Kanalservice

Baselbieter Tüftler halten NEAT-Tunnel sauber

Wo im Gotthard-Basistunnel noch keine Schienen verlegt sind, arbeitet die Marquis-Reinigungsmaschine als Lastwagen. zvg

Wo im Gotthard-Basistunnel noch keine Schienen verlegt sind, arbeitet die Marquis-Reinigungsmaschine als Lastwagen. zvg

Ohne Technik aus Füllinsdorf wären die Leitungen im Gotthard bald verstopft. Da ist Zeit Geld: «Für jeden Tag, den wir im Gotthard-Basistunnel länger als vereinbart benötigen, ist eine Konventionalstrafe von 5000Franken fällig», sagt Andreas Marquis.

Mit seiner Firma Marquis AG Kanalservice in Füllinsdorf hat er den Auftrag übernommen, die Kanäle im Tunnel einmal im Jahr durchzuspülen, bis er 2016 in Betrieb geht.

Das Sickerwasser aus dem Berg wäscht Mineralien aus, die sich dann als Kalk in den Leitungen ablagern. Damit die Kanäle 100Jahre lang das NEAT-Herzstück entwässern, muss man sie schon während des Baus regelmässig entkalken. «Wir haben bereits während des Rohbaus einen Teil des Tunnels gereinigt», berichtet Marquis. Das KMU mit rund 100Arbeitsplätzen beteiligte sich dann auch an der Ausschreibung für die Ausbauphase.

Mit herkömmlicher Technik benötigt man für das Spülen eines Kanal-Kilometers einen Tag – für die 514 Kanal-Kilometer im Gotthard-NEAT-Basistunnel wären fast zwei Jahre nötig. Eine Kolonne Reinigungsfahrzeuge im Tunnel behindert aber andere Arbeiten, was täglich Kosten in fünf- bis sechsstelliger Höhe verursacht.

Auftrag für den Schnelleren

Marquis bot an, die Leitungen in 120Tagen – also mehr als viermal schneller – zu säubern, und konnte sich damit gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen. «Ich hatte die Idee, wie man dies bewerkstelligen könnte. Aber es gab keine Garantie, dass wir dafür vom Bund und den Umweltämtern der Kantone Uri und Tessin die Zulassung bekommen», erinnert er sich. «Wir sind ein beträchtliches Risiko eingegangen.»

Statt einer ganzen Kolonne von Fahrzeugen war seine Lösung, die nötige Technik in nur ein Fahrzeug einzubauen:

Gespült wird mit dem Bergwasser, das vor Ort vorhanden ist. Dafür muss es auf dem Wagen zuerst gereinigt werden.

Um Zeit zu gewinnen, spült man zwei Kanäle gleichzeitig: Die nötigen Systeme sind doppelt vorhanden.

Mit extra langen Schläuchen kann man bis zu 200Meter Kanal am Stück reinigen.

Um den Zustand der Kanäle zu kontrollieren, sind die Köpfe der Schläuche mit Kameras bestückt. Den nötigen Strom erzeugt man mit den 800Litern Wasser, die pro Minute durch den Schlauch schiessen.

Da das Wasser nach dem Spülen zu verschmutzt ist, wird es auf dem Fahrzeug so weit gereinigt, dass man es gefahrlos ableiten darf.

Das Fahrzeug muss sowohl auf der Strasse als auch auf Schienen fahren können und deshalb den Strassenverkehrs- und Eisenbahnvorschriften genügen. Und nicht zuletzt muss es bei hoher Feuchtigkeit und 28Grad Hitze im Tunnel Einsätze rund um die Uhr vertragen.

Wissensvorsprung für die Zukunft

Marquis investierte 1,8Millionen Franken in die Konstruktion. Das Ergebnis sind 30Tonnen Stahl und Elektronik. Wenn das Fahrzeug im Berg mit gefüllten Tanks arbeitet, bringt es 50Tonnen auf die Waage. «Da es weltweit nur ein einziges solches Fahrzeug gibt, muss es wie ein Verkehrsflugzeug immer in einem Top-Zustand sein», sagt Marquis. Deshalb werden Teile nicht erst ersetzt, wenn sie defekt sind, sondern proaktiv bereits bevor sie ihre theoretische Lebensdauer erreicht haben.

Mit dem Resultat ist Marquis zufrieden: Im November kam die Maschine erstmals zum Einsatz. «Wir konnten die vereinbarten Zeitvorgaben sogar um 10Prozent unterbieten. Leider haben wir es versäumt, dafür analog zur Konventionalstrafe einen Bonus auszuhandeln.» Doch Marquis hat andere Eisen im Feuer: Indem die Firma in den nächsten Jahren im Alleingang die Kanäle im NEAT-Tunnel sauber hält, erwirbt sie das Detailwissen für eine noch anspruchsvollere Aufgabe: Die Leitungen müssen auch im Betrieb gereinigt werden. Statt wie bisher 120Tage, an denen man in 12-Sunden-Schichten Tag und Nacht arbeiten kann, stehen dann wöchentlich noch zwei Nächte mit je fünf bis sechs Einsatzstunden zur Verfügung.

Für diesen Auftrag geht Marquis das nächste Risiko ein: «Wir haben bereits 1,2Millionen investiert, um diese Herausforderung annehmen zu können.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1