Einwohnerrat

Auch Liestal sorgt sich offiziell ums Klima

Als zweite Schweizer Stadt nach Basel verabschiedete gestern Liestal eine Resolution zum Klimanotstand.

Die Liestaler Einwohnerräte wurden gestern auf dem Weg zur Sitzung ungewöhnlich empfangen: 20 Schüler standen vor dem Regierungsgebäude Spalier und riefen den amüsierten bis verdutzten Parlamentariern im Chor zu: «Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut.»

Nun, die Botschaft kam offensichtlich an. Denn der Rat verabschiedete die von acht Parlamentariern aus linken, grünen und Mitte-Kreisen eingebrachte «Resolution zur Ausrufung des Klimanotstandes» mit 29 gegen eine Stimme bei fünf Enthaltungen. Mit den Enthaltungen wollte die SVP signalisieren, dass «sie das Klima ernst nimmt», die Resolution aber «Augenwischerei» sei, wie es Sprecher Hanspeter Meyer formulierte. Und er meinte: «Wir reisen mit Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen herum. Hier müssten wir ansetzen und unseren Wohlstand drastisch herunterfahren. Aber wer will das?»

Mit diesem Votum stand Meyer alleine. Die anderen Fraktionssprecher und auch Stadtpräsident Daniel Spinnler (FDP) werteten den Vorstoss positiv, mit dem sich der Einwohnerrat unter anderem verpflichtet, bei allen Geschäften die Auswirkungen aufs Klima zu berücksichtigen. Spinnler sagte: «Es ist klar, dass der Stadtrat den Klimawandel anerkennt und am Thema arbeitet. Wir finden die Resolution gut.» Auffallend: Während der freisinnige Spinnler verbal Farbe bekannte, stimmte die FDP-Fraktion dem Vorstoss zu, ohne ein Wort dazu zu verlieren, was unüblich ist. Die einzige Nein-Stimme stammte übrigens von Hans-Rudolf Schafroth (SVP).

Einst direkt nach Neapel

Nicht nur weitgehende, sondern völlige Einigkeit bestand zum Thema Fernverkehr, zu dem der Einwohnerrat auch schon eine seiner raren Resolutionen verabschiedet hatte. Ein Fraktionssprecher nach dem anderen dankte dem Stadtrat für dessen Bemühungen, sich beim Bund für den Erhalt und im besten Fall den Ausbau der Schnellzugshalte in Liestal einzusetzen (bz von gestern) und ermunterte ihn, so weiter zu machen. Stefan Fraefel (CVP) sprach von einer «himmeltraurigen Angelegenheit», wie Liestal beim Kanton und in Bern vergessen gegangen sei. Und er erinnerte daran, wie der Kantonshauptort früher noch direkte Schnellzüge nach Chur und Chiasso hatte und es einst sogar eine tägliche Verbindung nach Neapel gegeben habe.

Die stiefmütterliche Behandlung hängt für Fraefel auch mit der Infrastruktur zusammen, gebe es doch zwischen Liestal und Olten heute noch gleich viele Gleise wie Mitte des 19. Jahrhunderts, während sich die Bevölkerung vervielfacht habe. Ins gleiche Horn blies Hanspeter Meyer (SVP): «Ich begreife die SBB nicht. Die Schnellzugshalte sind für Liestal und die Wirtschaft sehr wichtig.» Auch Stadtpräsident Spinnler sieht die Attraktivität von Liestal in Gefahr. Er resümierte: «Wir müssen selbstbewusst in Bern auftreten. Für den Rest der Schweiz sind wir nördlich des Juras einfach ein Flären namens Basel.» Das Parlament segnete den Zwischenbericht des Stadtrats einstimmig ab.

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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