Mitgliederschwund

Baselbieter Kulturchefin zu Traditionsvereinen: «Eine Trachtengruppe hat es schwerer als ein Schwingerclub»

Tag der Lebendigen Traditionen im Baselbiet: SVP-Regierungsrat Thomas Weber in voller Tracht.

Tag der Lebendigen Traditionen im Baselbiet: SVP-Regierungsrat Thomas Weber in voller Tracht.

Am ersten Tag der lebendigen Traditionen war das Probeschwingen ein Erfolg. Die Baselbieter Kulturchefin Esther Roth zieht Bilanz.

Erstmals überhaupt wurde am Sonntag der «Tag der lebendigen Traditionen» durchgeführt. Neben öffentlichen Veranstaltungen mit Trachtentanz und Volksmusik in Augusta Raurica startete ein fünfjähriger Entwicklungsprozess, der das Vereinswesen stärken soll. Esther Roth, Leiterin Kulturelles BL, erklärt, was funktioniert hat und wo Probleme bestehen.

400 Besucher inklusive Teilnehmer kamen zum ersten «Tag der lebendigen Traditionen». Da kann man nicht gerade von einem Grossandrang sprechen?

Esther Roth: Stimmt, von einem Grossandrang kann man nicht sprechen. Man muss aber sagen, dass es unglaublich heiss war. Dazu war noch der Slow-up. Für Trachtentanz und Volksmusik in dieser Form ist es schwieriger, ein Publikum zu generieren. Die Anzahl Besucher ist aber nur eine Betrachtungsweise des Tages. Die andere waren die Workshops, die das auslösten, was wir gehofft haben. Das Ziel, einen Austausch der Aktiven über die einzelnen Bereiche zu fördern, haben wir erreicht. Da sind wir sehr zufrieden.

Mit wie vielen Besuchern haben Sie denn gerechnet? Wir hören eine leise Enttäuschung heraus.

Wir haben uns zahlenmässig nicht festgelegt. Wir haben von Anfang an gesagt, wir programmieren das, gehen den ersten Tag an und schauen, was passiert. Der Prozess, inklusive dem, was öffentlich stattfindet, ist ergebnisoffen. Wir diskutieren nach der Auswertung des Workshops darüber, in welche Richtung der «Tag der lebendigen Traditionen» gehen soll. Die einzelnen Bereiche sollen gegen aussen aber weiterhin eine Sichtbarkeit bekommen. Wir geben überhaupt nichts vor und nehmen nichts vorweg. Wir begleiten den Austausch, bieten die Infrastruktur und die Plattform für gute und erfolgreiche Prozesse. Die Resultate der Workshops werden das weitere Vorgehen bestimmen. Die grundlegende Frage ist, wie die Brauchtümer und die Vereine aufrechterhalten und entwickelt werden können.

Esther Roth, Leiterin kulturelles.bl.

Esther Roth, Leiterin kulturelles.bl.

Welche Programmpunkte sind auf Interesse gestossen?

Die Kreistänze waren eigentlich gut besucht. Es hatte immer Leute, die mittanzten. Es hatte aber nicht immer so viel Publikum. Super funktioniert haben das Probeschwingen des Schwingklubs Muttenz und das reguläre Angebot von Augusta Raurica im Rahmen des Europäischen Tags des Denkmals.

Für wen ist der Tag wichtiger: Für die Teilnehmenden, die Besucher oder doch für die Kulturabteilung des Kantons?

Mein Eindruck nach gestern ist eindeutig: Für die Vertreterinnen und Vertreter aus allen Bereichen und die Aktiven, die da waren, sich ausgetauscht und mitgemacht haben. Für sie war es ein extrem schöner und wichtiger Tag.

Sie lieben persönlich lebendige Traditionen. Wie viel Esther Roth steckt in diesem Tag drin?

Den Prozess gestaltet eine Konzeptgruppe. Den Workshop haben externe Fachpersonen geleitet. Dadurch, dass ich mit lebendigen Traditionen aufgewachsen bin, bringe ich natürlich eine Affinität und ein vertieftes Verständnis für die Herausforderungen der Vereine mit; sehe aber auch die grosse Chance und welche Rolle das Vereinsleben in einer Gemeinde spielen kann.

Welche Probleme der Vereine kamen zum Vorschein?

Die wichtigsten Themen sind Mitglieder, Nachwuchs und die Finanzierung. Stark beschäftigen die Verantwortlichen, wie der Spagat zwischen Bewahren und Entwickeln in einem Brauch zu schaffen ist. Was klar wurde: Einzelpersonen spielen immer noch eine ganz wichtige Rolle dabei, ob es einem Verein gut geht. Schwerer haben es grundsätzlich Vereine, bei denen es mehr um Gemeinsamkeit als um Wettbewerb geht. Eine Trachtengruppe hat es zumeist schwerer als ein Schwingklub, weil die Identifikationsfiguren fehlen.

Ist dieser Spagat zwischen Bewahren und Entwickeln überhaupt zu schaffen?

Das passiert ja grundsätzlich bereits. Es gibt keinen Bereich, der heute noch genauso ausgeführt wird wie vor hundert Jahren. Es hat überall Anpassungen gegeben. Gewisse Sachen entwickeln sich automatisch und bei gewissen spürt man, dass sie an Boden verlieren. Durch den Austausch können Aktive erfahren, wie dies in anderen Bereichen erfolgreich geschafft wurde.

Was muss passieren, damit der «Tag der lebendigen Traditionen» 2020 ein Grossanlass wird?

Der Anspruch ist nicht, dass es ein Grossanlass wird. Der Anspruch ist, dass wir inhaltlich arbeiten können, ein Austausch gewährleistet ist, damit sich Aktive über alle Bereiche hinweg kennenlernen, als Gemeinschaft verstehen und zusammen diskutieren können.

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