Ettingen

Als käme er gleich zur Tür hinein – Baselbieter lassen Sherlock Homes weiterleben

Das Ettinger Autorenpaar Johanna und Bryan Stone lässt Sherlock Holmes weiterleben – nicht nur literarisch.

Sherlock Holmes, der 1886 von Arthur Conan Doyle erschaffene Privatdetektiv, lebt in einer Schreibstube in Ettingen weiter. Im kleinen Hausmuseum der Familie Stone ist er auf Bildern und Accessoires präsent. Auf dem kleinen Sekretär ruht, neben einem Geheimschriftauszug, die obligate Lupe und die legendäre Tabakpfeife. Nebenan ist die dunkle Seite von Holmes mit einer Spritze und allerlei Medizinfläschchen aufgereiht. Darüber eine «Stradivari-Geige» vom Flohmarkt, die Holmes Liebe zur Musik widerspiegelt. An der Garderobe hängen ein langer grauer Regenmantel, die unverwechselbare karierte Deerstalker-Mütze, ein schwarzer Zylinder und die unverwüstliche Reisetasche. Als wäre Sherlock Holmes eben von Ermittlungen zurückgekehrt und hätte hier Platz genommen.

Für das Autorenpaar beim gemeinsamen Frühstück ein Ort, wo die Fantasie Flügel erhält und historische Buchprojekte entstehen. Für Johanna M. Rieke sind es neue Fälle für Sherlock Holmes und für Bryan Stone die Fortsetzung seiner Werke über die lokale Geschichte, wie etwa «Basel and the Church in England» oder die «Pro Birsigtalbahn»-Reihe. Und wie ein roter Faden ist bei vielen Unternehmungen die Eisenbahn omnipräsent. Ja, wäre Conan Doyle 1893 mit seiner an Tuberkulose erkrankten Frau nicht mit dem Zug in die Schweiz gereist, hätte er wohl nie die Reichenbachfälle besucht. Da entstand die Idee, seinen Romanhelden Sherlock Holmes bei einem Kampf mit seinem Kontrahenten Moriarty unauffindbar in die Wasserfälle stürzen zu lassen.

Und ohne dieses tragische Ende, gäbe es wohl heutzutage die Schweizer Pilgerfahrten der «Sherlock Holmes Society London» nicht. Und so hätte sich das Autorenpaar Stone in ihren Belle-Epoque-Kleidern nie getroffen. «Elementar, mein lieber Watson», würde da Sherlock Holmes hinzufügen.

Bryan Stone kam als Bahnexperte in die Region

Bryan Stone ist 1938 in Walsall, Grossbritannien, geboren und nach den Kriegsjahren in der Nähe von Nottingham aufgewachsen. Nach seinem Ingenieurstudium war er für die British Railway tätig. 1969 wechselte er mit seiner Familie in die Schweiz, um «Intercontainer», das neue Gemeinschaftsprojekt der europäischen Bahnen, zu entwickeln. Als Experte im Güterverkehr arbeitete er in den 90er-Jahren als Berater. Im Leimental war Bryan Stone mit seiner Frau Joy und den beiden Töchtern zuerst in Bottmingen, dann in Therwil und ab 1973 in Ettingen heimisch geworden. Doch dunkle Wolken zogen auf, als 2005 die Ehegattin Joy an Krebs starb. Für Bryan Stone ein Lichtblick, dass er danach für die «Swiss Railways Society» in Grossbritannien als Swiss News Editor arbeiten durfte. «2011 fragte mich die ‹Sherlock Holmes Society› von London an, ob ich die Pilgerfahrt 2012 als historischer Eisenbahnexperte in die Schweiz mitorganisieren könnte», schmunzelt Bryan Stone über diese Fügung.

Johanna Stone-Rieke ist als Tochter einer Eisenbahnerfamilie 1967 in Lingen, Niedersachsen, zur Welt gekommen. Schon als Kind besuchte sie mit ihren Eltern öfters die Schweiz, besonders das Tessin. Als Teenager erhielt sie von ihrer Schwester einen Sammelband mit Sherlock-Holmes-Geschichten. «Dieses Spiel von Gut und Böse, wo am Schluss immer die Gerechtigkeit zum Zuge kommt», schwärmt die Mathematikerin, «hat mich seither nie mehr losgelassen und gefesselt.»

