Agrarhistoriker

Bauern einst, heute und morgen: Diese Herausforderungen muss die Landwirtschaft meistern

Der Ebenrain-Leiter und ein Agrarhistoriker haben in Archiven gestöbert. Entstanden ist das Buch «Zukunft säen».

Die Landwirtschaft ist um ein interessantes Werk reicher. Vor 100 Jahren wurde in Liestal hinter dem heutigen Kantonsspital die erste landwirtschaftliche Fachschule im Baselbiet eröffnet. Aus diesem Anlass haben Lukas Kilcher, der Leiter des Ebenrain in Sissach, und Agrarhistoriker Peter Moser, der das Archiv für Agrargeschichte in Bern führt, ein Buch herausgegeben.

Der 250 Seiten starke Wälzer thematisiert die landwirtschaftliche Bildung des vergangenen Jahrhunderts im Kanton. Für Kilcher war die Zusammenarbeit befruchtend: «Ich brachte mein Wissen als Agrarökonom und Akteur ein, Peter Moser seine historische Kompetenz und Aussensicht.»

Bei Gründung der Fachschule ein Spätzünder

Das Buch besteht aus drei Kapiteln. Im ersten, historisch ausgerichteten Teil beleuchten die Autoren, wer sich wie für die Gründung der Fachschule eingesetzt hat. Die Vielfalt des jetzigen Ebenrain-Zentrums für Landwirtschaft, Natur und Ernährung steht im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Der dritte Abschnitt vertieft Besonderheiten des landwirtschaftlichen Bildungswesens und weiterer Tätigkeiten des Ebenrain in den Kontext der historischen Entwicklung.

Mehrere Meilensteine prägten die Geschichte der Landwirtschaft im Baselbiet. Schon 1818 wurde der Kantonale Landwirtschaftliche Verein gegründet und leistete Vorarbeit für die erste Fachschule, die aber erst 100 Jahre später ihren Betrieb aufnahm. Damals zählte Baselland zu den Spätzündern, denn in meisten Kantonen wurden bereits früher derartige Einrichtungen ins Leben gerufen.

1956 zog die Landwirtschaftsschule von Liestal nach Sissach an den Ebenrain und erhielt dort einen Gutsbetrieb. Dieser stellte 1971 als erster Schul- und Lehrbetrieb Europas auf Biolandbau um. Treiber dieses Projekts war Otto Buess, damaliger Leiter der Landwirtschaftsschule Ebenrain. Buess trug zwei Jahre später auch zur Gründung des Forschungsinstituts für biologischen Landbau auf dem Bruderholzhof bei. In diesem Zusammenhang weist Lukas Kilcher auf einen interessanten Aspekt hin: «Das Baselbiet nahm im Biolandbau eine Pionierrolle ein, aber auch bei chemischen Pflanzenschutzmitteln.» So wurden DDT (1945) und Atrazin (1954) im Baselbiet entwickelt und produziert.

Bauern befinden sich in einer «Tretmühle»

Mitte der Achtzigerjahre erfuhr die kantonale Verwaltung eine Reform. Landwirtschaftliche Schule, Beratung und Kreditkasse wurden zum Amt für Landwirtschaft zusammengefasst. Deshalb kam es zu Meinungsverschiedenheiten. Die Lehrer wollten nicht als «Amt» auftreten, die Beamten nicht als «Schule». Künftig firmierten sämtliche Abteilungen unter «Landwirtschaftliches Zentrum Ebenrain». Über diese Auseinandersetzungen wusste Lukas Kilcher zuvor nur wenig und war deshalb aufgrund seiner Recherchen erstaunt über die damaligen Vorgänge. Für ihn ist das heutige Modell «Schule und Verwaltung unter einem Dach» aber eine Erfolgsgeschichte, die Spannungen sind längstens beseitigt. 2018 wird das benachbarte Schloss dem Ebenrain angegliedert.

Der Klimawandel, der immer knapper werdende Boden, die Digitalisierung, der technologische Wandel mit Robotern sowie der Umgang mit Pflanzenschutzmitteln werden die künftige Tätigkeit der Landwirte stark verändern. Der Druck auf Erzeugerpreise machen die Bemühungen, immer effizienter und kostengünstiger zu produzieren, stets wieder zunichte. Angesichts dieser Tatsache spricht Kilcher von einer «Tretmühle», in welcher sich die Bauern befinden. Und fügt an: «Landwirtschaftsbetriebe werden immer kapitalintensiver, was von Bauern solide betriebswirtschaftliche Kenntnisse erfordert.»

Die Ernährungssicherheit wird bei wachsender Bevölkerung und gleichzeitig schwindenden Bodenressourcen eine weitere enorme Herausforderung, weltweit. «Wir müssen künftig mehr und dennoch ökologischer produzieren, das wird uns stark fordern», ist sich der Ebenrain-Leiter sicher.

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