Regierungsrat

Anton Lauber ist der König von Allschwil - bald wird er Regierungsrat

immer alles im Blick. Er will über jedes Sachgeschäft mehr wissen als der zuständige Gemeinderat

immer alles im Blick. Er will über jedes Sachgeschäft mehr wissen als der zuständige Gemeinderat

Ein Exekutivpolitiker auf der Überholspur: Anton Lauber hat sich planmässig zum neuen CVP-Regierungsrat aufgebaut. Der Gemeindepräsident von Allschwil führt sein Dorf wie ein Unternehmen.

Anton «Toni» Lauber, der Allschwiler Gemeindepräsident, ist bereit. Daran lässt er keinen Zweifel. Am 9. Juni wird er – Irrtum vorbehalten – Baselbieter Regierungsrat.

Dass Lauber nach dem Tod von CVP-Regierungsrat Peter Zwick schon jetzt und nicht erst wie geplant 2015 vom Allschwiler Gemeindehaus in das Baselbieter Regierungsgebäude wechselt, stellt für ihn kein Problem dar. Eher für die Gemeinde. Die Verwaltungsmitarbeiter fragen sich, wer den Laden künftig im Griff haben wird. Der Gemeindeverwalterin trauen sie dies nur bedingt zu. Die CVP-Ortspartei ringt schon jetzt um Kandidaten, die in seine Fussstapfen im Gemeinderat treten könnten. Sie sind gross und alle sind sich einig, auch die politischen Gegner: Für Allschwil ist sein Abgang ein Verlust.

Sohn eines Gemeindepolizisten

Das kümmert Lauber wenig. Schon vor sieben Jahren wäre er bereit gewesen. Doch seine Partei, die CVP, hatte ihn übergangen und stattdessen den Münchensteiner Verkaufsleiter Zwick in die Regierung gehievt. Die Parteioberen hatten sich einen Deut darum geschert, dass er, der Anwalt mit eigener Kanzlei, bereits seit zehn Jahren als Gemeinderat exekutive Erfahrungen gesammelt hatte, seit 2004 als Gemeindepräsident, wiedergewählt in stiller Wahl. Ohne Hausmacht im Baselbieter Politfilz und aus der abseits gelegenen Grenzgemeinde Allschwil war Lauber, der Sohn eines Gemeindepolizisten, chancenlos.

Doch Lauber hat seine Schlüsse aus dieser Niederlage gezogen: Er hat sich vernetzt, sich und seine Gemeinde in den Vordergrund gerückt. An ihm gibt es kein Vorbeikommen mehr.

In der Kantonalpartei sitzt er mittlerweile als Vizepräsident direkt am Schalthebel. Für die junge Parteipräsidentin Sabrina Mohn ist Lauber der Silberrücken, der sie fördert und machen lässt, sofern seine Position unangetastet bleibt. Den politischen Kleinkrieg, wie er im Landrat vorherrscht, hat er weiter gemieden. Er sei Exekutivpolitiker, sagt er im Gespräch. Was es heisst, im Kantonsparlament zu politisieren, weiss er zudem aus familiärer Erfahrung: Sein Vater, Toni Lauber senior, sass insgesamt acht Jahre für die CVP im Landrat. Was aber nicht heisst, dass seine Kontakte nicht in die Legislative reichen: CVP-Fraktionschef Felix Keller, auch er ein Allschwiler, ist engster Vertrauter von Lauber, sein verlängerter Arm, wie manche sagen.

Engagement für «Charta von Muttenz»

Lauber hat auf die Karte Gemeindepolitiker gesetzt. Allschwil, die grösste Gemeinde im Kanton, wird in diesen Wochen die Marke von 20 000 Einwohnern überschreiten. Historisch definiert es sich über seine Grenze zu Frankreich und zur Stadt Basel. Vom restlichen Kanton ist es durch einen Hügelzug getrennt. Ob Kultur, Kabelnetz oder Schule: Die Vorstädter sind stadtorientiert. Sie waren schon vor 180 Jahren nicht für die Kantonsteilung zu begeistern, stimmten regelmässig für die Wiedervereinigung und würden es bei einer künftigen Abstimmung wohl wieder tun.

