Sissach

Anwohner schaffen Insel im Alltag für Flüchtlinge

Fleissiges Zählen beim Triominos: Ueli Wyss, Birhan* (vorne), Hans Sutter, Selam* und Robel* (hinten).

Fleissiges Zählen beim Triominos: Ueli Wyss, Birhan* (vorne), Hans Sutter, Selam* und Robel* (hinten).

Ostafrikaner spielen in Sissach wöchentlich Domino und tauschen sich mit Schweizern aus. Der Treff wird von der Gruppierung Freiwillige für Flüchtlinge Sissach organisiert.

Die drei jungen Männer betreten den Raum leise und unaufgeregt. Sie gehen auf die anwesenden Frauen und Männer zu und grüssen mit Handschlag. Birhan* (22), Selam* (26) und Robel* (28) sind Flüchtlinge aus Eritrea und nehmen im Centro in Sissach an einem Spielnachmittag teil. Dort können sie für ein paar Stunden ihren sonst eher gleichförmigen Alltag durchbrechen.

Organisiert wird der wöchentliche Centro-Treff durch die Gruppierung Freiwillige für Flüchtlinge Sissach (FfFS). Jeweils montags können die Flüchtlinge von 14 bis 17 Uhr bei Tee gemütlich zusammensitzen und spielen. Der Treff ist eines der Angebote von FfFS. Momentan engagieren sich 25 bis 40 Freiwillige. Die demokratisch organisierte Gruppe wird nicht politisch aktiv und mischt sich nicht in Asylverfahren ein. «Die Freiwilligen bemühen sich allein um Gastfreundschaft, Nächstenliebe, Hilfen zu Integration und Tagesstrukturen», erläutert Matthias Plattner, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Sissach.

Ein Podiumsgespräch über die Flüchtlingshilfsorganisation Cap Anamur im Oktober 2015 sei der Auslöser für die Gründung des Komitees gewesen. Einer der Gastredner in der Oberen Fabrik in Sissach war Hochseekapitän Stefan Schmidt, der auf See mit dem Flüchtlingsproblem konfrontiert wurde. Podiums-Mitinitiant Plattner war ob der Reaktionen überrascht. «Gegen Ende des Gesprächs standen mehrere Gäste auf und fragten: Das ist ja schön und gut, aber was machen wir jetzt?» Eine Liste für mehr Informationen lag bereit. Das genügte ihnen nicht. «Etwa zehn Leute setzten sich nach der Veranstaltung spontan zusammen, um Nägel mit Köpfen zu machen.» Einer dieser Gäste war Ueli Wyss (68). Wyss sagt, er engagiere sich hier, damit er zeigen könne: «Die Flüchtlinge mögen hier zwar politisch nicht willkommen sein, aber sie sollen merken, dass es Menschen gibt, die ihnen den Aufenthalt erleichtern möchten.»

Domino und Uno

Das «Centro» als Spiel-Treff entstand so: «Es wurde Winter und wir wollten nicht, dass die Flüchtlinge bloss wegen des WLAN in der Kälte am Bahnhof rumhängen», erinnert sich Plattner. Vor der Entstehung aller Programmaktivitäten seien die Betroffenen einbezogen worden. Der 54-Jährige sagt: «Wir fragten, was sie wollen und was nicht.»

Kurz vor 14 Uhr fährt Wyss mit dem Velo vor und schliesst das Gebäude nahe der katholischen Kirche auf. Der Zunzger und Lisbeth Borer aus Sissach begleiten den Spielnachmittag fast jede Woche. Borer beschreibt das Angebot so: «Es ist für die Flüchtlinge eine Insel in ihrem Alltag.» Ausschliesslich Männer kommen vorbei. Das habe sich so eingependelt, mittlerweile kämen vorwiegend Ostafrikaner, erzählt die Pensionärin.

Im kleinen Raum stehen einige robuste Tische; auf der Seite sind alte Stühle aufgestapelt. Die jungen Männer tragen Jeans und T-Shirt. Alle seien seit elf Monaten hier, sagt Birhan. Er versteht am besten Deutsch und Englisch und fungiert spontan als Übersetzer. Trotzdem ist die Verständigung schwierig, braucht Zeit und Geduld. Sie hätten zwei- bis dreimal pro Woche einen Deutschkurs. In den Centro-Treff gingen sie jede Woche. Bis halb vier sind nur die drei anwesend. Gemäss Borer waren es in der Vorwoche neun.

Austausch wird geschätzt

Der Treff soll möglichst niederschwellig sein, deshalb sind keine Anmeldungen nötig. Die Sissacherin erzählt, die Männer spielten am liebsten Domino und Uno. Sonnenstrahlen lachen durch die Fenster, es ist etwa 22 Grad warm. Warum sind sie an einem so schönen Tag drinnen? «Es ist zu heiss draussen», lautet die schüchterne Antwort. Die schlaksigen Eritreer spielen Triominos mit den Senioren Ueli Wyss und Hans Sutter. Ihnen gefalle der Austausch. Die beiden Schweizer fänden sie «gut», sagt Birhan und lächelt. Nach der Frage, wie es ihnen bisher in der Schweiz gefalle, senkt er den Blick, sie beginnen in ihrer Sprache zu diskutieren. Es wird klar, dass sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Wyss erklärt, dass die Drei im Tannenbrunn wohnen. Gemeint ist eine Zivilschutzanlage im gleichnamigen Schulareal – Aussicht gibts da nicht.

Mittlerweile besteht FfFS seit einem halben Jahr. Pfarrer Plattner erzählt, er sei positiv überrascht, «wie unglaublich schnell und unkompliziert wir aktiv werden konnten.» Die Freiwilligen seien ambivalent. «Einerseits sind sie beeindruckt, wie sich ihr Bild ändert, sobald sie Flüchtlinge persönlich kennen.» Andererseits sei es nicht einfach. Man müsse manchmal die eigene Hilflosigkeit aushalten. «Beispielsweise wenn Flüchtlinge, zu denen man eine Beziehung aufgebaut hat, über Nacht weg sind, wenn sie abgeschoben werden.» Wyss bestätigt dies: «Mit dem ‹Verschwinden› von Flüchtlingen müssen wir umgehen können, auch wenn das unter Umständen schon schwerfällt.»

*Vorname geändert

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