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Baselbieter Lehrer zweifeln an der Pädophileninitiative

Die Lehrer müssen draussen bleiben, wenn sich die Kinder für den Turnunterricht umziehen. Keystone

Die Lehrer müssen draussen bleiben, wenn sich die Kinder für den Turnunterricht umziehen. Keystone

Was die Pädophileninitiative fordert, über die das Schweizer Stimmvolk am 18. Mai abstimmt, klingt gerechtfertigt. Verurteilte pädophile Straftäter sollen ein lebenslängliches Verbot für Berufe mit Kindern kriegen.

Was aber scheinbar viele Probleme löst, bringt offenbar noch viel grössere mit sich. Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) hat die Nein-Parole gefasst. «Die Initiative führt mit ihren Automatismen zu schwierigen Situationen an Schulen und unverhältnismässigen Massnahmen gegenüber Teenagern», schreibt der LCH in einer am Mittwoch publizierten Mitteilung.

Stattdessen befürwortet der Verband die Verschärfung des Gesetzes, die vom Parlament beschlossen wurde und 2015 in Kraft tritt. Danach können – im Gegensatz zu den Forderungen der Pädophileninitiative – Täter aus dem familiären Umfeld erfasst oder Kontaktverbote mit Kindern ausgesprochen werden.

Sportlehrer besonders im Fokus

Die Pädophileninitiative scheint in Lehrerkreisen tatsächlich wenig Rückhalt zu geniessen. Selbst SVP-Landrat Paul Wenger, früher Berufsschullehrer in Muttenz, wird ein Nein in die Urne werfen. Das, obwohl seine Parteikollegin, die Zürcher Nationalrätin Natalie Rickli Hauptinitiantin der Pädophileninitiative ist, und die Baselbieter SVP die Ja-Parole beschlossen hat. «Die Initiative hat bei näherem Hinsehen einige Mängel», begründet er. Wenger hält beispielsweise die Tatsache für unverhältnismässig, dass ein 19-Jähriger lebenslänglich mit einem Berufsverbot rechnen muss, wenn er Sex mit einer 15-Jährigen hat.

In der Lehrerschaft scheint die Initiative Links und Rechts gegen sich zu vereinen. Nichtsdestotrotz achten die Lehrer penibel darauf, dass sie im Unterricht gewisse Grenzen nicht überschreiten.

Grünen-Landrat Jürg Wiedemann hält sich als Sekundarschullehrer an diverse ungeschriebene Regeln. «Die Schüler dürfen, ausser bei der Begrüssung, nicht angefasst werden.» Weiter hält er Besprechungen, die ausserhalb der Hauptschulzeit stattfinden, immer in Anwesenheit von mehreren Personen ab. Entweder finden diese in Begleitung der Eltern statt oder mit mehreren Schülern.

Eine Gratwanderung haben hingegen die Sportlehrer zu meistern, weil sie den Körperkontakt nie ganz meiden können. «Beim Geräteturnen müssen wir Lehrer die Schüler beispielsweise oft stützen, um sie vor Verletzungen zu schützen», sagt SP-Landrat und Sportlehrer Martin Rüegg. Er ist überzeugt, dass Missverständnisse und falsche Verdächtigungen mit einem «Klima des Vertrauens» vermieden werden können.

Im konkreten Fall des Geräteturnens heisst das: «Ich zeige anfangs, wie ich bei einer Übung helfe – und ziehe mich zurück, wenn die Schüler keine Hilfe mehr brauchen.» Die Sensibilität habe in den 30 Jahren, in welchen er als Lehrer tätig sei, stark zugenommen.

Immer sensibler sind offenbar auch die Schulleitungen bei den Anstellungen von Lehrern geworden. Das Einholen von Referenzen gehört heute zur Standardprozedur, wie Roland Plattner, Generalsekretär der Baselbieter Bildungsdirektion sagt. Zudem gibt es auch die Möglichkeit, bei der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz abzuklären, ob ein Bewerber noch im Besitz der Unterrichtsbefugnis ist.

Ein allgegenwärtiges Problem scheint die Pädophilie im Landkanton aber nicht zu sein. «Es sind uns keine Kündigungen an Volksschulen wegen pädophiler Übergriffe bekannt», sagt Plattner.

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