Mit der schnöden Ablehnung des Kantons, zu dem man gehört, lässt sich jedoch schlecht Karriere machen. Lauber hat diese Lektion gelernt, den Kompass neu ausgerichtet. Er hat sich für die «Charta von Muttenz» engagiert, in der die Prinzipien der Zusammenarbeit unter den Baselbieter Gemeinden festgelegt sind und die im vergangenen Sommer pathetisch von einer «Tagsatzung» verabschiedet wurde. Die Gemeindeautonomie soll gestärkt werden, heisst es darin. Profitieren wird Allschwil als grösste von der Gemeinden. Die unbedeutende Vorortskonferenz der Baselbieter Agglogemeinden löste sich auf. Stattdessen ist Allschwil mit Binningen, Bottmingen, Oberwil nun integraler Teil des funktionalen Raums «Leimental». Isolation war gestern.

Dauerpräsent

Wo so viel gezieltes Machtstreben auszumachen ist, sind Missgünstige und Stuhlbeinsäger oft nicht weit. Bei Lauber muss man sie zu suchen. Denn beim Toni, wie ihn alle nennen, ist die Härte, mit der er seine Ziele verfolgt, nicht auf Anhieb zu erkennen. Er geht auf die Leute zu, trifft den Ton, ist jederzeit ansprechbar. Ob er einer Jubilarin im Alterszentrum die Hand reicht oder einem Wirtschaftsmanager aus einem zonenrechtlichen Dilemma hilft, macht keinen Unterschied. Der Toni ist zur Stelle. Und dauerpräsent. Er fehlt an keinem Dorfanlass, ist Abend für Abend unterwegs. Er ist auch kein Stadtschnösel, der einem Oberbaselbieter Separatisten aus Reflex das Blut in den Kopf schiessen lässt. Sein Gang ist behäbig, der Kopf kantig. Er könnte auch als Bauer durchgehen.

Wer ihn im Gemeindezentrum besucht, im dritten Stock, redet mit ihm bei offener Tür. Er demonstriert Offenheit und gleichzeitig entgeht ihm kein Ankommen und Vorbeigehen auf dem Flur. Lauber entgeht ohnehin nichts, was in der Gemeinde läuft. Keiner ist besser informiert als er. Als er Gemeindepräsident wurde, so sagt man, hatte er sich vorgenommen, in allen Geschäften mindestens so viel zu wissen wie der eigentlich zuständige Gemeinderat. Lauber hat seinen Vorsatz wahr gemacht. Das Kollegium ist er.

«Politik ist das Machbare»

Am 9. Juni kann die Allschwiler Stimmbevölkerung nicht nur ihren Gemeindepräsidenten in die Kantonsregierung wählen, sie hat auch über den Bau eines neuen Schulzentrums zu entscheiden, mit knapp 70 Millionen Franken, das teuerste Unterfangen, das je vorlag. Es ist sein Projekt. Ein plakatgrosser Projektverlauf steht zusammengerollt in seinem Büro. Er zeigt die zahlreichen Entscheidungsschritte, von der Planung der Kindergärten bis zur Verlegung des Fussballfeldes. Für jeden Schritt hat Lauber die Akteure an den Tisch geholt, Widerstände ausgelotet, in Workshops Befind- und Empfindlichkeiten ernst genommen und damit entsorgt. Politik ist das Machbare, sagt er. Wer die Fäden in den Händen hat, das Tempo vorgibt, den Prozess bestimmt, für den ist mehr machbar. Am Schluss stand ein Projekt, sein Projekt. Lauber sagte im Einwohnerrat: «Es gibt dazu keine Alternative.» Machtpolitik ist auch, sich aller Alternativen zu entledigen.

Lauber ist kein Visionär , doch ihn interessiert, was er den «Zeitstrahl» nennt. Das Heute ist das Resultat dessen, wie gestern gehandelt wurde. Wer heute die richtigen Entscheide treffen will, müsse in die Zukunft blicken. 2030 oder gar 2050 sind seine Zeithorizonte. Was dann sein wird, mag auch Lauber nicht sagen. Doch soll heute nichts getan werden, was eine Entwicklung in 15 oder 35 Jahren verhindert.

