Die Baselbieter Sterbebegleiterin Erika Preisig ist frustriert. Nächste Woche reist eine alte Frau an, um bei ihr den begleiteten Freitod zu finden. Doch das geht nur, wenn Preisig bis dann das tödliche Präparat Natrium-Pentobarbital (NaP) beschaffen kann: «Ich bin zu allen Anpassungen bereit, solange ich endlich mein NaP bekomme», sagt sie.

Weil die Staatsanwaltschaft (Stawa) Baselland aber – angestossen vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic – eine Strafuntersuchung gegen Preisig eröffnet hat, gibt nun keine der wenigen Schweizer Apotheken, die NaP anbieten, mehr das starke Gift an Preisig ab. «Es haben alle Angst, ins Verfahren hineingezogen zu werden», sagt die Biel-Benkemer Hausärztin.

Bisher war allerdings unklar, was genau von Preisig erwartet wird, damit sie wieder NaP beziehen darf. Denn Swissmedic, deren Interpretation des Heilmittelgesetzes die Grundlage der Stawa-Untersuchung bildet, schwieg bislang. Gestern nun nahm das Institut, dem die Bewilligung, Zulassung und Überwachung von Arzneimitteln in der Schweiz obliegt, gegenüber der bz schriftlich Stellung.

Die ausführliche Antwort lässt sich im Kern auf eine Hauptaussage reduzieren: «Die ‹Auslieferung› des NaP an den zuständigen Arzt erfolgt in Vertretung des Patienten, das heisst, dass ihr ein entsprechender, ausdrücklicher Wille des Patienten zugrunde liegen muss.» Swissmedic liest das Heilmittelgesetz also so, dass Preisig der Apotheke neben dem Rezept jeweils eine schriftliche Vollmacht des Patienten vorlegen muss. Nicht mehr und nicht weniger.

Kein Stellvertreter für Preisig nötig

Dabei spielt es keine Rolle, dass im Artikel 9, Absatz 2, Bestimmung a die Vollmacht nirgends explizit erwähnt ist. «Aufgrund ihrer Auslegung des Gesetzes hat Swissmedic das Verfahren eröffnet, worauf wir es übernahmen», sagt Stawa-Sprecher Nico Buschauer. Und er wiederholt, was auch Apotheken eigentlich wissen sollten: Ein Verfahren allein ist nie eine Vorverurteilung.

Tatsächlich arbeitete Preisig bis zur Verfahrenseröffnung Ende 2017 nur mit mündlichen Vollmachten. Sie stellte selbst das Rezept aus, löste es bei der einzigen Apotheke Basellands, die dazu bereit war, gegen die auf den Patienten personalisierte Dosis NaP ein und verabreichte das Mittel auch selbst.

Bisher ging man davon aus, dass Swissmedic auch die Empfehlung der Kantonsapotheker-Vereinigung für unzulässig hält, wonach die Apotheken das NaP «ausschliesslich direkt dem zuständigen Arzt auszuliefern» hätten. Bei Exit und Dignitas holt es ein Stellvertreter des Patienten mit Vollmacht ab. «Jede urteils- und handlungsfähige Person kann von einem Patienten als Stellvertreter bezeichnet werden», sagt Swissmedic nun. Also auch die verschreibende Ärztin Preisig. Dass hier die ganze Handlungskette an einer Person hängt, bezeichnet Swissmedic lediglich als «heikel».

Vertrauen zu Apotheken aufbauen

Damit ist es gar nicht nötig, dass Preisig ihr System stark umstellt. Denn wie sie sagt, bezieht sie NaP schon seit Anfang Jahr nur noch mit schriftlicher Vollmacht bei derselben Zürcher Apotheke wie die anderen Sterbehilfeorganisationen. Seit die Stawa die Apotheke aber vor kurzem per Brief über das Verfahren informiert habe, verweigere diese die Herausgabe an Preisig. Zu gross ist die Verunsicherung.

Zumindest in Baselland könnten Apotheken aber wieder etwas Vertrauen schöpfen. Denn auf Anfrage sagt Urs Gmünder, Präsident des kantonalen Apothekerverbands: «Ich persönlich bin der Meinung, dass eine Apotheke das NaP weiterhin aushändigen kann, sofern die Empfehlungen der Kantonsapotheker-Vereinigung eingehalten werden.» Offiziell wurden diese bis jetzt nicht angepasst und verlangen nicht einmal eine Vollmacht. Zwingen kann man aber niemanden, da für die Apotheken die Beschaffung und Abgabe von NaP freiwillig ist. Preisig: «Vor kurzem hat mir wieder eine Baselbieter Apotheke abgesagt. Ich glaube, es wird knapp für meine nächste Patientin.»