In Szenekreisen werden Brieftauben als das Rennpferd des kleinen Mannes bezeichnet. Vor einigen Jahren gelang es einem Züchter aus Belgien, das als Hochburg dieses Sports gilt, einen seiner Vögel für 310'000 Euro zu verkaufen. Es ist der höchste Preis, der jemals an einer Versteigerung für eine Taube bezahlt wurde.

Von solchen Summen kann der Oberwiler Herbert Steinebrunner nur träumen. Seit mehr als 50 Jahren züchtet der 77-Jährige Brieftauben und nimmt mit ihnen an Wettflügen teil. Auf seinem Dachboden hat er sich einen Taubenschlag eingerichtet, in dem rund 80 Tiere leben. Dort verbringt der pensionierte Spengler einen grossen Teil seiner Zeit. Er ist einer von wenigen Übriggebliebenen, die in der Region noch dem Brieftaubensport nachgehen.

Militär unterstützte Züchter

Noch vor 30 Jahren gab es im Raum Basel um die 100 Züchterinnen und Züchter. «Lange Zeit transportierte das Schweizer Militär sämtliche Brieftauben umsonst», erzählt Pascal Ditzler, Präsident des Brieftaubensportvereins Oberwil und Umgebung. Die Vögel seien für die Armee einst wichtige Arbeitskräfte gewesen. «Sie überbrachten Nachrichten und Befehle», sagt Ditzler, der zusammen mit seinem Vater im nahen Elsass eine Schlaggemeinschaft betreibt. Um für den Fall der Fälle genügend gefiederte Boten zu haben, unterstützte das Militär im ganzen Land Taubenzüchter. Seit jedoch in der Mitte der 1990er-Jahre die Tauben ausgemustert wurden, müssen die teilweise hohen Transportkosten aus dem eigenen Portemonnaie berappt werden.

In diesem Jahr reisen Herbert Steinebrunner und die anderen Mitglieder des Brieftaubensportvereins Oberwil und Umgebung mit einem grossen Transporter nach Bordeaux, von wo aus ihre Tauben nach Hause fliegen. Der Flug aus dem französischen Südwesten wird der Saisonabschluss sein. «Unsere Tauben sind im Juli in Hochform und in der Lage, fast 700 Kilometer in elf Stunden zurückzulegen», betont Steinebrunner. An diese Distanz tastet sich der Verein langsam heran, indem er die Tiere stetig ein bisschen länger fliegen lässt. «Wochenende für Wochenende nähern wir uns der bekannten Weinstadt.» Der erste Flug der aktuellen Saison aus Vesoul heim nach Oberwil wird in wenigen Wochen durchgeführt.

Mit seinen Flügen nimmt der Verein sowohl an der schweizerischen als auch an der französischen Meisterschaft teil. «Es gibt eine Mindestanzahl von Flügen, die wir gerade erfüllen können», erklärt Steinebrunner, der in den 1960er-Jahren bei der Schweizer Meisterschaft einmal den vierten Rang erreichte. «Um heute ganz vorne dabei sein zu können, müssten wir unsere Tiere weit häufiger fliegen lassen.» Doch dafür würde das Geld nicht ausreichen. In der Schweiz gibt es nur eine verschwindend kleine Anzahl Züchter, die vom Sport leben können.

Tierliebe und sportlicher Ehrgeiz

Die Zeit, welche die Tiere für einen Flug benötigen, wird elektronisch gemessen. «Dafür tragen die Tauben an einem Fuss einen Ring mit meiner Adresse», sagt Steinebrunner. Von der gemeinen Stadttaube unterscheide sich eine Brieftaube vor allem durch die schönere Zeichnung des Gesichtes, sagt der Tierfreund. Die Liebe zu den Tauben ist neben dem sportlichen Ehrgeiz und der Geselligkeit im Verein und bei den Wettkämpfen auch der Hauptgrund, weshalb er den Sport noch immer betreibt.

«Ein Taubenzüchter, der etwas auf sich hält, bringt es nicht über das Herz, eine Taube zu essen», ergänzt Vereinspräsident Ditzler. Bei den täglichen Besuchen in seinem Schlag im Elsass stelle er jeweils sofort fest, wenn es einem der Tiere nicht gut geht. «Eine Taube, die nicht fit ist, zieht sich zurück und blickt nicht mehr neugierig umher.» Eigentlich gleich wie bei den Menschen.

Obwohl Tauben instinktiv den Heimweg finden, kommen bei Flügen häufig nicht alle Vögel zu Hause an. Für diesen Umstand sieht Steinebrunner zwei Hauptverantwortliche: Die beiden in der Schweiz geschützten Raubvögel Habicht und Wanderfalke. «Es ist ein völliger Witz, Tiere so stark zu schützen, dass letztlich andere Arten darunter leiden.» In der Schweiz gebe es einen deutlichen Überschuss an Habichten. Nicht nur viele Brieftauben würden ihm zum Opfer fallen, sondern auch Hasen und die seltenen Fasane.

Wie alle Taubenzüchter wünscht sich auch Herbert Steinebrunner insgeheim internationalen Erfolg. Dafür ist es mittlerweile schon ein wenig spät, aber wer weiss, vielleicht geht eines Tages eine Oberwiler Taube zu einem guten Preis über den Auktionstisch. Es müssen ja nicht gleich 310'000 Euro sein.