Weihnachtsbaum

Bald fällt die Rottanne der Klimaerwärmung zum Opfer

Bauer Lukas Wiesner aus Bottmingen produziert schon heute auf            seiner Weihnachtsbaum-Plantage in Bretzwil nur noch zehn Prozent Fichten.

Bauer Lukas Wiesner aus Bottmingen produziert schon heute auf seiner Weihnachtsbaum-Plantage in Bretzwil nur noch zehn Prozent Fichten.

Trockenheit, Hitze und schlechte Luft machen die Fichte anfällig für Schädlinge. Schweizer Forscher sagen voraus, dass sie 2080 nur noch in hoch gelegenen Wäldern vorkommt. Als Weihnachtsbaum bekommt man sie dann nur als Plantagen-Produkt.

Konisch gewachsen, gleichmässige Äste in alle Richtungen, die Ast-«Stockwerke» in möglichst gleichem Abstand – so sieht ein «schöner» Weihnachtsbaum aus. «Im Wald sind solche Fichten eher die Ausnahme», berichtet Ueli Meier, Leiter des Amts für Wald beider Basel. Und in Weihnachtsbaum-Plantagen müsse man teilweise zuerst mit Wuchsbeschleunigern und später mit Wuchshemmern nachhelfen, um das vom Kunden verlangte Schönheitsideal zu erreichen. «Da steckt oft viel Hightech drin.»

Zwar bieten auch viele Baselbieter Forstreviere Weihnachtsbäume aus dem Wald an – mit dem Vorteil gegenüber der dänischen Konkurrenz, dass sie frisch geerntet sind und nur über kurze Distanzen transportiert worden sind. Und der Verband Waldwirtschaft Schweiz teilt mit, dass die Nachfrage nach Schweizer Weihnachtsbäumen in den letzten Jahren zugenommen habe.

Doch dürfte die Klimaerwärmung – teilweise auch gefördert durch Weihnachtsbaum-Transporte quer durch halb Europa – der einheimischen Christbaum-Wirtschaft einen Strich durch die Rechnung machen: Selbst wenn es gelingt – wie an der UN-Klimakonferenz in Paris vereinbart –, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wird es dieser Geschäftszweig zunehmend schwer haben: «Wir werden uns in unseren Wäldern von der einen oder anderen Baumart verabschieden müssen. Dazu gehört die Fichte», erklärt Meier.

Feindselige Umgebung

Die Fichte ist eigentlich in höheren Lagen wie im Jura, in den Voralpen und Alpen heimisch. In den tiefer gelegenen Wäldern wurde sie seit dem 19. Jahrhundert aus wirtschaftlichen Gründen gezielt angebaut: Sie wächst relativ schnell, und die geraden Stämme lassen sich gut verarbeiten. «Deshalb hat sich die Holzwirtschaft grösstenteils auf die Fichte ausgerichtet», berichtet Meier und vergleicht den Baum mit einer Aktie: «Diese hat lange einen guten Ertrag gebracht. Der Sturm Lothar hat dann gezeigt, dass diese Aktie auch Risiken birgt.» Diese Risiken nehmen mit dem Klimawandel zu.

Dabei sei das Problem weniger die steigende Durchschnittstemperatur, erläutert der Forstingenieur. Schliesslich hätten auch zur Zeit der Römer Temperaturen geherrscht, wie sie demnächst zu erwarten sind. «Die Alpen waren weitgehend eisfrei. Hannibal ist mit seinen Elefanten nicht durch Schneefelder gezogen.» Der Fichte wird in tieferen Lagen vielmehr eine komplexe Kombination mehrerer Faktoren zum Verhängnis:

