Energie

Atomkraft verteuert Baselbieter Strom

Wertberichtigungen bei den Atomkraftwerken Gösgen (Bild) und Leibstadt schlagen auf die Strompreise im Baselbiet durch.

Wertberichtigungen bei den Atomkraftwerken Gösgen (Bild) und Leibstadt schlagen auf die Strompreise im Baselbiet durch.

Die geplante AKW-Stilllegung kommt vor allem die einfachen Konsumenten teuer zu stehen.

Die Strompreise im Baselbiet schlagen auf: Bei der Elektra Birseck Münchenstein (EBM) im Schnitt um 1,5 Rappen und bei der Elektra Baselland (EBL) um 0,95 Rappen pro Kilowattstunde. Der Hauptgrund: Atomstrom wird teurer.

Das wirft Fragen auf, denn das Standardprodukt der beiden Elektras stammt zu 95 Prozent aus Gross-Wasserkraftwerken und zu 5 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen wie Sonne, Wind oder Biomasse. Im Klartext: 0,0 Prozent Atomstrom – und trotzdem sollen alle Kunden mitbezahlen. Warum?

Kompliziertes Meccano

EBL und EBM sind beide als Aktionäre an der Alpiq AG beteiligt und haben mit dieser langfristige Stromlieferverträge. Sie beziehen von der Alpiq sowohl Atom- als auch Wasserstrom. Dafür verrechnet die Alpiq den Baselbietern den Gestehungspreis. Dabei unterscheidet sie nicht zwischen unterschiedlichen Stromsorten. Es handelt sich um eine Mischkalkulation.

Die Alpiq ist ihrerseits an den Atomkraftwerken (AKW) Leibstadt und Gösgen beteiligt. Diese werden dereinst stillgelegt, zurückgebaut, und die radioaktiven Materialien müssen in einem Endlager untergebracht werden. Im Gegensatz zu anderen Technologien fallen also auch nach der Stilllegung Kosten in Milliardenhöhe an.

Dafür müssen die Kraftwerksbetreiber jährlich Geld in den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds einzahlen. Welche Summe nach einer angenommenen Laufzeit von 50 Jahren im Fonds vorhanden sein soll, berechnet oder schätzt der Bundesrat alle fünf Jahre neu.

Diese Fonds funktionieren wie eine Pensionskasse: Das eingezahlte Kapital und die damit erwirtschaftete Rendite gehören dem Kraftwerksbetreiber. Zugriff hat er aber erst, wenn er das AKW abschaltet. Und wie bei Pensionskassen fallen wegen der aktuellen Tiefst- und Negativzinsen die realen Renditen tiefer aus, als wenn man mit der kalkulatorischen Verzinsung von jährlich 3,5 Prozent rechnet, wie sie in der entsprechenden Verordnung des Bundes festgelegt wurde.

Verlust für die Genossenschaft

Die EBM begründet ihren Preisaufschlag damit, «dass die Kraftwerke Leibstadt und Gösgen beschlossen haben, ihre Ansprüche gegenüber den staatlichen Stilllegungs- und Entsorgungsfonds neu auf der Basis Marktwert zu bilanzieren». Die EBL bestätigt diesen Mechanismus.

Der Alpiq-Pressesprecher Andreas Meier betont, dass es nicht um einen Fehlbetrag im Stilllegungs- und Entsorgungsfonds gehe, «sondern nur darum, wie das Fonds-Guthaben in der Bilanz abgebildet wird». Allerdings betrug die Differenz zwischen dem kalkulatorischen Buchwert und dem effektiven Markwert der Alpiq-Ansprüche Ende 2014 110 Millionen Franken. Diese werden auf die Gestehungskosten des Atomstroms abgewälzt. Diese stiegen gemäss Meier von 3.39 Rappen im Jahr 2014 auf 5.12 Rappen im Jahr 2015. Also steigen auch die Kosten für Unternehmen wie EBL und EBM.

Dass die daraus resultierende Preissteigerung auch Endkunden trifft, die atomfreien Strom beziehen, ist in der Stromversorgungsverordnung geregelt: Die Gestehungskosten müssen auf alle Kunden in der Grundversorgung umgelegt werden.

Auch das Bundesgericht habe entschieden, Mehrkosten seien auf alle Kunden in der Grundversorgung umzulegen, erklärt Tobias Andrist. «Grosskunden, die Strom zu den tieferen europäischen Marktpreisen beziehen, können wir den Aufschlag dagegen nicht verrechnen», berichtet das EBL-Geschäftsleitungsmitglied. «Die daraus resultierenden Verluste muss die Genossenschaft tragen.»

Andrist und Meier weisen auf einen weiteren Aspekt hin: Dass die Fonds-Guthaben der AKW-Betreiber künftig zum Marktwert in den AKW-Bilanzen auftauchen, mache den Strompreis volatil. Die Gestehungskosten werden also in Zukunft zumindest teilweise bestimmt durch die Fonds-Rendite und somit durch die Entwicklung der Finanzmärkte.

«Mär vom billigen Atomstrom»

Skeptisch äussert sich der Binninger Rechnungslegungs-Experte Kaspar Müller. Er hat bereits in der Vergangenheit die Bilanzierungspraxis der AKW-Betreiber kritisiert. «Dass die Differenzen aus der früheren Fehlbewertung nun per ‹Methodenwechsel› auf Kunden in der Grundversorgung überwälzt werden, ist stossend.» Allerdings zeige der Vorgang auch: «Die Mär vom billigen Atomstrom findet nun ihr Ende.»

Autorin

Daniel Haller

Daniel Haller

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