sichtbar bleiben.

Den Umbau werden sie in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege durchführen, wie der stellvertretende Baselbieter Denkmalpfleger Walter Niederberger bestätigt. «Ein Glücksfall», kommentiert Kantonsarchäologe Reto Marti. Selbst wenn die Fertigstellung des neuen Eigenheims dadurch erneut verzögert wird.

«Nächstes Jahr ziehen wir ganz bestimmt hier ein», verkündet John Montague. «Sag das nicht», widerspricht ihm Christine, «das wolltest du schon vor einem Jahr». Beide scheinen kein bisschen genervt über die Umstände zu sein, sondern bestaunen sofort wieder die Struktur eines alten Fensters in der Hauswand neben der Holztreppe. In der Tat: So sehen glückliche Hausbesitzer aus.

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