Kickboxer-Prozess

Alle Dojo-Urteile gemildert: Hauptangeklagter Paulo Balicha muss nicht ins Gefängnis

Überfall des Reinacher Kampfsport-Centers vom April 2014: Strafmasse wurden leicht gemildert.

Der Weiterzug hat sich zumindest für den Hauptangeklagten gelohnt: Der heute 43-jährige Paulo Balicha muss nicht ins Gefängnis, da das Baselbieter Kantonsgericht seine Strafe auf 24 Monate bedingt reduziert hat. Das Strafgericht wollte ihm ursprünglich eine höhere teilbedingte Strafe aufdrücken, von der er 12 Monate hätte absitzen müssen.

Balicha war vor genau sechs Jahren mit einer grösseren Gruppe von vermummten Personen ins Sportcenter seines früheren Schülers Shemsi Beqiri in Reinach eingedrungen und zwang ihn zu einem Zweikampf. Im Grundsatz bestätigte das Kantonsgericht am Freitag die Schuldsprüche wegen Angriffs und Freiheitsberaubung, bei Balicha selbst kam wegen des Kampfes auch der Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung dazu.

Dennoch reduzierte das Gericht die Strafe: Im Gegensatz zu üblichen Schlägereien sei Balicha mit dem Kampf auch ein hohes Risiko zu verlieren eingegangen. «Ich habe noch nie einen Fall gehabt, wo das Opfer am Schluss gewonnen hat», kommentierte Gerichtspräsident Dieter Eglin. Zudem habe sich Balicha direkt danach auf dem Polizeiposten Muttenz freiwillig gestellt und von Anfang an alles zugegeben, das passiere selten. Auch habe Balicha mit der Aktion seine berufliche Existenz weitgehend ruiniert.

«Dass er in den Medien mit vollem Namen und Bild genannt worden ist, wirkt sich nicht strafmildernd aus», so Eglin. Aber einzelne Medien hätten reisserisch und übertrieben berichtet, so etwa fälschlicherweise von angeblichen Pistolen, die es im Kampfsportcenter gar nicht gegeben habe. Auch ist Balicha nicht vorbestraft, deshalb sei unter dem Strich ein Strafmass von 24 Monaten  bedingt angemessen. Auch die lange Verfahrensdauer führte zu einer Strafmilderung.

Tatbestand der Körperverletzung nicht erfüllt

Im Gegensatz zu ersten Instanz sah das Gericht den Tatbestand der Körperverletzung bei einem weiteren Opfer an jenem Abend als nicht erfüllt, was bei allen Angeklagten zu leichten Strafreduktionen führte.

Sechs Angeklagte kommen damit mit bedingten Freiheitsstrafen zwischen 12 und 15 Monaten davon. Weitere neun Beteiligte erhalten Geldstrafen zwischen 120 und 225 Tagessätzen. Bei einem Fussball-Hooligan war die Berufung der Staatsanwaltschaft erfolgreich, der 32-Jährige erhielt für den Vorfall aus dem Jahr 2012 ebenfalls eine milde Geldstrafe von 90 Tagessätzen wegen Landfriedensbruchs.

Aus Gründen der Gleichbehandlung gewährte das Gericht die Strafreduktion auch jenen Angeklagten, die den Fall nicht zur zweiten Instanz weitergezogen haben. Wegen der vieldiskutierten verweigerten Akteneinsicht vor der ersten Instanz gab es für alle noch einen Rabatt von zehn Prozent bei den Verfahrenskosten, sie betragen aber für die Verurteilten dennoch jeweils rund 10'000 Franken.

Beqiri bleib dem Gericht fern

Weder Privatkläger Shemsi Beqiri noch sein Anwalt tauchten am Freitag auf. Dieter Eglin betonte, mehrere Verletzungen von Beqiri seien klarerweise nicht kausal dem Kampf zuzuordnen. Die von der Vorinstanz zugesprochene Genugtuung von 5000 Franken sei hoch, aber vertretbar.

Beqiri hatte seine Forderungen von über 90'000 Franken ebenfalls ans Kantonsgericht weitergezogen, obwohl mehrere Gutachten seine Verletzungen als vorbestehend einstuften. Auch machte er Probleme geltend, die laut Gericht «nicht ansatzweise» nachgewiesen waren. Die

Konsequenzen: Beqiri muss wie in einem normalen Zivilprozess einen Teil der Kosten übernehmen. Das Kantonsgericht legte ihm fünf Prozent der Gesamtkosten von 90'000 Franken auf, somit 4500 Franken. Dazu kommen noch weitere Entschädigungen an Anwälte der Beschuldigten.

Gegen die Urteile ist noch Beschwerde beim Bundesgericht möglich, allerdings können dort nur Rechtsfragen oder grobe Verfahrensfehler geklärt werden.

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