Auf den ersten Blick könnte man es für Äste oder Wurzeln halten. Doch was auf einer Länge von rund 100 Metern am Birsufer nahe des Dugginger Bahnhofs aus dem Boden ragt, sind lange, verbogene Armierungseisen. Verflochten zu einem Dickicht schlängeln sie sich dem Ufer entlang. Dazu gesellen sich mehrere grosse Betonblöcke, die meisten komplett mit Moos bewachsen. Als der Pfeffinger Umweltaktivist Marco Agostini die Uferböschung entdeckte, konnte er es kaum glauben, so surreal ist die Szenerie. Seine Vermutung: Direkt darüber liegt die ehemalige Mülldeponie Gillmatten. Sie muss über die Jahrzehnte zur Birs hin aufgebrochen sein.

Die Verbindung mit der alten Deponie erklärt auch, weshalb Agostini die Stelle überhaupt gefunden hat. Der 53-Jährige hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Baselbieter Wälder nicht nur nach oberflächlichem Littering zu durchforsten, sondern auch zu überprüfen, ob die bis in die 1980er-Jahre betriebenen Gemeindedeponien für Siedlungsabfälle und Bauschutt mittlerweile die Deckschicht aus Erde und Pflanzen durchbrechen, und der Müll vergangener Jahrzehnte wieder an die Oberfläche dringt.

Als Orientierung dient Agostini der vom Kanton erstellte Kataster der belasteten Standorte. Die alten Deponiestandorte sind also bekannt. Nicht aber, ob die Deckschicht noch überall genug dick ist. Schon im Januar sorgte Agostini für Aufsehen, als er bei der alten Deponie Länzberg in Duggingen haufenweise Müll an der Oberfläche entdeckte (bz berichtete mehrfach).

Keine Sofortmassnahmen geplant

Die Eisenstangen am Birsufer sind aber nicht sein einziger neuer Fund der letzten Monate: In Pfeffingen zwischen der Baselstrasse und einem Waldweg nahe des Nordportals des Eggfluetunnels türmt sich ein knapp 400 Meter langer und mehrere Meter hoher Erdwall. «Der Wall ist aber nicht natürlich entstanden, an mehreren Stellen sieht man Ziegel, Beton und Armierungseisen», sagt Agostini. Was auffällt: Im Gegensatz zu Duggingen ist diese Stelle nicht im Kataster verzeichnet. Hat hier der Kanton eine alte Deponie übersehen?

Wie bei all seinen Funden informierte Agostini auch hier das Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie (AUE). Der zuständige Experte Dominic Utinger sagt: «Solche Meldungen sind hilfreich, und der Aufwand, den Agostini betreibt, ist sicher einzigartig.» Das AUE habe beide rapportierten Standorte besichtigt. Das Fazit fällt allerdings ziemlich unterschiedlich aus:

Pfeffingen

Der Erdwall sei um 1980 herum errichtet worden. Es handle sich um Aushubmaterial mit geringem Anteil mineralischer Bauabfälle wie Ziegel, Backsteine und Beton. Eine auffällige Anhäufung von Ziegeln an einer Stelle sei gemäss Zeitzeugen ein altes Ziegeldepot. Utinger: «Das sind Sünden der Vergangenheit, aber mit einer Mülldeponie hat das nichts zu tun.» Es bestünde keine Gefährdung der Umwelt. Daher sei der Wall auch nicht im Kataster der belasteten Standorte eingetragen. Utinger bezeichnet die Situation dennoch als «unschön». Zusammen mit dem Grundeigentümer, der Einwohnergemeinde Basel, würden im kommenden Winter die Bauabfälle oberflächlich eingesammelt. Das Abtragen des ganzen Dammes wäre hingegen unverhältnismässig.

Duggingen

Dieser Fund ist interessanter. Die hinter dem Ufer liegende Siedlungsabfall-Deponie Gillmatten wird vom AUE bereits als «untersuchungsbedürftig» geführt. Laut Utinger läuft eine altlastenrechtliche Untersuchung. Er glaubt aber nicht, dass eine Altlasten-Sanierung nötig wird. Die Kombination aus Armierungseisen und Betonblöcken am Ufer selbst gehöre hingegen nicht zur Deponie. Die Böschung sei um 1970 extra so verbaut worden, um zu verhindern, dass die exponierte Stelle in der Birsbiegung bei Hochwasser abgetragen wird. Auch hier sieht Utinger keine Umweltgefährdung.

Aber: «Durch die herausragenden Eisen besteht eine gewisse Verletzungsgefahr.» Utinger beruhigt aber, dass es sich nicht um eine Badestelle handle. Sofortmassnahmen werde es keine geben, denn erst müsse klar sein, was mit der Deponie Gillmatten geschieht. Die Ufersituation erschwert alles zusätzlich: «Eingriffe im Gewässerraum sind heikel und aufwändig.»

Dass keine Gefahr besteht, sieht Agostini anders: «An das Birsufer führen Wege, und es hat inoffizielle Grillstellen, Hunde spielen in der Nähe. Die Eisenstangen sollte man rasch entfernen.» Auf dem Pfeffinger Erdwall habe er auch teerigen Strassenbelag gefunden. «Das ist letztlich Öl, schadet das der Umwelt wirklich nicht?» Für Agostini ist klar: Er wird weiter die Baselbieter Wälder durchforsten. Und Utinger muss letztlich zugeben: «Seinem Anspruch, dass man nirgends in der Natur den Einfluss des Menschen sieht, können wir nicht gerecht werden.»

Maya Graf fragt Bundesrat an

Unterstützung bei seinem Kampf gegen alte Deponien erhält Agostini von Grünen-Nationalrätin Maya Graf. Sie kündigt gegenüber der bz für den Sessionsbeginn vom September eine Interpellation an. Graf möchte vom Bundesrat unter anderem wissen, warum die Sanierung der tausenden Altlasten- und Mülldeponien in der ganzen Schweiz so lange dauert und ob genug Rückstellungen gemacht wurden. Letzteres bezweifelt die Sissacherin nämlich.

«Ich bewundere das Engagement von Marco Agostini», sagt Graf. Dies zeige Verantwortung gegenüber unseren Nachkommen. Alte Mülldeponien in den Wäldern nicht komplett abzutragen und zu entsorgen, sei eine kurzfristige Sicht. Graf: «Die Altlasten holen unsere Gesellschaft sonst immer wieder ein.»