Kaum stand am Sonntag die Annahme der Sammelfächer-Vorlage fest, ging bereits das muntere Schwarzmalen los. Baselland werde nun zur Bildungsinsel, prophezeite etwa das Komitee «Bildungs-Chaos Nein» in einem Communiqué. Denn die Nachbarkantone würden Sammelfächer einführen, wie sie der Lehrplan 21 vorsehe – nur Baselland verzichte darauf. Florence Brenzikofer, Präsidentin der Baselbieter Grünen, warnte, die Schulen könnten gar nicht mehr genügend Lehrer finden, die zum Beispiel ausschliesslich Chemie unterrichten. Und auf Twitter enervierte sich Jan Kirchmayr, Geschäftsleitungsmitglied der SP Baselland: «Muss die Pädagogische Hochschule jetzt extra Studiengänge für Baselland schaffen?»

Ja, das muss die Pädagogische Hochschule, wie sie der bz bestätigt. Die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind (FDP) zeigte sich jedoch bereits am Abstimmungssonntag zuversichtlich, dass dies nicht zu grossen Problemen führen würde. «Bei der Ausbildung der Lehrer stehen wir mit der Pädagogischen Hochschule im Dialog», sagte die Regierungsrätin zur bz. «Es sind Lösungen in Sicht, sodass beide Wege – Sammelfächer und Einzelfächer – abgedeckt werden können.»

Kompromiss beschlossen

Die Pädagogische Hochschule präzisiert Gschwinds Aussagen. Man habe eine gemeinsame Lösung beschlossen, schreibt Alexander Hofmann, Vizedirektor der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Beschlossen habe sie der Regierungsausschuss der vier Kantone des Bildungsraums Nordwestschweiz, also Baselland, Basel-Stadt, Aargau und Solothurn. «Die Studierenden werden somit für das Unterrichten in beiden Varianten ausgebildet.»

Demzufolge ist für die FHNW-Studierenden in Zukunft Folgendes möglich: Im integrierten Master-Studiengang Sekundarstufe I in der Bachelor-Phase können sie Integrationsfächer, sogenannte Sammelfächer, studieren und später, in der Masterphase, entsprechende Einzelfächer. Diese Kompromiss-Lösung erfüllt laut Hofmann auch die gesamtschweizerischen Vorgaben. Die neuen Studiengänge werden per Herbstsemester 2017 eingeführt.

Dennoch kommt auf die Pädagogische Hochschule eine gewichtige Umstellung zu. Denn die Fächer Physik und Chemie sind in der Ausbildung bereits heute zum Fach Naturwissenschaft verschmolzen. Sie müssen also wieder separiert werden.

Lehrer beklagen Stundenabbau

Alle diese Umstellungen kosten Geld. Auf gröbere Kostensteigerungen in der Bildung muss sich Baselland aber wohl trotzdem nicht einstellen. «Die vierkantonale Lösung ist etwas aufwendiger», schreibt Hofmann. Die Mehrkosten würden aber von den vier Trägerkantonen der Fachhochschule gemeinsam getragen.

Bei der Sammelfächer-Vorlage, die vorgestern mit 61 Prozent Ja-Stimmen-Anteil angenommen wurde, sorgte aber auch ein anderer Aspekt für Diskussionen: Der angebliche Bildungsabbau über die Hintertür Sammelfächer, den es zu verhindern gelte, wie das Komitee «Starke Schule Baselland» immer wieder betonte. Das Komitee monierte, dass mit dem Sammelfach «Räume, Zeiten, Gesellschaften» eine Wochenlektion eingespart werde. In der Tat war im vom Bildungsrat vorgesehenen Lehrplan Volksschule dieses Sammelfach eingeplant. Es nimmt die Einzelfächer Geografie und Geschichte auf, sollte jedoch nur noch mit drei Wochenlektionen dotiert werden statt der insgesamt vier Stunden, welche die beiden Einzelfächer Geografie und Geschichte heute zählen.

Bildungsrat muss nicht handeln

Der Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland (LVB) zeigt sich überzeugt, dass dieser Abbau nun nicht eintreten wird. «Mit dem Nein zum Sammelfach ‹Räume, Zeiten, Gesellschaften›», heisst es in der LVB-Stellungnahme zur Abstimmung, «ist in unserer Wahrnehmung auch ein Nein zum Abbau in den allgemeinbildenden Fächern Geschichte und Geografie verknüpft.» Aus diesem Grund fordert der LVB ein «Rückkommen auf die Stundentafel im Sinne einer Beibehaltung von je zwei Lektionen Geschichte und Geografie pro Woche.»

Ob der Bildungsrat so handelt und die Stundentafel entsprechend ändert, steht jedoch nicht fest. Alberto Schneebeli, Leiter Stab und Koordination Bildung bei der Baselbieter Bildungsdirektion, hält es für «denkbar, dass der Bildungsrat dieses Anliegen aufnimmt und als Konsequenz dafür eine andere Lektion in der Stundentafel streicht.» Rechtlich zwingend sei die Rücknahme der Lektionenkürzung aber nicht.