  • Da ist zum einen das Tempo der Erwärmung. Weil diese in wenigen Jahrzehnten erfolgt, haben einheimische Fichtenarten zu wenig Zeit, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. Und bereits angepasste Rassen, die mit den neuen Bedingungen besser klarkommen – beispielsweise die Serbische Fichte –, können in der kurzen Zeit nicht einwandern. «Würde die gleiche Erwärmung in 500 Jahren erfolgen, könnten sich die Fichten vermutlich anpassen», meint Meier.
  • Ein zentrales Problem für die Fichte werden die künftig längeren Trockenperioden, denn sie benötigt ein Klima mit mindestens 800 Millimeter Jahres-Niederschlag: Mit ihren knapp unter der Oberfläche verlaufenden Wurzeln leidet sie schneller unter Wassermangel als tief wurzelnde Bäume wie beispielsweise Weisstanne oder Eiche.
  • Hinzu kommt der zu hohe Stickstoffgehalt aus der Luft: Die aus den Auspuffen und Ölheizungen in die Luft geblasenen Stickoxide und die Ammoniak-Emissionen der Viehhaltung führen heute im Baselbiet zu einem jährlich Stickstoffeintrag in die Waldböden von 20 bis 40 Kilo pro Hektar. «Für die Wälder sind 15 Kilo die Grenze, auf empfindlichen Standorten sogar nur 5 bis 10 Kilo», erläutert Meier. Der Stickstoff-Überschuss führe dazu, dass der Boden zu sauer werde und andere Nährstoffe wie Magnesium, Phosphor und Kalium verstärkt ausgewaschen würden. «Das Kalium ist für den Wassertransport in der Fichte wichtig.» Es steht also nicht nur weniger Wasser zur Verfügung, sondern der Baum kann es auch schlechter nutzen.
  • Hat die Fichte dann so richtig Durst, kann sie sich gegen den Borkenkäfer nicht mehr wehren. Solange sie nämlich genug Wasser hat, kann sie eine Käferattacke mit einer verstärkten Harzproduktion abwehren: Sie klebt dem Schädling buchstäblich das Maul zu. Bei Wassermangel hingegen wird sie ein leichtes Opfer.
  • Nicht zuletzt spielt das Wetter eine negative Rolle: «Es sind weniger die allgemein höheren Temperaturen als die Extrem-Ereignisse, die über die Existenz von Baumarten entscheiden», erläutert Ueli Meier. Allgemein wird erwartet, dass mit dem Klimawandel das Wetter extremer wird: Wenn es heiss, kalt, trocken oder nass ist, dann gleich richtig. Und die Stürme werden heftiger.

Die Kombination der aufgezählten Faktoren werde nicht zum direkten Tod der Bäume führen, schätzt Meier. «Aber sie werden so geschwächt, dass sich eher Konkurrenten durchsetzen und die jungen Fichten dann im zarten Alter von 20 Jahren ausscheiden.»

Rückzug in die Höhe

Entsprechend düster sehen die Prognose-Karten der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) aus: In den tiefen Lagen verschwindet der traditionelle Bauholz- und Weihnachtsbaum-Lieferant bis auf wenige Nischenstandorte in feuchten Tobeln ganz – auch im Baselbiet.

Die in der Karte abgebildete Prognose bezieht sich auf eine Erwärmung von zwei Grad bis 2080. Falls dieses Klimaziel nicht erreicht wird – derzeit hat man zwar ein Abkommen, aber an konkreten Massnahmen scheiden sich die Geister –, wird die Fichte noch weit stärker in höhere Lagen abgedrängt.

Dabei betont der Leiter des Amts für Wald beider Basel, dass diese Karten eher theoretisch seien. «Wenn die Baumgrenze zu rasch steigt, finden die Bäume in hochalpinen Lagen nicht schnell genug Humus, um sich sofort anzusiedeln. Es werden sich zuerst vor allem Birken und andere Pionier-Arten durchsetzen.» Die Fichte wird in den tiefen Lagen also schneller Lebensraum verlieren, als sie in der Höhe dazugewinnen kann.

Rückzug auch auf dem Markt

Die gute Nachricht. Es gibt auch Ersatz: Weisstanne, Lärche und Douglasie können Hölzer mit vergleichbaren Eigenschaften liefern. Und Weihnachtsbäume kann man in Plantagen weiterhin anbauen, wobei man je nach Lage dann nicht mehr von Forstwirtschaft reden kann und beispielsweise wie in Obstplantagen Bewässerungsanlagen installieren muss.

So weit geht Weihnachtsbaum-Produzent Lukas Wiesner aus Bottmingen nicht. Seine Bäumchen wachsen zwar in einem umzäunten Areal in Reih und Glied auf Landwirtschaftsland. Zwischen den Reihen ist die Gasse breit genug, um sie ausmähen zu können. Und da die Plantage in Bretzwil 800 Meter über Meer an einem Nordhang liegt, könne er mit einem Drittel mehr Niederschlag als in der Agglomeration Basel rechnen.

Trotzdem machen schon heute bei ihm die Fichten weniger als ein Zehntel des Sortiments aus. Er verkaufe sie vor allem an ältere Kunden, berichtet er. Vielmehr setzt er auf Nordmanntannen, Serbische Fichte, Blau- und Colorado-Tannen.

Was sich im Waldbau als Fichtenersatz anbietet, eignet sich nur beschränkt als Weihnachtsbaum: Die Lärche verliert im Winter die Nadeln. Und die Douglasie duftet zwar gut in der Wohnung, doch die ätherischen Öle machen sie leicht entflammbar. «Sie ist also eher für Lichterketten als für Kerzen geeignet», kommentiert Ueli Meier. Und falls Nadelbäume zunehmend schwieriger zu finden sind, müsste man sich überlegen, ob nicht auch Laubbäume sich für Weihnachtsbräuche eignen würden. «Nicht zuletzt wundere ich mich über die vollen Regale mit künstlichen Weihnachtsbäumen, die offenbar alle gekauft werden», meint der leidenschaftliche Förster.

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