Traum einer weiträumigen Südumfahrung

Wie hinderlich Visionen im politischen Prozess sind, hat ihm die leidvolle Verkehrsgeschichte seiner Gemeinde gezeigt. Überschwemmt von autopendelnden Elsässern, träumte Allschwil Jahrzehnte den Traum einer weiträumigen Südumfahrung. Die Blechlawine hätte sich erst im Leimental wieder gezeigt, dort die Landschaft durchschnitten. Ein politisch unmögliches Unterfangen, blind für die Anliegen der Nachbardörfer. Lauber hat das Projekt faktisch beerdigt, auch wenn er aus taktischen Überlegungen noch eine entsprechende Initiative unterstützt. Stattdessen treibt er nun zusammen mit den Leimentalern das Projekt einer Südtangente voran: Ein stadtnaher Autobahnring, der Allschwil ebenso viel nützt wie Binningen – und Basel: Der basel-städtische Baudirektor Hans-Peter Wessels weibelt intensiv für diese grenzüberschreitende Verkehrslösung. Kein Wunder: Mit einer Südtangente erhöhen sich auch die Realisierungschancen für einen Gundeli-Tunnel, dessen direkte Fortsetzung sie wäre. Die Zeitperspektive für dieses Mammutprojekt: 2050.

Lauber überrascht mit einem unerwarteten Satz: «Verkehr ist nicht das Problem; er ist die Folge unseres Lebensstils.» Er ist kein Grüner. Er will nicht den Verkehr und schon gar nicht den Individualverkehr einschränken. Er zielt darauf, dass gar kein Bedürfnis nach mehr Mobilität aufkommt. Etwa durch nahe Wege zwischen Wohn- und Arbeitsort. Oder durch die Qualität des öffentlichen Verkehrs, die automatisch zum Verzicht aufs eigene Auto führen soll. Verkehrspolitik ist für ihn Raumplanung, Wirtschaftspolitik ist Siedlungspolitik.

Städtische Arroganz

Lauber schlägt sich nicht auf eine Seite: Er tritt als Fürsprecher einer fluglärmgeplagten Gemeinde auf und weiss um die Standortvorteile für die Wirtschaft, die sich durch den Flughafen ergeben. Ob Flug-, Individual- oder öffentlicher Verkehr: Sein erster Gesprächspartner ist Basel-Stadt. Lauber spricht sich für eine S-Bahn mitten durch die Stadt aus, das Herzstück. Seine Forderung: Allschwil soll eine eigene S-Bahn-Station beim Morgartenring erhalten. Für Basel-Stadt ist Lauber ein Ansprechpartner, knapp auf Augenhöhe. Dass er dabei zuweilen das empfindet, was er städtische Arroganz nennt, macht ihn zum Baselbieter. Etwa, wenn ihm das rot-grüne Basel eine Buslinie verweigert.

Dabei hat er Verständnis für städtische Anliegen. Seit Jahren ist er ständiger Vertreter in der Stiftung Kabelnetz, dem Betreiber von Telebasel. Und wenn einer in diesem aufgeblähten Gremium die richtigen Fragen stellt, so sagt man, dann er.

Fusions-Skeptiker

Ideologische Debatten liegen ihm nicht. Er geht ihnen aus dem Weg, durchaus elegant. Beispielsweise bei der Kantonsfusion. Er liess seine Partei gegen den Widerstand der Regierung für eine Simulation des Fusionsprozesses werben. Dabei ist er mehr Fusions-Skeptiker denn ein Turbo. Eine Fusion von oben lehnt er ohnehin ab. Dazu ist er zu sehr Gemeindevertreter, Föderalist aus Profession. Sollte sich als Resultat eines Prozesses von unten ein Zusammenschluss als beste Lösung erweisen, dann ja. Ob Gemeinde- oder Kantonsfusion ist ihm dabei einerlei.