Nach dem Tod ihrer Eltern verbrachte sie noch hie und da die Ferien im Tessin, wollte aber unbedingt mal Meiringen besuchen. Der Zufall wollte es, dass ein lokaler Zeitungsausschnitt von einer Pilgerfahrt mit den TeilnehmerInnen in noblen Kostümen aus der Belle Epoque berichtete. «Bald darauf konnte ich Mitglied der «Sherlock Holmes Society» werden und fieberte dem nächsten Anlass 2012 entgegen.»

Mit historischen Kostümen nach Kandersteg

Gleich und gleich gesellt sich gern und so war es auch auf der Pilgerfahrt im September 2012 im Hotel Giessbach, in Interlaken und Meiringen. Bryan, im passenden, ausgeliehenen Kostüm als englischer Geschäftsmann der 1890er-Jahre traf Johanna im edlen Tornürenkleid, das ihre Schwester extra dafür geschneidert hatte. «Er ist ein richtiger Gentleman mit einer grossen Zuvorkommenheit. Wie Sherlock Holmes setzt er all sein Können und seine Kraft für das Gute ein», schwärmt die Autorin.

Seit fünf Jahren sind sie ein Ehepaar, das gerne bei Lesungen oder der Belle-Epoque-Woche in Kandersteg mit ihren Kostümen und Gesten in die Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende eintaucht: Nach dem Halt des historischen Eisenbahnwagens im Berner Oberland steigt Bryan Stone zuerst aus, öffnet die Türe und reicht seiner Frau die Hand, damit sie bequem heruntersteigen kann. «Wenn ich unten bin, ist er mein Schutz und Halt und ich hake mich bei ihm im Arm ein und lasse mich führen.»

Nach dem Cortège zum Bernerhof und Hotel Post nimmt der Gentleman hie und da den alten englischen Reiseführer «Baedeker’s» aus dem Jahr 1885 der Schweiz hervor und zitiert: «Kandersteg ist ein etwas verstreutes Dorf, eine Gesundheitsstation im Sommer und im Winter mit einem sehr schönen Panorama am Anfang des Tals ...»

Dank ihnen ermittelt Holmes noch immer

Und die Gespräche im vornehmen Englisch handeln vom Bergsteigen, Promenaden, vom Essen, dem Service und von den Unternehmungen des nächsten Tages. «Man nimmt Anteil», sagt Bryan Stone, «was der Gentleman und die Dame erzählen und fügt aus dem eigenen Fundus bei, doch wird nie geprahlt.» Johanna M. Rieke ergänzt: «Irgendwo ist Sherlock Holmes immer als unsichtbarer Geist im Hintergrund. Und deswegen möchte ich ihn um nichts in der Welt missen.» Sie trägt ein prächtiges Tornürenkleid mit einer kleinen Pfauenfeder im hochgesteckten Haar. Eingetaucht in diese besondere Welt, mit detailgetreuen Beobachtungen und analytisch-rationalen Gedanken gelingt es in der gemeinsamen Schreibstube des Autorenpaars in Ettingen, Sherlock Holmes weiterhin auf Verbrecherjagd zu schicken. Sei es mit «Die Themsenmorde», dem Erstlingswerk von 2011, in einer ägyptischen Grabkammer oder in Basel im 2016 erschienenen Krimi «Eine Studie in Basilisken».

Rund ein Jahr dauert jeweils die akribische Recherche für ein neues Werk. Dabei hilft der Autorin das grosse Fachwissen ihres vielgereisten Mannes, der inzwischen Bürger von Ettingen geworden ist und weite Teile Englands bestens kennt. So ist Bryan Stone ein Liebhaber von Cornwall. Genau dort beginnt das fünfte Buch der Leimentaler Krimiautorin, das von ihrem Verlag zum Schweizerischen Buchpreis 2019 vorgeschlagen worden ist. Die «Cornwall-Affaire», die im Frankfurter Buchverlag erschienen ist, lässt Sherlock Holmes und seinen Freund Dr. Watson nach Cornwall fahren. Und zwar so stilecht und detailgetreu, dass Fiktion und Wirklichkeit für den Leser bei einem Besuch an Ort und Stelle verfliessen.

So, wie wohl auch heute in der Ettinger Schreibstube: Johanna schreibt an ihrem sechsten Werk, das den Meisterdetektiven in London herumtreibt, und Bryan übersetzt die «Cornwall-Affäre» für einen englischen Verlag. Und bald stehen wieder Lesungen bevor und im Januar 2020 die Belle-Epoque-Woche in Kandersteg. Sobald die beiden ihre Kostüme anziehen, übernehmen sie die entsprechenden Gepflogenheiten und Johanna fragt ihren Gentleman: «Mein guter Mann, wann kommen wir endlich im Berner Oberland an?»

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