«Spitex bewegt»

Angehörigenhilfe: Ein Vollzeitjob ohne Bezahlung

Über die Hälfte der Personen, die ihre Angehörigen pflegen, wünschen sich dringend eine Auszeit.

Über die Hälfte der Personen, die ihre Angehörigen pflegen, wünschen sich dringend eine Auszeit.

Personen, die ihre Verwandten zu Hause pflegen, sollen unterstützt werden. Dazu veranlassen die Spitexfördervereine Allschwil-Schönenbuch und Binningen im Rahmen von «Spitex bewegt» eine Veranstaltungsreihe rund um Beratung und Alternativen.

220 000 Personen engagieren sich in der Schweiz in der Pflege ihrer Angehörigen. «Das sind drei Prozent der Bevölkerung und zehn bis zwölf Milliarden Franken an Manpower, die Angehörige jedes Jahr freiwillig leisten», verdeutlicht Stephan Andres, Präsident des Spitex-Fördervereins Allschwil-Schönenbuch.

Neu sind diese Zahlen nicht. Schon seit 2010 liegen sie der Spitex im Rahmen der Swiss-Age-Care-Studie vor. Neu ist hingegen, was die Spitexfördervereine Allschwil-Schönenbuch und Binningen im Rahmen von «Spitex bewegt» aus den Resultaten machen: Wer in einer der drei Gemeinden lebt und zwischen 50 und 75 Jahre alt ist, dürfte in diesen Tagen eine Einladung zu einer Veranstaltungsreihe erhalten, in der sich alles ums Thema Angehörigenhilfe dreht.

«Wir sind die erste Spitex-Organisation, die das in diesem Umfang macht», sagt Andres. Dies obwohl die Swiss-Age-Care-Studie bei der Spitex Handlungsbedarf in diesem Bereich erkennt und vorschlägt, dass der Verband unter anderem bei der Information von pflegenden Angehörigen mithilft. Deshalb orientiere sich das Programm der Veranstaltungsreihe auch ganz stark an den in der Studie aufgezeigten Problemfeldern.

Auf die Jüngeren gezielt

«Spitex bewegt» bietet schon seit einer Weile präventive Programme an und stösst damit auf reges Interesse. So startete der Förderverein Binningen etwa mit Rhythmik-Kursen nach Jaques-Dalcroze zur Sturzprävention, die so gut ankamen, dass das Angebot ausgebaut werden musste. Genauso erfolgreich bieten der Förderverein Spitex Allschwil-Schönenbuch und andere Gemeinden im Leimental wie Biel-Benken diese Kurse an.

«Bisher haben wir allerdings vor allem für die Generation 60 plus etwas geboten», sagt Susanne Arndt, Vorstandsmitglied des Spitex-Fördervereins Binningen. «Nun wollen wir auch jüngere Personen ansprechen, nämlich jenes Segment, das sich typischerweise um ältere Familienmitglieder kümmert.»

Zudem werde die Pflege als sehr belastend empfunden, so Andres. «Mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen wünscht sich dringend eine Auszeit. Oftmals wissen sie aber gar nicht, welche Entlastungsmöglichkeiten es gibt.» Deshalb sei eines der Ziele der Veranstaltungsreihe der Spitex-Fördervereine, solche Möglichkeiten aufzuzeigen und die Vernetzung zwischen den Pflegenden und entsprechenden Institutionen zu fördern. «Wir wollen die Leute aber auch darauf sensibilisieren, wo ihre Belastungsgrenzen liegen und wann sie Aufgaben oder Verantwortung abgeben müssen.»

Auch Kurse mit konkreten Angeboten zur Pflege, etwa wie man jemanden richtig hebt oder was man im Umgang mit Medikamenten beachten muss, stehen auf dem Programm. «Man darf nicht vergessen, dass pflegende Angehörige normalerweise Laien ohne entsprechende Ausbildung sind», erklärt Andres. «Deshalb passieren Fehler. Viele machen sich zum Beispiel beim Heben den Rücken kaputt oder merken nicht, wann sie eigentlich einen Arzt beiziehen sollten.»

Schliesslich sorgt «Spitex bewegt» auch für die Psychohygiene. Monatlich soll ein Gesprächskreis für Betroffene stattfinden. «Wir sind überzeugt, dass es diesen Austausch mit Menschen braucht, die dasselbe durchleben», so Andres. Dabei sein wird dann auch Erwachsenenbildnerin Cornelia Kazis. Sie hat ein Buch zum Thema geschrieben und wird die ganze Veranstaltungsreihe am 20. Oktober mit einem Vortrag in Binningen eröffnen.

Vorerst ist das Projekt Angehörigenhilfe auf zwei Jahre angelegt. Peter Kury, Geschäftsleiter der Spitex Allschwil Binningen Schönenbuch, ist überzeugt, dass es auf grossen Anklang stossen wird. «Wir sind damit voll am Puls», sagt er. Für diese Annahme hat er guten Grund: «Als Spitex sind wir mit den Menschen in engem Kontakt und kennen ihre Sorgen und Anliegen.»

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