Interview

Andres Klein: «Vielleicht war ich etwas zu schnell»

Andres Klein: «Ich habe in verschiedenen Zusammenhängen gearbeitet, aber so direkte Anerkennung wie bei den Wald-Leuten habe ich sonst nirgends gefunden.»

Der Waldverbandspräsident Andres Klein tritt ab und sieht viel Arbeit für seinen Nachfolger Philipp Schoch.

Herr Klein, morgen wird der aktuelle Landratspräsident Philipp Schoch als ihr Nachfolger zum Präsidenten des Verbands «Wald beider Basel» gewählt. Zwei Drittel des Waldes gehört den Bürgergemeinden, die in Bürgerrechtsfragen eher SVP-nah auftreten. Aber mit Ihnen hatte man einen SPler als Präsidenten geholt, und der nächste ist ein Grüner. Ist das kein Widerspruch?

Andres Klein: Das Amt des Präsidenten ist ein politisches Amt, aber kein parteipolitisches. Parteizugehörigkeit war bei keinem Projekt ein Thema. Unabhängig von der politischen Herkunft haben wir gut zusammengearbeitet.

Und wie kam man auf Schoch?

Die dreiköpfige Findungskommission mit Verena Walpen aus Pratteln, Jeremias Heinimann aus Bennwil und dem Geschäftsführer Raphael Häner hat verschiedene Personen angefragt. Philipp Schoch bekundete Lust, das Amt zu übernehmen. Er kann führen – das zeigt er im Landrat –, er hat als gelernter Schreiner eine Beziehung zum Holz, und er ist motiviert. Und wenn er am 1. Juli das Amt antritt, hat er als ehemaliger Landratspräsident einen guten Draht zur Regierung: Das Rüstzeug ist wichtiger als das Parteibüchlein.

Welche Baustellen wird er von Ihnen übernehmen?

Nimmt die Generalversammlung am Samstag die Beitragserhöhung an, steht der Verband finanziell wieder auf gutem Boden. Bei einem Nein hätte er eine grosse Baustelle.

Wofür braucht es höhere Beiträge?

Wir mussten vom Kanton einen Teil der Berufsbildung übernehmen. Das hat uns in den letzten Jahren viel Energie und Geld gekostet.

Was steht sonst noch an?

Wir haben im Kanton Baselland 5000 Privatwaldbesitzer, aber nur die 100 grössten sind im Verband. Wir haben allgemein angefangen, Mitglieder zu werben. Da wo die Bürger- mit der Einwohnergemeinde fusioniert hat, ist diese Mitglied. Wir wollen aber auch die anderen Einwohnergemeinden gewinnen, denn sie haben hoheitliche Aufgaben im Wald, etwa bei Fahrverboten.

Auch die Wanderwege fallen in ihren Aufgabenbereich. Weiter werben sie gern mit dem Standortfaktor Wald, den unsere Mitglieder trotz ihrer ökonomischen Probleme pflegen. Und sie stellen in ihren Werkhöfen gern Forstwarte an, die wir mit beträchtlichen Kosten ausgebildet haben. Das müsste ihnen 250 Franken Mitgliederbeitrag wert sein, das wäre solidarisch.

Und Basel-Stadt?

Die Bürgergemeinde Basel ist eines unserer stärksten Mitglieder, denn sie hat sehr viel Wald im Aargau und im Baselbiet. Den hat sie bei der Kantonstrennung nicht aufgegeben.

Was machen Sie ausser Mitgliederwerbung, um die Finanzen ins Lot zu bringen?

Bürgergemeinden verhandeln mit den Einwohnergemeinden, damit diese Kosten für Leistungen übernehmen, die der Wald erbringt, beispielsweise beim Wegunterhalt oder bei Sicherheitsschlägen, damit Spaziergängern keine sterbende Esche auf den Kopf fällt. Seit es dafür ein Gesetz und Berechnungstabellen gibt, läuft das gut. Teilweise kommen die Einwohnergemeinden von sich aus auf uns zu.

Was sind da die Verbandsaufgaben?

