Frau Nüssli, was ist das Thema?

Nicole Nüssli: Ich habe den Begriff «Stärke» gezogen.

Sie sind ein starkes Stück, kommen stets sehr «tough» rüber.

(lacht) Ja, ich habe einen gewissen Biss.

Seit bald fünf Jahren stehen Sie an der Spitze Allschwils, der grössten Gemeinde im Baselbiet. Sie führen eine Anwaltskanzlei und sind Mutter dreier Kinder. Welche Ihrer Stärken hilft Ihnen, das alles zu managen?

Eine grosse Gemeinde bedeutet eine Vielfalt heterogener Ansprüche, Probleme und Ideen, die an mich herangetragen werden. Wichtig ist, dass man Freude hat am Umgang mit Menschen, im Gespräch herausspürt, wo die Probleme liegen – und entsprechende Lösungen findet. Allen recht machen kann man es niemals. Da braucht es Stärke, um zu seinen Entscheidungen zu stehen. Auch wenn man sich nicht überall beliebt macht. Selbstzweifel sind da fehl am Platz.

Setzen Sie sich auch mal an den Stammtisch einer Dorfbeiz und fühlen den Puls?

Eher selten. Meine Tochter hat während des Studiums im «Chnoche», im Elsässerhof, serviert und mir berichtet, wenn sie was aufgeschnappt hat (lacht). Aber ich
besuche gerne Veranstaltungen, etwa die Fasnacht oder den Allschwil-Jazz. Da bekomme ich auch das eine oder andere mit.

Sie sind im Gemeinderat alleine unter Männern. Mussten Sie erst Stärke zeigen, bevor Sie akzeptiert wurden?

Ich bin es seit Kindheitstagen gewohnt, mich in Männerwelten zu bewegen. Sei es im Sport – ich habe Fussball gespielt –, im Jus-Studium und später im Job. Das Gefühl, ich müsse mich als Frau besonders beweisen, um akzeptiert zu werden, hatte ich aber nie. Ich bin einfach meinen Weg gegangen. Und habe gelernt, auch mal auf den Tisch zu hauen. Nachtragend bin ich aber nicht. Das ist in diesem Job wichtig.

Der Ton im Einwohnerrat kann aber ziemlich rau werden.

Stimmt, das ist er. Nicht gerade unter der Gürtellinie, aber nah dran. Da geht man danach nicht nach Hause und denkt: «Judihui, Feierabend.»

Und dann? Nach aussen treten Sie stets als starke Frau auf. Aber weinen Sie auch mal? So im Verborgenen?

Nein. Aber ich nerve mich und wettere zu Hause rum. Oder ich gehe ins Fitnesscenter, Dampf ablassen.

Sie sehen es als Ihre Pflicht, für die Interessen der Gemeinde einzustehen. In puncto Euro-Airport hat diese sich gegen einen Bahnanschluss ausgesprochen. Allschwil leide «enorm» unter der Lärmbelastung, gaben Sie als Begründung an. Sie auch?

Die Zunahme der Flugbewegungen ist krass spürbar. Aber leiden unter dem Fluglärm tue ich persönlich nicht. An gewissen Tagen stört es mich jedoch, wenn ich im Garten sitze und ständig ein Flugzeug über uns hinwegbrettert. Ich muss mir dann immer wieder sagen: Die Nähe zum Euro-Airport bringt auch Vorteile.

Etwa, wenn Sie in die Ferien fliegen.

Ich bin in meinem Leben erst fünf Mal geflogen. Von dem her kann ich guten Gewissens hinstehen und «wettern».

Touché. Leiden Sie unter Flugangst?

Nein. Aber wir reisen stets in die Ferienwohnung im Berner Oberland, seit Jahren, sommers wie winters.

Eine gute Ökobilanz!

Na ja, wir fahren mit dem Auto hin ...

In Zusammenhang mit dem Flughafen fallen Sie mit «grünen» Argumenten auf – etwa, dass er nicht nur auf Wachstum setzen, sondern auch die Nachhaltigkeit berücksichtigen muss. Wie nimmt das Ihre Partei, die FDP, auf?

Hier herrscht auch die Meinung vor, dass der Lärm bekämpft werden muss. Dieser ist auch für die vielen hier ansässigen Firmen ein Thema und könnte die Standort-attraktivität Allschwils mindern.

Sie sagen es: In den vergangenen Jahren haben sich hier etliche Firmen angesiedelt, ein klares Ziel der Gemeinde. Solche Unternehmen brauchen allerdings gute Anbindungen, gerade international operierende. Das geht nicht ganz auf, wenn die Gemeinde eine verlängerte Nachtflugsperre fordert.

Doch, das tut es. Die Mitarbeiter wären einfach eine Stunde früher zurück.

Wenn diese Stunde wegfällt, können verspätete Flugzeuge nicht mehr landen am Euro-Airport.

Diesen Spielraum befürworten wir. Aber im ordentlichen Flugplan sollte um 22 Uhr Schluss sein. Die Stunde darauf kann für den Verspätungsabbau genutzt werden.

Wirtschaftsfreundlich, wie sich die Gemeinde gerne gibt, ist die Haltung in diesem Punkt trotzdem nicht.

Die Unternehmen treiben andere Themen mehr um, etwa eine gute Anbindung ans Strassennetz. Für solche Anliegen setzen wir uns auch ein, wie etwa beim Zubringer Bachgraben.

Okay, da sind Sie stark. Eine eher schwache Figur gab der Gemeinderat indes erst kürzlich beim Thema Jahresgebühr für Turnhallen und Sportplätze ab. Nach dem Protest der Vereine verzichtet man nun doch darauf.

Ich finde, dass das eher ein Zeichen von Stärke ist, die Anliegen aus der Bevölkerung ernst zu nehmen und eigene Meinungen zu revidieren. Eine der vielen Stärken Allschwils ist das sehr lebendige Vereinsleben. Dessen Bedeutung und auch Wichtigkeit hat der Gemeinderat unterschätzt.

Der Spardruck bleibt aber. Wo könnten Sie den Rotstift ansetzen?

Nun, die Gebührenthematik ist noch nicht vom Tisch. Ansonsten ist es für eine Gemeinde schwierig, zu sparen. Vieles ist vom Bund oder vom Kanton vorgegeben, 85 Prozent unserer Ausgaben sind fix.

Apropos Kanton. Ihr Vorgänger Anton Lauber sitzt in der Regierung. Wäre das eine Option für Sie?

Nein. Ich würde die Voraussetzungen dafür zwar sicher mitbringen. Aber der Jahrgang stimmt nicht. Bei den nächsten Wahlen in vier Jahren bin ich 60.

Dann werden Sie Ihre politische Laufbahn in Allschwil beenden?

Nun, ich mache diesen Job hier wirklich gerne. Nichtsdestotrotz liebäugle ich gerade mit Bern und werde mit der Partei demnächst ein Gespräch führen, ob es Sinn macht, mich für die Nationalratswahlen im Herbst aufstellen zu lassen. Reizen täte mich das durchaus.

Wir haben nun viel über Ihre «toughe» Art geredet. Haben Sie auch eine «softe» Seite?

Was mich sehr berührt, sind traurige Filme. Schon ein «Mini-Mü» an Sentimentalität kann mich zum Weinen bringen. Furchtbar (lacht). Psychofilme ertrage ich auch nicht mehr, danach kann ich nicht mal mehr alleine aufs WC.