Liestal

Angst um geschützten Götterbaum – Bauprojekt könnte sich verzögern

Die Profilstangen links zeigen, wie nahe der Rebgarten-Neubau an den Götterbaum zu stehen kommen soll.

Die Profilstangen links zeigen, wie nahe der Rebgarten-Neubau an den Götterbaum zu stehen kommen soll.

Liestal plant am unteren Stedtli-Eingang ein grosses Bauprojekt mit 66 Alterswohnungen und 40 Pflegebetten. Zwei Personen haben nun Einsprache gegen das Rebgarten-Baugesuch erhoben. Sie sorgen sich um den alten Götterbaum.

Ein geschützter Neophyt – was für ein herrlicher Widerspruch – kommt in Liestal in Bedrängnis. Stellen wir ihn kurz vor. Name: Götterbaum. Alter: 70 Jahre aufwärts; je nach dem, wen man fragt. Standort: an prominentester Stelle am untern Stedtli-Eingang. Status: gefährdet. Grund der Gefährdung ist der Rebgarten: ein auch für Liestaler Begriffe grosses Bauprojekt mit 66 Alterswohnungen und 40 Pflegebetten.

Dieses Projekt hat das Quartierplanverfahren wegen der Höhe der Beteiligung der Stadt Liestal an den Parkhaus-Kosten kürzlich mit geharnischten Nebentönen im Einwohnerrat passiert und befindet sich nun in der Baugesuchsphase. Die neue Land- und Projekt-Besitzerin, die Swiss Prime-Anlagestiftung in Olten, möchte im Spätherbst mit dem Bau beginnen. Doch nun ist wegen Einsprachen Sand ins Getriebe gekommen. Zwei Einsprachen konnten offenbar bereinigt werden, eine ist noch hängig.

Baumgutachten wird erstellt

Bei dieser geht es um einen besseren Schutz des besagten Götterbaums. Hinter der Eingabe stehen der pensionierte Arzt Fritz Strub, einer grösseren Öffentlichkeit bekannt als Mitinitiant der Pro Ziegelhof, und die Architektin Charlotte Rey, beide aus Liestal. Sie machen geltend: «Der geschützte Baum ist in seiner Schönheit akut gefährdet. Die Baumkrone müsste für den Neubau und in Zukunft massiv und asymmetrisch beschnitten werden. Die Bauprofile ragen für alle ersichtlich durch die Äste hindurch.» Es sei sehr befremdlich, dass der Baum, der für die Eingangssituation in die Altstadt von Liestal «von unschätzbarem Wert» sei, ohne Not verstümmelt werden soll.

Strub und Rey fordern, dass die betroffene Gebäudeecke um sieben Meter nach hinten zu versetzten sei, damit der Baum genug Raum für seine Wurzeln und Äste habe. Thomas Grossenbacher von der Swiss Prime-Anlagestiftung versichert gegenüber der bz: «Wir setzen alles daran, den Götterbaum zu schützen und zu erhalten.» Am Projekt ändern will die Bauherrin aber nichts.

Ein Gespräch zwischen den Kontrahenten verlief letzte Woche praktisch ergebnislos. Fritz Strub meint dazu trocken: «Alle am Projekt Beteiligten versicherten abschliessend ihre tiefe und unverbrüchliche Naturfreundlichkeit. Ihnen liegt der Baumschutz am Herzen – die Sachzwänge aber noch näher.»

Immerhin soll aber nun die Baumpflegespezialistin Sibylle Trüb im Auftrag der Bauherrin ein Gutachten erstellen. Sie sagt: «Ich schaue, ob der Stamm im Innern gesund ist, und ob die geplanten Eingriffe verträglich sind.» Je näher die Eingriffe beim Stamm erfolgten, desto problematischer werde es für den Baum. Dieser trage schon mehrere Wunden von früheren Eingriffen. Auf die Frage nach ihrer Unabhängigkeit als Gutachterin antwortet sie offen: «Ich stehe immer auf Seite des Baums. Alles andere würde meinen Ruf beeinträchtigen.»

Auch wenn der ursprünglich aus Ostasien stammende Götterbaum hierzulande als invasiver Neophyt gilt, der in der Regel bekämpft werden muss, geniesst das Liestaler Exemplar den höchsten lokalen Schutz: Der Baum ist im Zonenplan Siedlung als erhaltenswertes Gehölz vermerkt. Deshalb ist in dem vom Ortsparlament und vom Regierungsrat genehmigten Quartierplanreglement zum Rebgarten festgehalten: «Der bestehende Baum ist geschützt und zu erhalten. Eine allfällige Ersatzpflanzung hat mit einem gleichwertigen Baum zu erfolgen. Es ist eine einheimische und standortgerechte Art zu verwenden.»

Sicher kein Götterbaum mehr

Für den Stadtrat sei der Wille der Bevölkerung, diesen Baum zu erhalten, verpflichtend, und er werde auch entsprechend Stellung zum Baugesuch nehmen, sagt Franz Kaufmann. Der Liestaler Stadtrat ergänzt, dass die Bauherrin nachweisen müsse, dass die Bestimmungen des Quartierplanreglements eingehalten würden. Die ganze Neophyten-Problematik sei bei diesem Götterbaum wegen seines Schutzstatus sekundär. Wenn der Baum aber krankheits- oder altersbedingt – Baumpflegespezialistin Trüb veranschlagt das Höchstalter für Götterbäume auf 150 Jahre – eingehe, dann werde er sicher nicht mehr mit einem gleichen Baum, sondern durch eine einheimische Art ersetzt, so Stadtrat Kaufmann.

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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