Er muss den Mitgliedern Werkzeuge zur Verfügung stellen, damit sie aktiv werden können. So haben wir ein Handbuch erarbeitet, wie der Waldbesitzer vorgehen muss, wenn Swissgrid eine Stromleitung durch den Wald bauen will: Wie muss der Vertrag aussehen? Wie wird das entschädigt? Das gleiche gilt für den Bau von Antennen oder Windkraftwerken. Zudem ist es Aufgabe des Verbands, waldpolitische Fragen in den Parlamenten zu vertreten, Einfluss auf die Gesetzgebung und die Verordnungen zu nehmen.

Wie erfolgreich waren Sie damit?

Dies ist eine aktuelle Schwäche des Verbands. Ich habe den Schwerpunkt aufs Ökonomische gelegt. Der neue Präsident wird vermutlich eher wieder politische Akzente setzen. Wir haben auch eine landrätliche Arbeitsgruppe Wald aufgegleist.

Weshalb förderten Sie diese ökonomische Orientierung?

Die grösste Baustelle ist der tiefe Holzpreis, den wir nicht nur wegen des schwachen Euros haben. Darunter leiden aber alle Schweizer Waldbesitzer.

Welches waren Ihre Erfolge in den 14 Jahren Ihrer Präsidialzeit?

Das waren nicht persönliche Erfolge, denn ich hatte einen guten Vorstand und eine gute Geschäftsleitung. Einer der wichtigsten Erfolge war, dass wir die Raurica Wald AG aufgebaut haben. Da schaut man aus der ganzen Schweiz auf uns. Als Organisationsberater war ich dabei ein Zugpferd, bin immer drangeblieben und war vielleicht manchmal für die anderen auch etwas zu schnell.

Wozu dient diese Raurica Wald AG?

Es ging darum, eine Vermarktungszentrale zu gründen, um die Mengen zu bündeln und so bessere Preise zu erzielen. So haben wir in der letzten Saison Rekordumsätze erzielt. Das hilft uns nun auch, wenn wir mit dem Projekt «Fagus» Buche als Bauholz etablieren wollen. Ein weiteres Thema, um die ökonomische Lage zu verbessern, ist das Energieholz.

Da waren wir auf einem Höhenflug, bis dann der Ölpreis in den Keller fiel und der Energieholzpreis mit abstürzte. Aber wir haben das Glück, dass Basel nun ein zweites Holzkraftwerk bauen will.

Es heisst, das Basler Holzkraftwerk sei Ihr Kind.

Würde ich das allein auf meine Fahne schreiben, könnte ich nicht gut schlafen. Die Idee kam vom Basler Stadtförster und von Stefan Vögtli, dem Lupsinger Gemeindepräsidenten. Die beiden haben die IWB überzeugt. Diese forderte dann, dass sich die Waldseite als Mehrheitsaktionär beteiligt, weil sie Angst hatte, wir würden sonst das Holz nicht liefern. Als Organisationsberater schlug ich vor, dass wir unsererseits eine Gesellschaft gründen und so zum gleichberechtigten Partner werden. Ich habe also nur die Idee anderer weiterentwickelt. Auch das ist ein Erfolg: Die Waldbesitzer treten heute mit einem anderen Selbstbewusstsein auf, und wir haben die Kommunikation mit der Öffentlichkeit intensiviert.

Welches waren Ihre Niederlagen?

(Denkt nach) Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mal vom Vorstand aus ein Geschäft vorgeschlagen hätten, das dann an der Generalversammlung gescheitert wäre. Wir haben die Ideen im Vorstand, der extrem breit aufgestellt ist, vorher besprochen. War eine grosse Mehrheit dafür, wusste ich jeweils, dass ein Projekt auch an der GV durchkommt. Deshalb kostete es am meisten Anstrengung, wenn wir vom schweizerischen Verband etwas wollten, denn dieser ist etwas träger als wir.

In welcher Hinsicht?

Die Aufbruchsstimmung, die wir hier in der Nordwestschweiz haben, ist im nationalen Verband noch nicht angekommen. Als wir das Projekt lancierten, aus Buche Baustoffe herzustellen, hatten wir einen ungeheuren Widerstand vom Zentralvorstand und von der Direktion von Wald Schweiz. Am Schluss konnten wir aber elf Kantonalverbände dafür gewinnen.

