Es ist das schlimmste Naturereignis, das den Baselbieter Obst- und Kirschbauern sowie den Winzern in den vergangenen Jahrzehnten widerfahren ist. Zuerst der prächtige März und der Vegetationsvorsprung von knapp zwei Wochen. Dann die Frostnächte im April und Anfang Mai. Es ist eine Kombination, die teuer zu stehen kommt. Viele rechnen mit dem Schlimmsten. Die Winzerfamilie Jauslin aus Muttenz etwa schreibt auf der Homepage: «Solche Frostschäden haben wir noch nie erlebt. Wir müssen mit einem kompletten Ausfall der Ernte 2017 rechnen.»

Um die Umsatzeinbussen abzufedern, hat sich Urs Jauslin deshalb für Preisanpassungen entschieden. Im Schnitt verlangt er für seine Flaschen der Jahrgänge 2015 und 2016 einen Franken mehr.

Derzeit zu wenig im Fonds

Viele Landwirte und Winzer sind in der Existenz bedroht. Diese Woche fand deshalb die erste von mehreren Krisensitzungen zwischen kantonalen Vertretern, dem Weinproduzentenverband sowie dem Baselbieter Obstverband statt. Gemeinsames Ziel: das Überleben der Bauern und Winzer in der Region sichern. Im sogenannten Betriebshilfefonds, aus dem der Kanton Darlehen für unverschuldete Ertragsausfälle tätigen kann, ist nicht genug Geld übrig.

Hier befinden sich derzeit 1,3 Millionen Franken. Stefan Weber, der beim Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain in Sissach für Investitionshilfen verantwortlich ist, sagt: «Es haben sich schon viele besorgte Bauern gemeldet und gesagt, dass sie in diesem Jahr Geld bräuchten.» Weber sagt, dass selbst die «zähen» Bauern und Winzer in der Existenz bedroht seien, wenn sie keine Überbrückungshilfen bekämen.

Auch wenn sie dieses Jahr noch überstehen sollten, wären die Probleme nur vertagt. Ein Jahr ohne Lohn habe zur Folge, dass sie Kosten sparen müssten, «wo es nur geht». Die Bauern würden die notwendigen Investitionen nicht tätigen und verzichteten beispielsweise auf Arbeitskräfte, die sich um die langfristig wichtige Pflege der Reben und Obstbäume kümmerten. Pro Hektar fielen jährlich Fixkosten von über 10 000 Franken an, rechnet Weber vor – mit oder ohne Ernte.

Damit diese Fixkosten weiter gedeckt werden können, schlägt Weber eine einmalige Aufstockung des Betriebshilfefonds vor. Sein Plan: Der Kanton schiesst eine Million Franken ein. Weil die Unterstützungsgelder des Bundes an die kantonale Hilfe gekoppelt sind, würden den Bauern und Winzern aus der Region dann insgesamt 3,3 Millionen Franken zur Verfügung stehen.

Weber stellt klar, dass die Gelder lediglich zur Überbrückung des Krisenjahres vorgesehen wären. «Allfällige Kredite sind nicht als Nothilfe angedacht, sondern als zinsloses Darlehen, das in den nächsten Jahren zurückbezahlt werden muss.»

Der Kanton übernehme bei jedem Antrag auf Gelder aus dem Fonds eine Tragbarkeitsprüfung und könne auch in Notsituationen Kredite verweigern. Bereits jetzt sind über drei Millionen Franken aus diesem Fonds, der im Zweiten Weltkrieg geäufnet wurde, im Umlauf. Jährlich bezahlen die Bauern und Winzer 360 000 Franken zurück.

Thurgauer Bauern preschten vor

Baselland ist nicht der erste Kanton, der nach den verheerenden Frostschäden über Notfallkredite nachdenkt. Das «Regionaljournal Ostschweiz» berichtete vor drei Tagen, dass auch der Verband Thurgauer Landwirtschaft nach dem Kälteeinbruch den Antrag für Überbrückungskredite gestellt habe.

Der Baselbieter Regierungsrat schweigt sich darüber aus, ob er Überbrückungsdarlehen ins Auge fasst. Rolf Wirz, Sprecher der zuständigen Volkswirtschaftsdirektion, sagt nur: Mit den Branchenvertretern seien konstruktive Gespräche geführt worden. «Es braucht aber noch etwas Arbeit.» Detailliertere Informationen sollen heute Freitag per Medienmitteilung kommuniziert werden.