Herr Koller, Sie folgen im Landrat auf Ihre politische Ziehmutter. Was verdanken Sie Hanni Huggel?

Adil Koller: Ich kenne Hanni, zumindest aus meiner Optik als 23-Jähriger, bereits ewig lang, etwa die Hälfte meines Lebens. Sie hat mich als Jugendlicher angefragt, bei der SP mitzumachen, und mich später in meinem Engagement begleitet.

Wie wichtig ist Hanni Huggel für die SP?

Koller: Hanni Huggel hat vor allem für die SP Münchenstein eine sehr grosse Bedeutung. Sie hat eine wichtige soziale Funktion in der Partei. Unzählige Vorstandssitzungen haben bei ihr zu Hause stattgefunden. Hanni leistet seit Jahren wertvolle Knochenarbeit und ist so gut wie bei allen Anlässen dabei. Die SP Münchenstein hat viele Mitglieder und schneidet bei kantonalen Wahlen überdurchschnittlich gut ab. Das ist auch Hannis Verdienst. Dass sie so wichtig für die Partei ist, würde sie wohl selber nie von sich behaupten. Es ist trotzdem so.
Hanni Huggel: Was ich für mich in Anspruch nehmen darf: Ich konnte in Münchenstein einige motivieren, sich in der Partei zu engagieren, vor allem Frauen. Zum Beispiel die ehemalige Gemeinderätin Susanne Haas oder die aktuelle Jeanne Locher.

Frau Huggel, Sie haben gestern Ihren vorzeitigen Rücktritt aus dem Landrat bekannt gegeben. Weshalb?

Huggel: Für mich war bereits vor der letzten Wahl 2015 klar, dass ich im Lauf der Legislatur zurücktreten und einem Nachfolger Platz machen werde – wer auch immer dieser Nachfolger oder diese Nachfolgerin sein werde. Zugegeben habe ich gehofft, dass Adil erster Nachrückender auf der Liste wird. Aber das lässt sich ja nicht beeinflussen. Dass er nun in der Zwischenzeit Parteipräsident ist, ist das i-Tüpfelchen. Auch wenn mich der Abschied doch etwas wehmütig stimmt, so finde ich doch: Das ist jetzt ein guter Zeitpunkt.

Die vorzeitigen Rücktritte sind ein heikles Thema: Jüngst gab es in der Basler SP eine Polemik, weil Nationalrätin Silvia Schenker nicht vorzeitig dem Nachrückenden Mustafa Atici Platz machen will. Weshalb haben Sie sich anders entschieden?

Huggel: Weil bei mir 2017 altersmässig der Zehnerzähler einen Sprung macht. Es ist höchste Zeit zum Gehen, es ist auch so abgesprochen mit der Sektion.

Sie sassen 14 Jahre im Landrat – in der Politik ist das eine lange Zeit. Wie hat sich die politische Kultur, der Umgangston verändert?

Huggel: Als ich neu in den Landrat kam, stand der Kanton finanziell viel besser da als heute. Das ist entscheidend, wenn wir über die politische Kultur reden. Die Auseinandersetzungen wurden weniger hart geführt als heute. Damals war das Politisieren im Landrat einfacher, zumindest habe ich es so in Erinnerung. Mit Bedauern stelle ich zudem fest, dass es heute bei der FDP an klassischen Liberalen mangelt. Sie waren für mich wichtige Partner in der Universitäts- oder der Kulturdebatte. Die SVP-Fraktion ist nicht «nur» zahlenmässig gewachsen, sondern nach meinem Empfinden deutlich nach rechts gerutscht. Auch von den Grünen und der CVP können wir bei sozialen Anliegen nicht immer auf Unterstützung zählen, wie das vor 14 Jahren noch der Fall war.

Adil Koller, was wird fehlen, wenn Hanni Huggel zurücktritt?

Koller: Hanni Huggel hat in den Kommissionen eine wichtige Rolle gespielt – unter anderem als ehemalige Präsidentin der GPK. Sie hat grossen Wert auf die vorbereitende Arbeit von Geschäften gelegt. Sie hat auch eine wichtige Rolle als Vermittlerin und Diskussionspartnerin hinter den Kulissen gespielt und immer kritische Fragen gestellt. Sie war wohl nicht jene, die im Parlament flammende Plädoyers gehalten hat.

Hanni Huggel, Sie pflegen einen anderen Stil als Ihr Nachfolger: Sie politisieren zurückhaltend und wirken ausgleichend. Adil Koller geht forsch zu Werk und äussert sich oft pointiert.