Wie weit ist denn dieses Buchen-Bauholzprojekt?

Die Idee kam von den Waldbesitzern, die es schmerzt, gute Buchen zu verbrennen. Mit der Raurica hatten wir das Instrument, so etwas aufzugleisen. In den Jura sind wir gegangen, weil dort die grösste und erfahrenste Laubholzsägerei ist, die das Kundennetz und das Know-how hat. Der Businessplan steht. Im Juni erfolgt die Kapitalerhöhung, und dann kann man Maschinen bestellen und anfangen zu produzieren. Das Aktienkapital ist zu zwei Dritteln zusammen.

Was hatte Wald Schweiz dagegen?

Wir argumentierten, dass es um eine Anstossfinanzierung geht. Sie betonten, Mitgliederbeiträge seien nicht dazu da, eine neue Firma aufzubauen. Andere meinten, man müsste einen besseren Businessplan und weitere Studien machen. Das sehe ich anders: Kolumbus hat auch keine Marktstudie gemacht, bevor er Amerika entdeckte. Er hats einfach probiert. Ich bin halt der Unternehmertyp, ich hatte immer eine eigene Firma und war nie irgendwo angestellt.

Biker, Kletterer, Naturschützer, Spaziergänger und Reiter, alle benutzen den Wald. Wie ist das Verhältnis zwischen der Öffentlichkeit und den Waldbesitzern?

Wir wissen, dass wir der grösste Freizeitpark der Region sind, denn im Zivilgesetzbuch steht, dass man den Wald betreten darf. Auf der Waldseite will daran niemand etwas ändern. Aber auch da geht es um Leistungen des Waldbesitzers: Wenn es in Binningen Waldstücke gibt, wo vor lauter Brätlistellen kein Jungwuchs mehr aufkommt, dann bezahlt nun die Gemeinde dem Forstbetrieb eine Entschädigung für den Ertragsausfall und den Unterhalt.

Sie würden also am liebsten Eintritt verlangen?

Nein, aber wir müssen die Leistungen immer wieder transparent machen und mit den Partnern reden. Der Wald wäre eigentlich nicht defizitär, wenn wir nicht viel zu viele Leistungen verschenken würden. Deswegen verhandeln wir nun über diese Leistungsvereinbarungen. Bei der Biodiversität und dem Naturschutz sind es der Bund und der Kanton, die diese abgelten Aber wir mussten kämpfen, dass der Kanton bei Sparmassnahmen nicht ausgestiegen ist. Zudem haben wir angefangen, Gönnerpartnerschaften für Einzelpersonen zu schaffen, die für 60 Franken im Jahr Gönnermitglied werden können. Zudem haben wir rund 50 Firmengönner. So kommen wir auf einer freiwilligen Goodwill-Ebene gut voran.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Waldwirtschaft aus?

Angestammte Baumarten haben Mühe durchzukommen, Neophyten wandern verstärkt ein, und neuartige Krankheiten und Schädlinge bedrohen die Bäume.

Und was zeichnet sich bei den Baumarten ab?

Nicht nur das Klima, auch die Globalisierung spielt eine Rolle. Die grösste Angst ist, dass mit der Buche das Gleiche passiert wie mit der Ulme, die vor 20 Jahren wegen eines Pilzes praktisch verschwunden ist. Derzeit sind gegen 60 Prozent der Eschen – die zweithäufigste Laubbaum-Art – krank. Das System Wald ist weltweit vernetzt und eingebunden. Auch der Wald liegt nicht auf einer Insel.

Welches Fazit ziehen Sie im Rückblick?

Das Erwachen dieses Verbands hat nicht nur mit meiner Art des Führens zu tun, sondern damit, wie das Amt für Wald, die Förster und die Waldchefs der Bürgergemeinden zusammenarbeiten und den Verband gemeinsam tragen. Das Zusammenspiel der verschiedenen Rollen bis hin zu den Gemeindeförstern ist einzigartig. Ich habe in verschiedenen Zusammenhängen gearbeitet, aber so direkte Anerkennung wie bei den Wald-Leuten habe ich sonst nirgends gefunden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Meistgesehen

Artboard 1