Der Empfang bei Wüthrichs ist ausgesprochen freundlich, ja stürmisch, was den Vorboten betrifft: Der Berner Sennenhund «Delfi» überrennt uns fast vor Freude. Aber auch der Hausherr tritt gelöst, erholt und zugänglich auf. Kein Vergleich mit dem öfters gereizt, dünnhäutig und abgekämpft wirkenden Urs Wüthrich der letzten Monate als Regierungsrat.

Nur etwas erinnert noch an die Zeit, als er als Magistrat im öffentlichen Rampenlicht stand – die Eitelkeit. Denn als Urs Wüthrich den Fotografen realisiert, nimmt er eine kurze Auszeit, um sich fürs Bild zu rasieren. Jetzt kehrt Wüthrich ein Stück weit zurück ins Rampenlicht: Er kandidiert an der morgigen Delegiertenversammlung der Naturfreunde Schweiz als deren Präsident. Und auch sonst ist er nicht ganz untätig.

Herr Wüthrich, wieso wird ein ausgewiesener Bildungspolitiker plötzlich Naturschützer?

Urs Wüthrich: Ich leiste als Privatperson schon lange einen Beitrag zu einer intakten Mitwelt und bin seit den 1980er-Jahren Mitglied bei den Naturfreunden. Zu diesem Verein habe ich einen dreifachen Bezug. Einen Geschichtlichen, weil die Naturfreunde aus der Arbeiterbewegung entstanden sind, wo ich auch herkomme. Einen Sportlichen, weil ich mich für den Sport engagiere und gerne wandere. Und ich habe einen Wertebezug, weil ich auch meine, dass Freunde der Natur zu dieser Sorge tragen müssen.

Heute sind die Naturfreunde ein Wanderverein. Was reizt einen einstigen Vollblutpolitiker einen solch unpolitischen Verband zu führen?

Ich finde es wichtig, dass die Naturfreunde nicht zu einer politischen Partei werden und sich nicht von einer solchen instrumentalisieren lassen. Aber die Naturfreunde müssen klar wieder ein politisches Profil erhalten. Das heisst, dass sie sich bei politischen Fragen zu Natur und Landschaft wieder einmischen. Das ist eines meiner zentralen Anliegen. Eine andere Herausforderung ist, die Naturfreunde-Häuser zu erhalten. Diese haben einen sozialpolitischen Hintergrund, denn sie sind teils in Fronarbeit gebaut worden, um Arbeiterfamilien Ferien zu ermöglichen.

Es gibt potentere Organisationen wie Pro Natura oder WWF, die den politischen Naturschutz abdecken. Gibt es da überhaupt noch eine Nische für die Naturfreunde?

Wir müssen sicher Verbündete sein dieser Organisationen. Aber wir müssen auch jene Leute für die politischen Anliegen sensibilisieren, die bei uns den Zugang zur Natur über einen Kletterkurs oder über die Ausbildung als Wanderleiter gefunden haben.

Was ist so ein politisches Anliegen?

Die Naturfreunde müssten sich jetzt eigentlich zur Energiestrategie positionieren. Das ist aber ein Prozess, der nicht von oben verordnet werden kann, sondern ein stärkeres Bewusstsein bei der Basis bedingt. Ich gehe schon jetzt bewusst zu den Sektionen, um mehr mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Wir brauchen aber auch mehr Mitglieder aus SP-, Gewerkschafts- und grünen Kreisen.

Wechseln wir ins Baselbiet. Hier ist es in der Öffentlichkeit sehr ruhig geworden um Urs Wüthrich. Haben Sie sich völlig zurückgezogen von der politischen Bühne?

Ich engagiere mich noch SP-intern. So habe ich eben ein Wochenende lang an einer parteiinternen Schulung zur Bildung mitgewirkt, die von rund 50 Personen besucht wurde. Und gestern habe ich Unterschriften für unsere Krankenkassen-Initiative gesammelt. In die Politik des Kantons mische ich mich aber bewusst nicht mehr öffentlich ein.

Die SP dürfte als Oppositionspartei aufs Know-how eines ehemaligen Magistraten angewiesen sein.

Die Partei weiss, dass sie auf meine Mithilfe zählen kann, wenn sie das will. Ich habe mich denn auch schon für politische Vorstösse zur Verfügung gestellt. Und ich habe dafür plädiert, dass sich die Partei bei den Diskussionen um die Zukunftssicherung der gemeinsamen Universität verstärkt engagiert. Ich kann mir auch vorstellen, im Vorstand der Ortssektion Sissach mitzuarbeiten.

Das Brot ist hart für eine Partei wie die SP ohne Regierungssitz, oder?

Das Brot kann auch hart sein mit Regierungsrat. Ich bin aber klar für eine Regierungsbeteiligung, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man so auch in einer Minderheitsposition viel bewegen kann. Und ich bin überzeugt, dass es bei unserer Kultur Vertrauen schafft bei den Wählern, wenn eine Partei mit in der Verantwortung steht und konstruktiv mitgestaltet.