Gerichtsverfahren

Als die Hündin kläffte, trat er zu: Freispruch für verängstigten Velofahrer

Der 65-jährige Velofahrer wurde in beiden Fällen freigesprochen.

Der 65-jährige Velofahrer wurde in beiden Fällen freigesprochen.

Im März 2018 sprangen dem 65-jährigen Velofahrer beim Bruderholzrain zwei Hunde entgegen. Er stieg daraufhin ab und verteidigte sich, indem er laut eigener Aussage sein Vorderrad als Schutzschild verwendete. Das Baselbieter Strafgericht sieht jetzt wegen Notstand des Velofahrers keinen Verstoss gegen das Tierschutzgesetz.

«Der Besitzer ruft seinen Hund, der folgt nicht, und dann heisst es immer, er mache schon nichts», sagte der Velofahrer am Freitag im Gerichtssaal. «Mussten Sie wegen der Hunde auch bremsen?», fragte Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli. «Ja, klar», bestätigte der Mann.

Der Vorfall spielte sich im März 2018 am beliebten Hundeausflugsziel beim Bruderholzrain in Binningen ab: Dem heute 65-jährigen Velofahrer sprangen zwei Hunde entgegen, er stieg ab und «verteidigte» sich mit dem Velo, wie er betonte, indem er sein Vorderrad quasi als Schutzschild verwendete. Zumindest hatte er dies versucht, doch mit je einem Hund links und rechts schlug die Strategie fehl. Als einer der beiden Hunde nach ihm schnappte, versetzte er ihm einen Tritt. «Danach ist er weggerannt», so der Rentner. «Hat er sie auch angebellt?», fragte die Richterin. «Ja, die Situation ist völlig eskaliert. Genau an diesem Punkt mache ich den Hundebesitzern den Vorwurf, sie haben ihren Hund nicht im Griff. In so einem Fall müssten sie ihn an die Leine nehmen. 'Wissen Sie, er macht das nur bei Velofahrern', sagte mir einmal ein Hundehalter. Wir sitzen heute im Gerichtssaal, weil der Hund praktisch dem Menschen gleichgestellt ist», erklärte der 65-Jährige.

Staatsanwalt Pascal Pilet klagte den Velofahrer wegen eines Verstosses gegen das Tierschutzgesetz und Sachbeschädigung an und verlangte eine bedingte Geldstrafe. Laut dem Besitzer der Hündin erlitt diese bei dem Tritt einen Kreuzbandriss. Die Untersuchung beim Tierarzt fand allerdings erst später statt, laut Gericht passten die Verletzungen nicht eindeutig zu einem Tritt.

Nachträglich warf man dem Mann auch vor, im Herbst 2016 in Binningen beim Spazierweg am Birsig auf der Höhe des Mühlemattschulhauses einer anderen Hündin einen Tritt verpasst zu haben, diese fiel daraufhin die Böschung hinunter und erlitt Verletzungen am Mittelfuss sowie einen Knochenriss beim Kreuzgelenk. Die Rechnung des Tierarztes belief sich auf 1500 Franken. Der 65-Jährige bestritt allerdings, damals überhaupt dort gewesen zu sein. Auch würde er auf dieser Strecke auf dem Veloweg fahren und sicher nicht unten auf dem Spazierweg beim Birsig, betonte er. Die Halterin erstattete erst im Mai 2018 Anzeige, weil sie nach dem Vorfall am Bruderholz davon überzeugt war, dass derselbe Mann ihre Hündin damals getreten hatte.

Einzelrichterin Irène Laeuchli sprach den Mann am Freitag von beiden Vorwürfen frei: Seine Beteiligung am Vorfall im Herbst 2016 sei überhaupt nicht erwiesen. Den Tritt auf dem Bruderholz im März 2018 hingegen stufte das Gericht als «Notstand» ein, der Mann habe sich mit einem Tritt wehren dürfen. «Jemand, der Hunde gut kennt, kann vielleicht auch bei einem fremden Hund gut abschätzen, wie gefährlich er ist. Aber in dieser Situation konnte der Angeklagte das nicht wissen. Er hatte Angst», betonte Irène Laeuchli.

Damit bleiben die Hundehalter auf ihren Tierarztrechnungen sitzen, und die Verfahrenskosten von knapp 2000 Franken gehen auf die Staatskasse. Die Staatsanwaltschaft und die Hundehalter können den Freispruch noch weiterziehen.

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