Huggel: Ich finde vor allem Adils Auffassungsgabe bemerkenswert. Er denkt sehr schnell, ich hingegen muss mir alles zuerst genau überlegen, bevor ich mich äussern kann und will.
Koller: Das ist nett, Hanni, aber diese Unterschiede sind doch vor allem auf unsere verschiedenen Rollen zurückzuführen. Ich bin Parteipräsident. Da muss man schnell reagieren und auch in die Offensive gehen.
Huggel: Aber es ist nicht nur das. Ich könnte nie so spontan so treffend argumentieren wie Du. Ein Teil meiner politischen Glaubwürdigkeit besteht auch darin, dass ich weiss und anerkenne, wo meine Grenzen sind. Ich habe im Landrat nie probiert, kompetenter zu erscheinen, als ich tatsächlich bin, habe aber immer interessiert die Meinungen der Fachpersonen aus der SP angehört. Ich gebe zu, wenn ich etwas nicht verstehe. Vielleicht habe ich deshalb in Münchenstein jeweils gute Wahlresultate erzielt: Ich habe mich nie verstellt.

Ist nach Ihrem Empfinden Adil Koller manchmal nicht etwas zu laut, zu polemisch?

Huggel: Nein. Natürlich war ich auch schon mal nicht einverstanden mit einer Äusserung. Das sagte ich ihm dann auch. Adil ist ein junger Parteipräsident und wächst immer besser in diese Rolle hinein. Wichtig ist für mich, dass ein Präsident Rückmeldungen aus seinem Umfeld aufnimmt – was Adil mit grösstem Respekt tut.
Koller: Für mich ist es ein Privileg, dass ich als Parteipräsident auf das Know-how und Wissen ehemaliger Parteigrössen zurückgreifen kann.

Adil Koller, hat Huggel zu konziliant politisiert?

Koller: Das denke ich nicht. Eine Fraktion muss politisch und vom Stil her breit aufgestellt sein, will sie erfolgreich sein. Für die SP trifft das auf jeden Fall zu. Es braucht sowohl jene, die im Rat aufstehen und mal austeilen als auch jene, die im Hintergrund die Vernetzungsarbeit leisten.

Vor dem Hintergrund des raueren Klimas dieselbe Frage an Sie, Frau Huggel: Hätten Sie öfter Ihren bürgerlichen Gegenspielern Paroli bieten müssen?

Huggel: Sie treffen einen wunden Punkt: Ich frage mich jeweils zweimal, ob ich im Landrat den Knopf drücken soll, um mich auf der Rednerliste anzumelden. Tendenziell gibt es in einer Debatte aber zu viele ähnliche Wortmeldungen und Wiederholungen von Argumenten. Wer im Landratssaal in meiner Nähe sitzt, der weiss aber: Ich habe mich oft zu pointierten Zwischenbemerkungen hinreissen lassen.
Koller: Diesen Eindruck kann ich bestätigen. Hanni Huggel ist nicht immer die Leise und Brave. Sie kann schon auch mal Klartext reden.
Huggel: Wenns um Grundsätzliches geht, dann halte ich mich nicht zurück. Beim Thema Kulturvertrag mit Basel-Stadt etwa habe ich mich sehr ins Zeug gelegt. Oder nehmen wir die Einbürgerungen: Dass die SVP diese jeweils pauschal ablehnt, habe ich schon mehrere Male lauthals kritisiert. Das geht für mich einfach nicht auf.
Koller: Ich habe schon festgestellt: Gegen den Strich gehen dir ältere, hochnäsige Herren, die probieren, dir die Welt zu erklären.
Huggel: Beim aktuellen SVP-Präsidenten muss ich mich manchmal schon zusammenreissen.

Adil Koller, auf bürgerlicher Seite werden einige die Nase rümpfen, dass der junge, freche Parteichef der SP nun in den Landrat kommt.

Koller: Das ist doch ein Kompliment. Wenn die SVP-Fraktion den vorzeitigen Rücktritt von Hanni zugunsten von mir bedauert, dann war es offensichtlich ein guter Entscheid. Was ich der politischen Gegenseite im Landrat gerne beweisen möchte: Dieser Adil Koller ist bereit, sich in die Kommissionsarbeit reinzuknien und ist eigentlich ein ganz netter Kerl. Mit dem kann man nach einer Sitzung auch noch ein Bier trinken gehen.

Wie verhalten Sie sich als Parteipräsident im Landrat? Die im Parlament vertretenen Parteipräsidenten interpretieren ihre Rolle sehr unterschiedlich.

Huggel: Oder auch gar nicht (beide lachen).
Koller: Weder werde ich still und ruhig das Feld den anderen überlassen, noch möchte ich in der Fraktion dominant auftreten. Wichtig ist, dass ich mich mit Fraktionspräsidentin Miriam Locher weiterhin gut abspreche. Unsere Rollen sind klar definiert.