Industriegeschichte

Ballys Hunger nach Arbeitskräften

Bilder aus der Blütezeit der Gelterkinder «Baali» zeigen: Für die Schuhproduktion waren viele Hände nötig. Copyright Bally Archiv

Bilder aus der Blütezeit der Gelterkinder «Baali» zeigen: Für die Schuhproduktion waren viele Hände nötig. Copyright Bally Archiv

«Bally» war einer der grossen Arbeitgeber in Gelterkinden. Die Schuhfabrik im Eifeld wurde eröffnet, um die frei werdenden Posamenter anzuwerben

Für Gelterkinden war die Fabrik im Eifeld hinter der Bahnlinie einfach die «Baali», einer der grossen Arbeitgeber im Dorf. Für die Fabrikanten aus Schönenwerd, die seit 1926 in der ehemaligen Kartonnage-Fabrik und anthroposophischen Druckerei Schuhe produzieren liessen, war Gelterkinden jedoch nur einer von 17 Standorten in der Schweiz. Dies sollte der «Baali» zum Verhängnis werden: Als Bally ins Trudeln geriet, wurde die Schuhproduktion nach Aarau verlegt und das Werk in Gelterkinden 1989 geschlossen.

«Bally hat zu lange hochwertige ‹Aristokratenschuhe› produziert», stellt Otto Heinzelmann aus Rothenfluh fest. Seit den frühen 50er-Jahren bis in die 90er hat er fast sein ganzes Berufsleben bei Bally gearbeitet, darunter die letzten Jahre vor der Schliessung als Betriebsleiter in Gelterkinden. «Als Schuhe zum billigen Allerwelts-Artikel wurden und dem raschen Modewechsel unterlagen, war langlebige Qualität weniger gefragt.»

Spielball fremder Entwicklung

Hinzu kamen Besitzerwechsel: 1976 erlangte Werner K. Rey die Aktienmehrheit, kurz darauf stiess er das Paket mit Gewinn an den Oerlikon-Bührle-Konzern ab, und 1977 zog sich die Familie Bally, die das Unternehmen 1851 gegründet hatte, ganz zurück. Heute gehört Bally mit Sitz in Caslano (TI) internationalen Investoren, ist im Luxusdesign-Segment positioniert und produziert zu einem grossen Teil in Italien.

In Gelterkinden war man Handfesterem verpflichtet: Kinder- und Winterschuhe machten zuletzt den Hauptteil des Sortiments aus. «Unsere Spezialität war das Vulkanisieren bei 127 Grad Hitze», erinnert sich Heinzelmann. Damit dichtete man mit Gummi und Spezialleim die Winterschuhe gegen Nässe ab. Jeden Tag sei ein Lastwagen gekommen, habe Leder gebracht und fertige Schuhe mitgenommen. «In den 60er- und 70er-Jahren produzierten wir mit 280 Personen 1400 Paar Schuhe pro Tag.» Dies entsprach einer Tagesproduktion von fünf Paar pro Kopf. Heinzelmann betont: «Der Standort Gelterkinden hat bis zuletzt immer rentiert.» Allerdings waren zum Schluss nur noch 70 Personen im Eifeld beschäftigt.

«Die Jahre 1924 bis 1926 brachten den grossen Niedergang der Haus-Posamenterei, was für die die Firma mitbestimmend war, den neuen Betrieb ins Baselbiet zu verlegen», hatte der erste Bally-Betriebsleiter, Paul Hofer, 1945 rückblickend geschrieben. Man wollte auf die frei werdenden Arbeitskräfte zugreifen.

Mit Kantine und Werkbussen

Was 1926 nur als Fabrik für Schuhschäfte für andere Werke geplant war, wurde schon 1927 zur Fabrik für ganze Schuhe erweitert. Die Produktion stieg rasant, und 1938 waren 386 Personen in der Fabrik beschäftigt. In den Kriegsjahren kam es dann zu Engpässen. So stellte Hofer fest: «Die prächtige Entwicklung unserer Fabrik wurde durch den Ausbruch des Krieges gehemmt», dies vor allem wegen der langen Dienstzeiten der Männer, die «empfindliche Lücken in die Produktion» rissen.

Sein Nachfolger beschrieb 1951 die Personalknappheit: «In Gelterkinden mussten wir, wenn auch nur vorübergehend, mit Hilfe von Fremdarbeitern die grössten Lücken ausfüllen, um den Ausgleich in der Produktion herzustellen.» Deren Dienste seien «nicht von allen Seiten richtig gewürdigt» worden. Weiter griff man zwischenzeitlich wieder auf Heimarbeit zurück, und in Reigoldswil wurde eine Näherei eröffnet. «Es wäre unser Wunsch, die Belegschaft dieses Ateliers noch zu vergrössern. Die seit Jahren gute Konjunktur auf fast allen industriellen Gebieten lässt uns dieses Ziel vorläufig nicht erreichen.» Um die Arbeitskräfte ins Werk zu bekommen, betrieb Bally zwei Werkbusse: Einer holte die Leute bis nach Rothenfluh, der andere fuhr bis Läufelfingen. Und 1947 öffnete eine als «Kosthaus» bezeichnete Kantine.

Trotzdem war die Arbeit kein Zuckerschlecken. Buser erinnert sich, dass der Betriebselektriker Hermann Jundt – er stiftete später das heutige Ortsarchiv «Jundthaus» – um zwei Batzen mehr Lohn bat. Dies wurde ihm trotz seiner für die Fabrik zentralen Aufgabe mit dem Hinweis verweigert, er besitze keinen Lehrabschluss. Auch gab es erst nach fünf Jahren Betriebszugehörigkeit einen Tag bezahlte Ferien, nach zehn Jahren dann deren drei. Gearbeitet wurde bis zum Schluss im Akkord.

Letztlich war es aber gerade die arbeits- und damit kostenintensive Produktionsweise, die der alten Bally und damit dem Standort Gelterkinden den Garaus machte.

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