Dass «sein Kind» Ziegelhof-Center mit Coop als Hauptmieter Schiffbruch erleiden könnte, hat der Liestaler alt Stadtrat Ruedi Riesen (SP) in den letzten Monaten kommen sehen. Trotzdem ist er jetzt nach dem offiziellen Coop-Rückzug (bz vom 3. September) enttäuscht: «Coop hat damit Wortbruch begangen.» Riesen, der von 2002 bis 2012 in der Liestaler Exekutive das Stadtbauamt führte, hat das Ziegelhof-Projekt wesentlich mitgeprägt.

Zu seiner Rolle sagt er: «Ich habe 2007 den Anstoss gegeben, dass das ein Jahr zuvor stillgelegte Brauerei-Areal in die Zentrumsplanung Nord miteinbezogen wird.» Danach habe er als Stadtvertreter zusammen mit «dem Dreieck» Christoph Stutz (Vertreter der Grundeigentümer), Abraham Budak (Investoren-Vertreter) und Coop den Quartierplan Ziegelhof vorangetrieben.

Zur Rolle von Coop sagt Riesen: «Es war von Anfang an eine Selbstverständlichkeit, dass Coop als Ankermieter ins Center kommt. Coop hat stets seine Wünsche eingebracht. Ablauf, Grundrissplan und Zugang wurden auf den Grossverteiler ausgerichtet.» Die Verknüpfung von Coop und Ziegelhof-Center kam auch in der von der Stadt vor der Volksabstimmung im Herbst 2012 in alle Liestaler Haushalte verteilten Informationsbroschüre zum Ausdruck. Darin wurde André Mislin, damaliger Leiter Coop Verkaufsregion Nordwestschweiz, mit den Worten zitiert: «Der Neubau ermöglicht uns einerseits, nah bei den Detaillisten und der Altstadt zu bleiben. Andererseits können wir der Liestaler Kundschaft erstmals das volle Coop-Sortiment und ein zeitgemässes Parking bieten.»

Eine Schwächung von Liestal

Riesen ist überzeugt, dass die Liestaler dem Ziegelhof-Projekt nur deshalb mit einem Zweidrittelmehr zugestimmt haben, weil es als neues Coop-Center daherkam. Dass der Quartierplan nach dem Coop-Absprung nun trotzdem seine Rechtsgültigkeit behält, sei eigentlich ein Widerspruch.

Zudem ist für Riesen dieser Absprung und gleichzeitige Verbleib von Coop im bisherigen Geschäft an der Rathausstrasse – eine Filiale der dritten Klasse innerhalb der Coop-Hierarchie ohne Vollsortiment und Parking – «eine klare Schwächung des Standorts Liestal zugunsten der Shoppingzentren auf den grünen Wiesen rund herum». Coop begründete seinen Ziegelhof-Verzicht gegenüber der bz mit den bereits durchgeführten respektive geplanten Ausbauten der Verkaufsstellen in Kaiseraugst, Bubendorf, Sissach und Gelterkinden.

Dazu meint der immer noch kämpferische, ehemalige Stadtrat und relativ neue Präsident des Baselbieter Heimatschutzes: «Das ist raumplanerischer Unsinn und vor allem wegen der Gratis-Parkplätze in diesen Centern möglich. Deshalb müsste im Kanton endlich jeder Parkplatz bewirtschaftet werden, um den Wettbewerb nicht zu verfälschen.» Riesen, der zu allen relevanten Kreisen rund ums Ziegelhof-Projekt Kontakt hat, sieht nun drei mögliche Entwicklungen.

Szenarium eins: Statt Coop zieht Migros in den Ziegelhof, was aber eher unwahrscheinlich ist, da Migros heute in Liestal bereits über einen guten Standort verfügt und seinen Laden eben erst erneuert hat. Szenarium zwei: Das Ziegelhof-Projekt wird innerhalb des rechtsgültigen Quartierplans in redimensionierter Form für andere Nutzer konzipiert, was den Gegnern entgegenkäme, die – vergeblich – für den Erhalt der alten Vorstadthäuser an der Lindenstrasse gekämpft haben.

Zwischennutzung für Start-ups

Und Szenarium drei heisst: Teile des alten Brauereiareals werden in Absprache mit der Eigentümerin einer Zwischennutzung zugeführt. Riesen, Vizepräsident des Vereins Kulturraum Ziegelhof, der bereits Konzerte in der ehemaligen Abfüllhalle durchgeführt hat, denkt dabei vor allem an die «riesigen» Kellerräumlichkeiten an der Meyer-Wiggli-Strasse auf Seite der Stadtmauer. Während für ihn dort die Kultur im Vordergrund steht, könnte er sich beim ehemaligen, seit 2006 leerstehenden Bürogebäude eine Vermietung an junge Start-up-Firmen vorstellen.

Der Idealfall ist für Riesen aber immer noch, das Projekt in der geplanten Form zu realisieren. Der mittlerweile pensionierte Architektur-Lehrer meint dazu: «Ich halte es nach wie vor für eine qualitätsvolle und spannende Architektur in ihrer räumlichen und funktionellen Beziehung zur Altstadt.»