Nähkästchen

Baselbieter Neo-Nationalrätin Florence Brenzikofer: «Am Stammtisch bekam ich aufs Dach»

War schon auf einem 4000er: Grünen-Nationalrätin Florence Brenzikofer (44) philosophiert über Mut.

War schon auf einem 4000er: Grünen-Nationalrätin Florence Brenzikofer (44) philosophiert über Mut.

Neo-Nationalrätin Florence Brenzikofer plaudert aus dem Nähkästchen. Sie spricht über Mut und Übermut, in der Politik und auf Bergtouren.

Welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gezogen?

Florence Brenzikofer: Mut...

Können Sie damit etwas anfangen?

Ja. Ich verbinde mit dem Begriff viele positive Erfahrungen und Abenteuer. Ich gehe gerne
z‘Bärg, da spielt Mut eine Rolle. Man kommt an persönliche Grenzen und lernt neue Seiten an sich kennen.

Wann in Ihrem Leben fühlten Sie sich besonders mutig? War das auch in den Bergen?

Ja. Im vergangenen Winter war ich mit den Skis auf dem Mönch, bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Der Wind hat mich da oben auf rund 4000 Metern fast weggeblasen. Mein Partner, der sehr bergerfahren ist, hat mich begleitet. Ich würde eine solche Bergtour nicht alle Tage und auch nicht mit irgendwem wiederholen. Vertrauen und das richtige Gefühl spielen eine entscheidende Rolle.

Ist in der Politik Mut nötig?

Ich denke schon. Es braucht Mut, unbequem zu sein, gewisse Themen anzusprechen. Es gibt Situationen, in denen man mutige Entscheide treffen muss. Wobei: Mutig ist wohl nicht der treffende Begriff. Es geht darum, vorwärts zu gehen, fortschrittliche Entscheide zu treffen.

Sie wagen nächste Woche einen grossen Schritt in Ihrer politischen Karriere, jenen vom Landrat in Liestal in den Nationalrat in Bern.

Aus meinen jahrelangen Erfahrungen im Landrat und als Präsidentin der Baselbieter Grünen nehme ich einen grossen Rucksack mit. Ich durfte Erfahrungen sammeln in einer Zeit, als es bei den Grünen nicht gut lief. Ich durfte Erfahrungen sammeln im parteiübergreifenden Arbeiten. Mein Rucksack ist gross. Und doch gehe ich nächste Woche als Politikerin wieder in die Schule.

Wie werden Sie sich in der stark vergrösserten Grünen-Fraktion Gehör verschaffen? In Bern werden selbst parteiintern mal die Ellenbogen ausgefahren.

Die nationale grüne Politik ist für mich kein Neuland, ich bin Vizepräsidentin der Grünen Schweiz und gut vernetzt. Ich gehe nicht gehemmt ins neue Amt. Ich spreche fliessend Französisch und Italienisch, werde mich also im Bundeshaus auf Anhieb mit allen verständigen können. Zugleich habe ich keine Probleme damit, klein anzufangen und mich – etwa bei der Verteilung der Kommissionssitze – hintanzustellen.

Es gibt den Typ des übermütigen Politikers, der auch mal übers Ziel hinausschiesst. Sie hingegen wirken zwar zielstrebig, aber immer gefasst.

Gefasst ist der passende Begriff. Aber ich war nicht immer so: Ich kann mich aus meiner ersten Zeit im Landrat um 2003/ 2004 an eine Debatte zum Vaterschaftsurlaub erinnern. Ich wurde emotional und stiess mit dem damaligen Finanzdirektor Adrian Ballmer zusammen. Hinterher bekam ich am Stammtisch in Oltingen aufs Dach. Ich verspüre auch heute noch Wut, wenn etwas auf Kosten von Minderheiten oder Frauen geht. Aber ich kann mich besser fassen.

Wo haben Sie das gelernt?

Ich war 2006 bis 2009 für ein Hilfswerk in der Weiterbildung von Lehrpersonen in Bolivien tätig. Diese Erfahrungen waren für mein politisches Wirken prägend. Ich lernte dort, abzuwarten, Geduld zu üben und mich in andere Positionen und Denkweisen hineinzuversetzen. Ich hatte mir im Vorfeld für meine inhaltliche Arbeit viel vorgenommen, musste aber vor Ort einsehen, dass ich zuerst einfach mal ankommen und das Vertrauen der Menschen gewinnen musste. Das dauerte ein Jahr.

Sie gingen mit Ihrer jungen Familie nach Bolivien und legten dafür in der Schweiz Job und Landratsmandat nieder. Das war auch mutig.

Ja, schon. Unsere Tochter ist übrigens in Bolivien geboren und hat nun neben dem Schweizer auch den bolivianischen Pass. Bei der Ankunft mussten wir mit unseren zwei damals kleinen Buben zuerst eine Wohnung suchen. Wir waren in der kleinen Provinzstadt die einzigen Weissen. Das alles war eine komplett neue Erfahrung für uns, wir haben viel gelernt.

Was war für Sie und Ihre Familie am schwierigsten?

Es gab politische Unruhen. Deren Bedeutung einzuschätzen, war für uns Ausländer schwierig. Schwierig war für mich auch der Strassenverkehr. In Bolivien gibt es viele Verletzte und Tote. Ich musste oft nachts mehrere Stunden im Bus fahren. Da habe ich mich nicht immer sicher gefühlt.

Gab es in Ihrem Leben eine Zeit, als Sie fühlten: Jetzt hat mich der Mut verlassen.

Spontan fällt mir nichts ein. Aber es gab schwierige Zeiten. Ich denke ans Frühjahr 2015, als die Grünen im Landrat vier Sitze verloren. In jene Zeit fiel auch der Parteiausschluss unseres Landrats Jürg Wiedemann. Ich war in dieser Angelegenheit zwei Wochen rund um die Uhr im Einsatz.

Kamen nie Zweifel auf, ob Sie das Richtige tun?

Doch, diese Zweifel gab es. Es war schwierig für mich und hat Mut gebraucht, einem Kollegen, der viel für die Grünen geleistet hat, zu sagen, dass ich für ihn in der Partei keine Zukunft sehe. Ich war in jenem Moment froh, dass ich vom Vorstand und der Parteibasis getragen wurde. Aber an der Richtigkeit des Entscheids gezweifelt habe ich nicht. Ich kann mich gut auf mein Bauchgefühl verlassen. Es lässt mich selten im Stich.

Meistgesehen

Artboard 1