Oberbeinwil

Am Chratten Open Air werden Drogensüchtige zu Rockstars

Der Chratten (die drei Gebäude links) bietet Platz für acht Klienten.

Der Chratten (die drei Gebäude links) bietet Platz für acht Klienten.

Das Musikfestival ist eines von wenigen in der Schweiz, das nicht von einer Brauerei gesponsert wird. Hier wird nicht mal Alkohol ausgeschenkt. Was an anderen Open Airs undenkbar ist, hat in Oberbeinwil Tradition.

Grund für den Verzicht ist der Ort, an dem die Künstler am kommenden Samstag auftreten werden. Zum zehnten Mal organisiert Eric Vuille zusammen mit seinem Team von der Therapeutischen Gemeinschaft ein Open Air – im abgelegenen Chratten, der zu Fuss eine Dreiviertelstunde von Beinwils Dorfzentrum entfernt liegt. Und selbst Letzteres liegt abgelegen am Rande des Schwarzbubenlands. Im Chratten werden seit mehr als vier Jahrzehnten Drogensüchtige behandelt (siehe Text unten). Auf 900 Metern über Meer können Abhängige, inmitten einer wunderschönen Naturkulisse, eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Therapie absolvieren.

Bewohner spielen in Band mit

Während in ähnlichen Einrichtungen einmal pro Jahr an einem Grümpelturnier gemeinsam Fussball gespielt wird, lassen im Schwarzbubenland Stromgitarren den Solothurner Jura erbeben. Seit seinen Anfängen findet das Chratten Open Air am selben Datum wie die Zürcher Street Parade statt. «Mit unserem Festival wollten wir einen Gegenpunkt zur hektischen Massenveranstaltung setzen», sagt Vuille, der die Institution seit elf Jahren leitet. Konzerte hätten sich zudem angeboten, weil der Chratten selbst über einen Bandraum verfügt, in dem Klienten zu Instrumenten greifen. Einer der Musiker, der auf der Bühne stehen wird, ist Charlie Mancini. Der 48-Jährige liess sich einst selbst wegen Drogenproblemen in Oberbeinwil therapieren. Seit seinem Aufenthalt ist er clean und tritt bald eine Lehrstelle als Sozialpädagoge im Chratten an. Der ausgebildete Zimmermann führt als Gitarrist eine der auftretenden Gruppen an, in der zwei Bewohner mitspielen. Das Open Air bezeichnet er als «grosses Abenteuer», für das er momentan mitten in den Proben steckt. Mit seiner Band wird er Coverversionen von Rockklassikern zum Besten geben.

Besucher mit Suchthintergrund

Beim Aufbau des Festivals haben die sechs Klientinnen und Klienten derzeit alle Hände voll zu tun. «Da wir bei diesem kleinen Open Air auf jeden angewiesen sind, helfen alle tatkräftig mit», sagt Eric Vuille, der mit etwa 150 Besuchern rechnet. Viele davon stammen aus Deutschschweizer Drogentherapie-Einrichtungen, mit denen der Chratten in regem Austausch steht. Zuhörer ohne Suchthintergrund seien in den letzten Jahren nur wenige anzutreffen gewesen, meint er.

Gut möglich, dass sich dies bei der anstehenden Jubiläumsausgabe ändert. Mit Vera Kaa konnte eine national renommierte Künstlerin verpflichtet werden. Neben der Luzerner Sängerin werden die Festivalgänger vier weitere Formationen zu sehen bekommen. Für einmal ohne Bier in der Hand.

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