Coronavirus

Alarm bei Lehrstellensuchenden: So zeigt sich die Situation auf dem Baselbieter Arbeitsmarkt

Die Eventbranche zu Zeiten von Corona: Lernende bei der Firma Konnex hoffen auf baldige Unterstützung.

Die Eventbranche zu Zeiten von Corona: Lernende bei der Firma Konnex hoffen auf baldige Unterstützung.

Auch wenn es derzeit im Baselbiet trotz Coronakrise genügend Lehrstellen gibt: Das Blatt könnte sich in den nächsten Jahren wenden. So sollen nun die Lehrstellen geschützt werden.

«Unser Problem ist nicht, dass wir für unsere Lehrlinge keine Beschäftigung hätten, sondern dass sie seit über einem Monat keine Unterstützungsbeiträge mehr erhalten.» Das sagt Daniela Sprecher, Personalverantwortliche der Allschwiler Eventfirma Konnex. Die Coronakrise, welche die Veranstaltungsbranche besonders hart trifft, zeigt sich für Lehrbetriebe umso verheerender: Lehrlinge sind in diesen Tagen eine kostspielige Angelegenheit.

«Die monatlichen Fixkosten für Überbetriebliche Kurse, Reisekosten und Sozialleistungen sind gross», weiss Sprecher. Da sie das Geschäftsjahr 2020 abschreiben müssen, hätte sich der Lehrvertrag für den neuen Lehrling um ein Jahr verschoben. Ab 2021 wird das 14-köpfige Team um mindestens zwei Lehrabgänger kleiner: «Leider können wir nicht an den Folgeverträgen festhalten.»

Lehrstellenrückgang schweizweit bereitet auch im Baselbiet Sorgen

Spätestens seit Mitte Mai herrscht im Schweizer Lehrstellenmarkt bittere Gewissheit: Bis 2025 wird sich die Coronakrise auf die Berufsbildung auswirken, wie eine Studie der Universitäten Bern und Zürich offenlegt. So sollen in den nächsten fünf Jahren zwischen 5000 und 20000 Lehrstellen weniger angeboten werden (die bz berichtete).

Um ein Instrument zur Beobachtung der Lehrstellensituation zu haben, lancierte die ETH Zürich im April das Projekt «Lehrstellen Puls». Während eines Jahres werden monatliche Umfragen in Lehrbetrieben durchgeführt und ausgewertet, damit auf negative Folgen der Coronakrise rasch reagiert werden kann.

Auch hier zeigen erste Ergebnisse: 18 Prozent der Lernenden wissen nicht, ob sie nach der Ausbildung im Betrieb bleiben können. Für vier Prozent der Betriebe ist klar, dass sie zukünftig weniger Lernende ausbilden werden. Im schlimmsten Fall bedeutet der sich abzeichnende Lehrstellenrückgang einen massiven Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit; im besseren eine Überflutung der kantonalen Brückenangebote. Dass die Kantone bei solchen Prognosen stark gefordert sind, liegt auf der Hand.

Forderung nach einer Lehrstellen-Taskforce

Das Problem ist mittlerweile auch im Baselbieter Landrat angekommen: Als Reaktion auf die genannte Hochschulstudie hat CVP-Landrat Marc Scherrer einen Vorstoss eingereicht, der eine Lehrstellen-Taskforce fordert. Zudem hat SVP-Landrätin Anita Biedert in der Parlamentssitzung vom 25. Juni einen Vorstoss eingereicht, in welchem sie Massnahmen zum Erhalt von Lehrstellen fordert.

«Die kantonalen Unterstützungsbeiträge von fünf Millionen Franken wurden nicht mal zur Hälfte aufgebraucht. Dieses Geld soll in einen Fonds fliessen, der die Lehrbetriebe weiterhin unterstützt», fordert Biedert. Dank der kantonalen Corona-Notverordnung konnten Lernende bis Ende Mai auf finanzielle Beiträge zählen. Diese wurden aber mittlerweile eingestellt.

Jugendliche sind auf die Unterstützung angewiesen

Als ehemalige Fachfrau Berufswegbereitung weiss Biedert um die Bedeutung solcher Unterstützung: «Insbesondere Jugendliche, die einen schwächeren schulischen Rucksack mitbringen, sind auf einen Lehrabschluss angewiesen», sagt sie.

«Wenn wir diese Jugendlichen nicht unterstützen, könnten sie längerfristig eine Mehrbelastung für das Sozialsystem werden.» Dennoch sprach sich Regierungsrat Thomas Weber (SVP) gegen Dringlichkeit des Vorstosses aus: «Im Baselbiet gibt es zur Zeit genug offene Lehrstellen», sagte er im Parlament.

Eine Nachfrage bei der Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) zeigt, dass auf aktuell 171 Lehrstellensuchende noch 544 offene Lehrstellen kommen. «Mir geht es vor allem um Lernende aus der Eventbranche, die sich bereits in der Lehre befinden», präzisiert Biedert. Die Firma Konnex kann ein Lied davon singen.

