Selbst im Amtsjahr eines Ständeratspräsidenten gibt es Momente, in denen dieser den Anweisungen eines Mannes in Hemdsärmeln und Wanderschuhen zu gehorchen hat. Während Raphaël Comte nämlich im Ständeratssaal zu Bern das Sagen hat, stand auch er artig ein, den Wanderstock sorgsam geschultert, als es heute Montag um punkt acht Uhr morgens in der Liestaler Rathausstrasse, höhe Finkbeiner, lautstark hiess: «Dritte Rotte in Sechser-Kolonnen einstehen – Marsch!»

Den Appell hielt Domenic Schneider, Chef der dritten von vier Liestaler Banntagsrotten. Eine halbe Stunde vorher hatte er dem Ehrengast aus Neuchâtel Hut samt Maien, Stock und Ohrenschutz übergeben. Während eines Jahres hatte sich Schneider Notizen gemacht für die traditionelle Ansprache des Rottenchefs. Einen Monat vor dem grossen Tag hatte er die Rede schliesslich formuliert, um ein paar Tage vor dem Banntag alles doch noch einmal auf den Kopf zu stellen. «Aus aktuellem Anlass», hatte er auf dem Weg zum Znünihalt auf dem Muni verschwörerisch angetönt.

Provinz-Tweet von SLO

Dieser aktuelle Anlass war nicht weniger und nicht mehr politischer Natur. Denn wie könnte man den heiligsten aller Liestaler Feiertage ohne eine Reaktion auf Nationalrätin Leutenegger Oberholzers Schmäh-Tweet (in dem sie Liestal zur Provinz degradierte) begehen?

Der erwähnte Tweet von Susanne Leutenegger Oberholzer

Schneider, den wohlgefüllten Muff in der Hinterhand, quittierte grinsend und beschrieb Liestal als immerhin «attraktiven Standort irgendwo im Nirgendwo.» Seine Warnung vor den wilden Horden einfallender Studenten am Bahnhof belachte die rund 200 Mann starke Zuhörerschaft von Herzen.

Schneider hatte bereits beim administrativen Halt verkündet, dass nun seine Welpenzeit abgelaufen sei; der 611. Liestaler Banntag war erst der zweite, an dem er als Rottenchef fungierte. Doch nun holte er weiter aus, liess die Causa Köppel-Sommaruga genauso wenig unangetastet wie das immerwährend populäre Banntagsthema «Frauen» und die Situation rund um das Ziegelhof-Areal, das sich laut Stadtrat Franz Kaufmann «langfristig entwickle». Das könne ja heiter werden, wenn selbst ein Politiker von «langfristig» spreche, stichelte Schneider.

Apropos Frauen:

Nationalrätin Sandra Sollberger, Landrätin Rosmarie Brunner und Regierungsrätin Monica Gschwind

Die Frauen dürfen nicht mittun, schauen aber gerne zu.

Nationalrätin Sandra Sollberger, Landrätin Rosmarie Brunner und Regierungsrätin Monica Gschwind

Kaufmann übrigens, seines Zeichens Weinbauer, hatte sich vergangenen Samstag bei der Wiedereröffnung des Zwickelkellers in besagtem Areal offiziell dafür stark gemacht, dass künftig am Znünihalt auch Bier ausgeschenkt werde.

Der Baselbieter Finanzdirektor Anton Lauber, der traditionell in der dritten Rotte dem Banne huldigt, lobte Schneiders spitzzüngige wie humorvolle Ansprache mit einem «sackstark». Während des anschliessenden Appells wurde Lauber, der dem Treiben beinah in Griffweite zur Spenden-Trommel beiwohnte, gut im Auge behalten. Der brauche, flüsterte man hinter vorgehaltener Hand, jeden Franken für seine klammen Kassen. Traditionell spenden die Banntägler mindestens 20 Franken pro Kopf für die Bürgergemeinde, gesammelt wird mit einer Trommel, wobei ein stattlicher Betrag zusammenkommt.

Lauber ist es übrigens auch gewesen, der den Besuch des Ständeratspräsidenten Comte eingefädelt hatte. Am Banntag kommen sich eben nicht nur Mann und Bann näher, sondern auch Politik und Natur. Und mit Raphaël Comte war einer der höchsten Politiker Gast am Bannumgang zu Liestal, diesem archaischen Brauch, an dem dick aufgetragen und geballert wird, geschmatzt und – ja, auch das – in freier Wildbahn uriniert. Comte lobte den Brauch – und das hiesige Wetter nach seinen Auftritten bei Schnee im Appenzell und Regen am Sechseläuten.

Hier kann Mann noch Mann sein

«Nur sind bei uns im Neuenburg die Gläser etwas kleiner», hielt er fest und zeigte auf einen Muff, immerhin vier Deziliter fassend, als er auf der Kiste stand, auf die er, wenig überraschend, zitiert wurde, daran wird nicht gerüttelt: Wer zu einem Wort an die Gemeinschaft auf die Kiste beordert wird, der hat zu gehorchen. Denn nicht nur bei Geburt und auf der Toilette seien alle gleich, merkte Rottenchef Schneider an, sondern auch am Liestaler Banntag.

Dieser Banntag, lobte die Gemeinschaft einhellig, sei der schönste Tag im Jahr. Denn hier könne Mann noch Mann sein. Fluchen. Bechern. Seich erzählen. Regierungsrat Thomas Weber stimmte ein und liess verlauten, dass es den Banntag auch in 200 Jahren noch geben werde – wie das zu 80 Prozent (aber nicht politisch) grüne Baselbiet. Die Mannen. Und den Bürgerstolz.