Die Hebebühne mit der menschlichen Fracht kommt näher und näher. Doch der Jungstorch bleibt einfach liegen, regungslos. Als die Bühne die ersten Ästchen berührt, wird ihm ein Jutesack übergeworfen. Noch immer kein Wank. Rasch ist sein Bein hervorgeholt und aufgefaltet. Klick, klack! Dran ist der Ring. 

In luftiger Höhe und mit medialer Begleitung: Der Jungstorch von Biel-Benken bekommt seinen Ring.

Zugegeben, das Tier hatte keine grosse Wahl. Fliegen kann es noch nicht, und sich von einem Kirchturm zu stürzen, ist offenbar auch in der Welt der gefiederten Zeitgenossen keine Option. So aktivierte das bereits erstaunlich grosse Kerlchen den Tot-Storch-Modus. Auf seine Erzeuger konnte es nicht zählen. Die flüchteten. Das hat Beat Huggenberger registriert. So, wie ihm auch sonst nichts entgeht an diesem prächtigen Junimorgen im Leimental. Huggenberger ist Gründer der Storchenfreunde Biel-Benken. Man könnte auch sagen: Er ist der Storchenpapa im Dorf.

«Der Vater hat schon Reissaus genommen, als die Hebebühne auftauchte», sagt der 65-jährige Unternehmer. Wo sich der Papa rumtreibt, ist nicht bekannt. Die Mama aber harrte noch lange auf dem Nest aus. Auch jetzt beobachtet sie aus der Distanz, was da passiert mit ihrem einzigen Jungen in diesem Jahr. Sie ist der mutigere der beiden Elternteile. «Das verwundert nicht», sagt Huggenberger. «Das kennt man ja von uns Menschen.» 

Nummernschild am Bein

Die Markierung braucht das Jungtier, weil es bald flügge wird. Es ist nun ungefähr zwei Monate alt. Bald steht die erste Auslandreise an. Der Ring dient als eine Art Nummernschild, wie beim Auto – nur ist «Ring» im Grunde genommen das falsche Wort. Röhrchen trifft es besser. In zwei Hälften wird der Plastik ums Bein gelegt und dann zusammen gesteckt.

Auch die Kennzeichnung erinnert an ein Nummernschild, in diesem Fall lautet sie «HES SK760». HE steht für Helvetia, S für Sempach, Sitz der Vogelwarte. Sie verwaltet die Daten der Störche mit Schweizer Staatsbürgerschaft. Die übrigen Ziffern und Zahlen gehören zu einem fortlaufenden Registrationssystem. So gerät kein Tier unter den Radar.

Für das Beringen ist Bruno Gardelli zuständig. Auf diesem Gebiet gilt der Tierpfleger im Basler Zolli als der Experte in der Region, er ist sozusagen der Herr der (Storchen-)Ringe. Die schmerzlose Prozedur führt er in diesen Tagen Dutzende Male durch. In Biel-Benken hat Gardelli fast alle Jungtiere gekennzeichnet, die seit 2008 geschlüpft sind: Damals wurde der Horst mitten im Dorf wieder bezogen, nach langer Absenz.

Von einem Storch attackiert wurde er noch nie. «Die haben zu viel Angst, die tun nichts. Und besonders stark sind sie auch nicht, das sieht nur so aus.» Nur den Schnabel müsse man im Auge behalten. Der könne piksen.

Vor neun Jahren liess sich das Storchenpaar «Biel» und «Benken» auf dem Turm der reformierten Kirche nieder. Und blieb. Bereitgestellt hat das Nest Beat Huggenberger. Das war im Juli 2007. Im Jahr darauf folgte die Gründung der Storchenfreunde. Die informelle Interessengemeinschaft finanziert auch die Beringungen.

Und von diesen gab es einige. Das Paar ist fleissig: 21 Nachkommen hat es gross gezogen. In diesem Jahr befanden sich ursprünglich drei Junge im Nest. Doch zwei verendeten. «Den Grund kennen wir nicht», sagt Huggenberger. «Vielleicht sind sie verhungert, oder an einer Lungenentzündung gestorben.»

Angela ist eigentlich Angelo

Der Kinderreichtum stellt die Storchenfreunde vor Probleme. Sie wollten die Kleinen nicht nur nummerieren, nein, es mussten auch richtige Namen her. Doch wie benennt man die Jungstörche sinnvollerweise? Man habe sich für eine Systematik entschieden, sagt Huggenberger: «Die Nachkommen im ersten Jahr erhielten den Anfangsbuchstaben A, die Nachkommen im Jahr zwei den Buchstaben B und so weiter.»

Mittlerweile ist man in Biel-Benken bei Buchstabe Nummer neun angelangt, dem «I» (2013 überlebte gar keines der Geschlüpften). Und so heisst das Jungtier mit Jahrgang 2017 Iduna.
Favorit war lange Ikarus. Doch dieser Vorschlag wurde wieder verworfen. Ikarus’ Flügel schmolzen, als er der Sonne zu nahe kam. Er stürzte ab. Das ist zwar nur eine Sage.

Trotzdem sei der Name wohl doch nicht so geeignet für einen Vogel, dachte man sich bei den Storchenfreunden. Iduna passt da besser: Die nordische Göttin steht auch für Unsterblichkeit.
Ob Iduna ein Männlein oder Weiblein ist, das haben die Storchenfreunde noch nicht herausgefunden. Verwechslungen kamen auch schon vor, etwa 2008: Damals entpuppte sich Angela als Angelo.

Auf eine Anpassung des Namens habe man aber verzichtet, sagt Huggenberger. «Auch wenn sich das manche sicher gewünscht hätten.»