Kirminaltourismus

Augenschein im Hinteren Leimental: So kämpfen idyllische Dörfer gegen unerwünschte Gäste an

Einbrecher sind immer wieder im Solothurnischen Leimental unterwegs, im Hintergrund die Gemeinde Flüh.

Einbrecher sind immer wieder im Solothurnischen Leimental unterwegs, im Hintergrund die Gemeinde Flüh.

Das Hintere Leimental ist seit Jahren beliebt bei Einbrechern: Villen in Abgeschiedenheit locken vor allem Kriminaltouristen aus dem Ausland an. Betroffene wissen sich aber zu wehren. Wir haben uns bei ihnen umgehört.

Wen man in den Dörfern des Hinteren Leimentals auch fragt, es kommen immer wieder dieselben Antworten. Die Gründe, weshalb der äusserste Zipfel des Kantons Solothurn so häufig von Einbrechern heimgesucht wird, sind eindeutig: Die Nähe zu Frankreich, die Abgelegenheit und die etlichen Villen, die hier stehen. Gerade in den Wintermonaten erleben viele eine böse Überraschung, wenn sie heimkehren.

Zu Schlafgemeinden seien die Ortschaften hier hinten in den letzten Jahren geworden, hiess es an der Fasnacht. Auch wenn dieses Bild überzeichnet ist, enthält es doch auch eine Spur Wahrheit. Auf den Strassen begegnen einem an einem Nachmittag unter der Woche nur sehr wenige Menschen. Treffpunkte wie Bäckereien, Poststellen oder Raiffeisenbanken sind vielerorts verschwunden.

Mann inspizierte Briefkasten

Die Leimentaler reagieren auf die sich ändernden Verhältnisse vor allem mit Pragmatismus. In Rodersdorf, der Endstation des 10er-Trams, befindet sich die Post heute im Dorfladen. Bei den Diskussionen im angegliederten kleinen Café sind die Einbrüche seit langer Zeit ein Dauerbrenner. «Das ist das wichtigste Gesprächsthema im Dorf», sagt Christian Hefel, der auch schon Erfahrungen mit Einbrechern machen musste. In sein Elternhaus, welches er vermietet, sind Diebe eingestiegen, während die Bewohner schliefen. «Ein Auto wurde gestohlen und tauchte einige Tage später in Frankreich wieder auf.»

An einem Fenster seines eigenen Hauses habe er vor einiger Zeit auch Einbruchspuren feststellen müssen. «Den Kriminellen ist es jedoch nicht gelungen, ins Gebäude zu gelangen.» Trotz der Diebestouren durch das Solothurnische Leimental fühle er sich sicher. «Schliesslich habe ich einen Hund», sagt er. Zudem sei es bestimmt von Vorteil, dass er, im Vergleich zu vielen anderen, im Dorf arbeite. Bei sich zu Hause habe er die Sicherheitsmassnahmen nicht wirklich verstärkt.

Völlig anders klingt es bei einer älteren Bättwilerin, bei der Einbrecher vor einigen Jahren zuschlugen und dabei eine grössere Summe Bargeld sowie Schmuck erbeuteten. «Ich lasse heute immer das Licht an, auch wenn ich nur für wenige Minuten aus dem Haus gehe», sagt sie. Ebenso haben sie und ihr Mann eine Alarmanlage installiert, die kürzlich versehentlich losging. «Viele Nachbarn sind aus ihren Häusern gestürmt, um zu sehen, was hier los ist. Das war toll», freut sie sich über die Unterstützung aus dem Quartier. Zum Dank hat sie alle Helferinnen und Helfer zu einem Apéro eingeladen.

Dass sie kurz vor dem Einbruch nicht auf Merkwürdigkeiten reagiert hat, wurmt sie bis heute. Sie sei damals ausgerechnet von einer Kollegin heimgekehrt, bei der eingebrochen worden war. «Vor unserem Haus beobachtete ich einen älteren Herrn mit einem auffällig altmodischen Rucksack dabei, wie er den Namen auf dem Briefkasten inspizierte. Leider habe ich mir nichts dabei gedacht.» Die Polizei habe ihr erklärt, dass der Mann womöglich im angrenzenden Wald übernachtet habe.

In den letzten Jahren sind im Hinteren Leimental Einbrecher nicht nur immer wieder in private Liegenschaften eingedrungen. Die mittlerweile aufgehobenen Bancomaten in Flüh und Rodersdorf wurden Ziel von Raubüberfällen. In die Gemeindeverwaltungen von Rodersdorf und Witterswil stiegen Einbrecher sogar mehrmals ein. «Wir haben nach der Einbruchserie die Türen des Verwaltungsgebäudes besser gesichert und eine Alarmanlage angebracht», sagt die Rodersdorfer Gemeindepräsidentin Karin Kälin Neuner-Jehle. Seither sei zum Glück nichts mehr passiert. Sie beobachte in ihrem Dorf, dass die Einbrüche die Menschen in einigen Quartieren stärker zusammengeschweisst haben.

Offene Grenzen seien schuld

Auch wenn die Begegnungsorte für die Bevölkerung im Tal abgenommen haben, gibt es sie immer noch. Im Café Zentrum, gleich neben der Station Flüh, berichtet ein ehemaliger Grenzwächter über die lange Geschichte der Einbrüche in der Region. «Die Aufhebung der Grenzen und die Schliessung einiger Polizeiposten haben den Kriminaltourismus klar begünstigt», schimpft er. Mittlerweile hätten sich die allermeisten Bewohner an die Situation gewöhnt und seien sensibilisiert, ist man sich hier einig. Es scheint, dass sich die Menschen mit der allseits lauernden Gefahr arrangiert haben.

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