Frühzeitiges Handeln als bester Schutz vor düsterer Zukunft

Selbst bei einem Überangebot: Im Vergleich zu den Vorjahren stehen heuer mehr Jugendliche ohne Lehrvertrag da. «Zu Nicht-Corona-Zeiten haben zum jetzigen Zeitpunkt durchschnittlich noch 75 Jugendliche keine Lehrstelle», sagt BKSD-Medienverantwortliche Fabienne Romanens.

Auch die regelmässig stattfindenden Umfragen von Wirtschafts- und Handelskammer in Zusammenarbeit mit der Berufsbildung zeigen einen Rückgang von angebotenen Lehrstellen. «Man musste befürchten, dass es wegen Corona in diese Richtung geht», schreibt Urs Berger, Leiter der Berufs- und Weiterbildung bei der Wirtschaftskammer. Nun habe man Massnahmen ergriffen.

Einerseits ist es dieses Jahr möglich, bis Oktober Lehrverträge abzuschliessen. Andererseits wurde das Programm «Fit in die Lehre – trotz Corona!» ins Leben gerufen. «Gerade in dieser schwierigen Zeit brauchen Jugendliche, die noch keine Lehrstelle haben, zusätzliche Unterstützung», weiss Berger. Das Projekt bietet Hilfe in den Bereichen Berufswahleignung, Bewerbungsdossier, Vorstellungsgespräch und Schnupperlehre.

Berufsberatung auch während den Sommerferien

Auf frühzeitige Massnahmen setzt auch die Berufsbildung. «Nach der Veröffentlichung der Hochschulstudie ging ein Ruck durch die verantwortlichen Stellen», sagt Thomas von Felten, Leiter der Abteilung Laufbahn und Integration in der BKSD.

Für Jugendliche aus dem Brückenangebot steht deshalb die Berufsberatung des Zentrums für Brückenangebote auch während den Sommerferien zur Verfügung. «Zudem wird die Aufnahme in ein Brückenjahr für diejenigen Jugendlichen, die trotz des verlängerten Lehrstelleneintritts bis Oktober keine Lehre gefunden haben, nochmals geprüft werden.»

Ein noch umfassenderes Massnahmenpaket besteht für Teilnehmende der Berufsintegration. «In den Sommerferien bieten wir einen zusätzlichen Online-Bewerbungsservice an und ab August starten wir ein Online-Schulungsangebot.» Man habe sich die positiven Erfahrungen aus der Fernberatung während des Lockdowns zunutze gemacht.

Kaum mehr Anmeldungen für Brückenangebote

Während der Online-Bewerbungsservice häufig als niederschwelliges Angebot geschätzt wird, ist Fernberatung oft mit Hürden verbunden: «Online-Beratungen verlangen ein erhöhtes Selbstbewusstsein, das generell nicht sonderlich gut und stabil vorhanden ist bei Jugendlichen in der Berufsintegration», erklärt von Felten. Die Berufsintegration fokussiert demnach nebst der Lehrstellensuche auf ein ganzheitliches Case Management, da Jugendliche oft mit Mehrfachbelastungen wie kognitiven oder psychischen Schwierigkeiten konfrontiert seien.

Wirft man einen Blick auf die aktuellen Zahlen von Brückenangebot und Berufsintegration, vermögen diese die düstere Prognose kaum zu stützen. Beim Brückenangebot liegen derzeit 642 Anmeldungen vor. Das sind lediglich 16 Anmeldungen mehr als 2019, als sich «so wenige Jugendliche anmeldeten, wie nie zuvor», so von Felten. 30 Prozent haben sich bereits wieder abgemeldet, weil sie eine Lehrstelle gefunden haben.

Bei der Berufsintegration wird sogar ein Rückgang von 22 Fällen verzeichnet. «Wir können zur Zeit keine wesentlichen Unterschiede zur Situation der Vorjahre ausmachen», resümiert von Felten. Dennoch wäre es naiv, keine Massnahmen zu ergreifen. «Nach der Sommerpause wird eine Taskforce gegründet. Denn wir wissen schlichtweg noch nicht, wie sich die Wirtschaft längerfristig erholt.»

Homeschooling als Nachteil bei der Lehrstellensuche

Aller Massnahmen zum Trotz darf nicht vergessen werden, dass sich die vergangenen Wochen des Homeschooling als Wettbewerbsnachteil für die Lehrstellensuche erweisen könnten. Sowohl von Felten als auch Berger winken ab. «Die Lernenden haben unter schwierigsten Umständen Grossartiges geleistet. Das ist ein zusätzliches Plus, das sie speziell auszeichnet», so Berger.

Dass Baselbieter im Gegensatz zur Konkurrenz aus der Stadt bessere Chancen auf einen Lehrvertrag haben, zeigt der soeben erschienene Lehrstellenbericht. Sie gelten als leistungsbereit, zuverlässig und motiviert. Das sind gute Voraussetzungen, um für die unsichere Zukunft gewappnet zu sein. Umso wichtiger ist also, dass motivierte Jugendliche weiterhin unterstützt bleiben.

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