Kaum ist von ihm die Rede, macht er einem auch schon seine Aufwartung. Mitten am Nachmittag hoppelt ein Feldhase durch das Naturschutzgebiet Ziegelei. Was anderswo eine absolute Seltenheit wäre, gehört hier fast zum Alltag.

Aber nicht nur der scheue Hase ist gegenüber dem Gymnasium Oberwil anzutreffen. Auf einer Fläche von acht Hektaren erstreckt sich ein schweizweit wichtiges Amphibienlaichgebiet. In der Tümpellandschaft mit schwerem Lehmboden sind verschiedene Kröten, Frösche und Molche heimisch. Vogelarten wie das Teichhuhn und der selten gewordene Zwergtaucher brüten, während Zugvögel wie das Braunkehlchen und die Bekassine eine Rast einlegen.

Früher wurde hier Lehm abgebaut

Nicht gerne gesehen ist jedoch die gebietsfremde Rostgans, die der Ziegelei gerade einen Besuch abstattet. «Sie stammt eigentlich aus dem asiatischen Raum und stellt als Gefangenschaftsflüchtling eine Bedrohung für andere Arten dar», sagt Eric Wyss. Der Biologe sorgt im Auftrag des Kantons Baselland für die Pflege des Naturschutzgebietes. Um die Eindringlinge, deren grösste Population ausserhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes in der Schweiz lebt, zu bekämpfen, sind scharfe Massnahmen nötig. Bereits vor einigen Tagen habe er die für Jagd zuständige Person beim Kanton informiert, erklärt der Oberwiler. Manchmal müsse er eben auch zu drastischen Mitteln greifen, um das Gebiet zu schützen.

Eric Wyss durchstreift dieses beinahe wöchentlich und kennt jedes Fleckchen des sich in Privatbesitz befindenden Areals. Das Gelände gehört der Nachfolgefirma der Mechanischen Ziegelei, von der es auch seinen Namen hat. «Während mehr als 100 Jahren wurden aus dem hier abgebauten Lehm Backsteine hergestellt. Es entstand eine beachtlich grosse und tiefe Grube, die schon während der Betriebszeit von der Natur in Beschlag genommen wurde», erklärt Wyss. Nach der Stilllegung der Produktion im Jahr 1997 beschloss das Unternehmen gemeinsam mit den kantonalen Behörden, die Grube als Inertstoffdeponie zu nutzen.

Bereits damals war klar, dass die Gegend nach Abschluss der Deponie als Naturschutzgebiet mit verschiedenartigen Weihern gestaltet werden soll. Denn schon einige Jahre zuvor war das Gebiet ins Bundesinventar der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung aufgenommen worden. Deshalb begleiteten von Beginn an Naturschutz- und Amphibienexperten die Auffüllung. Für die wandernden Amphibien entstand ein Leitsystem mit Unterführungen, das den Tieren ein gefahrloses Unterqueren der vielbefahrenen Allschwilerstrasse ermöglicht. 2010 konnte das Naturschutzgebiet Ziegelei in Oberwil eingeweiht und dem Kanton zur Pflege übergeben werden.

Exkursion zum Krötenkonzert

Ganz ohne einen Rückgang der Kreuzkrötenpopulation ist die Zeit der Deponie nicht vorübergegangen. Heute hat sich wieder eine stattliche Anzahl dieser gefährdeten Amphibien im und um das Naturschutzgebiet etabliert. Momentan sind noch keine der in West-, Nordost- und Mitteleuropa verbreiteten Tiere zu sehen. «Sie kommen erst im Mai», sagt Daniela Serio, Fachperson Energie und Umwelt bei der Gemeinde Oberwil.

Bei Anbruch der Nacht würden die Kreuzkröten jeweils im Chor rufen. Für die Bewohner der direkt neben dem Naturschutzgebiet gelegenen Wohnsiedlung sei dies jedoch kein Problem. «Sie verpflichteten sich, wegen des ohrenbetäubenden Lärms nicht zu reklamieren», sagt Serio. Die Wohnblöcke wurden ohnehin so gebaut, dass die Schlafzimmer nicht direkt beim Gebiet Ziegelei liegen. Für Naturfreunde ist das Krötenkonzert ein Höhepunkt, weswegen hin und wieder Exkursionen stattfinden.

Hochlandrinder und Wasserbüffel

Zwischen der Siedlung und dem Naturschutzgebiet befindet sich – wie um das ganze Areal – ein Zaun. Immer wieder sei es vorgekommen, dass Tierhalter ihre Goldfische in den Weihern in die Freiheit entliessen, erzählt Pfleger Eric Wyss. «Damit machen sie all unsere Naturschutzbemühungen zunichte», ergänzt Daniela Serio. Die bunten Zierfische würden alles fressen, was sich bewegt. Oftmals bleibe ihnen nur übrig, das Biotop auszupumpen.

Um das Gebiet zu besuchen, kann man bei der Gemeinde Oberwil den Schlüssel holen. Von zwei Plattformen wird man in wenigen Wochen neben Amphibien, Vögeln und Hasen weitere Tiere beobachten können. In Oberwil grasen nämlich schon bald Schottische Hochlandrinder und zwei Wasserbüffel. Sie fressen beinahe alle Pflanzenarten und sollen dafür sorgen, dass im Naturschutzgebiet Ziegelei kein Wald wächst und es so seinen kargen Charakter behält.