«Die Aufgaben definieren die Räume», sagt Lauber. Ein Satz, der sich wörtlich in der «Charta von Muttenz» wiederfindet. Lauber argumentiert, wie er sagt, unternehmerisch. Die Gemeinde sei ein Unternehmen. Synergien sind gefragt; zusammen soll gemacht werden, was sich gemeinsam am besten, also kostengünstig, machen lässt.

Es fehlt ihm an Spitalwissen

Lauber kann sich vorstellen, jede Direktion der Baselbieter Regierung zu übernehmen; ausgenommen vielleicht die Bildungsdirektion, sagt er. Tritt er die Zwick-Nachfolge als Wirtschafts- und Gesundheitsdirektor an, so fehlt es ihm an Spitalwissen, so wie es seinem Vorgänger gefehlt hatte. Doch in der Alterspflege, der Geriatrie kennt er sich aus, ein ausbaufähiger Ansatz. Und Wirtschaft ist ohnehin sein Gebiet.

Wo sich der Kanton verkrampft um Wirtschaftsförderung bemüht, um Ansiedlung neuer Firmen und um die Entwicklung von Industriegebieten, da hat seine Gemeinde in den vergangenen Jahren gehandelt: Die Steuereinnahmen von juristischen Personen stieg in Allschwil seit 2006 von 4,5 auf 15 Millionen Franken. Direkt an der Grenze zu Frankreich steht ein eigentlicher Park innovativer Firmen. Das Flaggschiff mit entsprechender Herzog-&-de-Meuron-Architektur ist das Pharmaunternehmen Actelion. Es hat Allschwil als Standort ins Schaufenster gestellt, sagt Lauber. Ein Milliardenunternehmen aus dem Nichts. Selbst wenn deren Pipeline so leer ist wie das nagelneue, wegen Wasserschaden geschlossene Betriebsgebäude, beunruhigt ihn dies nicht. Die Wirtschaftskraft des einstigen Bauerndorfes mit einer Ziegelei und einer späteren Schuhfabrik ist mittlerweile breiter abgestützt. Ein Klumpenrisiko Life-Sciences gebe es nicht, sagt Lauber.

Finanzen gehören zum täglichen Geschäft

Selbst die Nachfolge Ballmers als Verwalter roter Zahlen würde ihn nicht schrecken. Finanzen gehören zum täglichen Geschäft eines Gemeindepräsidenten. Als Verhandler um den Finanzausgleich der Gemeinden mit dem Kanton und um den Ausgleich unter den Gemeinden kennt er die Gesetze der kommunizierenden Finanzröhren. Das schwerste Geschäft sei aber ohnehin die Sanierung der Pensionskasse. Dieses steht an, wenn Ballmer nicht noch auf seinen letzten Metern ein Durchbruch gelingt. Als Präsident des Verbandes Baselbieter Polizeibeamten – auch dies ist Lauber noch – hätte er sich in dieses Grossgeschäft eingearbeitet.

Die Baselbieter Polizisten führt er seit der Ewigkeit von 1998 und als Anwalt steht er regelmässig vor Gericht. Sollte der glücklose Justizdirektor Isaac Reber sich in eine andere Direktion retten, so wäre auch dies für Lauber kein Unglück. Wäre da noch die Baudirektion von Sabine Pegoraro. Sein raumplanerisches Konzept des Verdichtens wäre zumindest ein Konzept.

Generalist

Bei Lauber geht ein Dossier ins nächste über. Er versteht sich als Generalist. Seine künftigen Kollegen in der Baselbieter Regierung können damit rechnen, dass er diese Gewohnheit nicht so rasch ablegen wird. Denn er geht mit geschwellter Brust seine Aufgabe im Kanton an. Er ist bereit.

Lauber setzt Erwartungshaltungen. Zuerst bei sich, aber auch bei jenen, die ihn wählen werden. Dabei ist Liestal nicht Allschwil, Kantonal- nicht Kommunalpolitik. Den Berufsallschwiler muss er an der Garderobe abgeben. Er trifft auf einen Kanton in seiner schwersten Identitätskrise seit Bestehen. Dagegen ist seine Gemeinde an der Grenze des Kantons ein Idyll, ein einfaches Versuchsfeld, überschaubar. Das Feld für einen Gemeindepräsidenten.

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