Landentwicklung

Baumeister Reber: So will der Baselbieter Regierungsrat den Landkanton verdichten

Ein Leuchtturmprojekt der Baselbieter Raumplanung: der neue FHNW-Campus in Muttenz. (Archivbild)

Isaac Reber fühlt sich wohl in seiner neuen Direktion. Der Ende März wiedergewählte Grünen-Regierungsrat wechselte von der Sicherheits- in die Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD), wo sein Know-how als studierter ETH-Raumplaner mehr zur Geltung kommt. In den 90er-Jahren sei er selbst Angestellter der BUD gewesen; daher habe sich der Wechsel wie ein Heimkommen angefühlt, sagt Reber am Mittwoch vor den Medien.

Nach 100 Tagen im Amt stellte der Baudirektor seine Schwerpunkte in der Raum-, Verkehrs- und Infrastrukturplanung des Kantons vor. Im Zentrum steht die «gezielte Verdichtung» der Agglomeration. Dabei erzählte Reber wenig wirklich Neues, fasste aber die bestehenden und geplanten Projekte in einem Gesamtkonzept zusammen. Thematisch läuft die BUD auf drei Schienen: dem Erhalt und der zielgerichteten Erweiterung des öffentlichen- und des Strassenverkehrs, dem Zusammenführen von Wohn-, Arbeits- und Freizeitraum und dem Schutz von Klima und Umwelt.

Insgesamt will die Regierung in den nächsten zehn Jahren zwei Milliarden Franken in die Infrastruktur investieren. 1,3 davon sollen in bestehende Bauwerke fliessen, netto 700 Millionen in neue Projekte. Die grössten davon werden im Unterbaselbiet realisiert. «Es macht Sinn, dort zu investieren, wo die meisten Menschen leben und zusammenkommen.» Er wies Vorwürfe zurück, wonach das ländliche Oberbaselbiet zu kurz komme. «Die meisten Investitionen fliessen in bestehende Bauwerke. Dazu gehören viele Projekte im Oberbaselbiet.»

Kein Populismus in der Verkehrspolitik

Isaac Reber zeigt sich zutiefst pragmatisch. Der grüne Baudirektor fährt keine radikale Anti-Auto-Politik. Er bekräftigte, dass einige Forderungen aus dem rot-grünen Lager populistisch, extrem und nicht zielführend seien. «Bis 2030 CO2-neutral sein zu wollen ist unrealistisch (Interview rechts). Deshalb ist in der Verkehrsplanung auch der Ausbau von Strassen vorgesehen, wie etwa die Talstrasse zwischen Arlesheim und Münchenstein oder der Rheintunnel der A2. Im öffentlichen Verkehr werden einige Tramlinien erweitert und Ziel ist, bis 2025 die S-Bahnlinie zwischen Liestal und Basel SBB im Viertelstunden-Takt anbieten zu können. Somit soll die Agglomeration besser an die Stadt angebunden werden.

Reber will auch bestehende Verkehrsnetze entlasten können. Im Auftrag des Parlaments erarbeitet die BUD gerade ein Projekt für eine Veloschnellroute, die in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Strassen (Astra) geplant wird. Das E-Bike soll als eigenständiger Verkehrsteilnehmer auftreten. «Mittlerweile sind E-Bikes auf mittellangen Strecken massentauglich», ist Reber überzeugt. Das Pilotprojekt wird zwischen Birs und dem Dreispitz oder Salina Raurica und Birsfelden verlaufen.

Das Prinzip der kurzen Wege

Reber vertritt die Idee einer integrierten Raumplanung: Die Funktionen Wohnen, Arbeiten und Freizeit sollen wieder näher zueinander. Somit könnten Arbeits- und sonstige Fahrwege verkürzt werden. «Früher war der Arbeitsort getrennt vom Wohnort, weil vor allem die industrielle Arbeit Lärm und üble Gerüche verursachte und weil sie gefährlich war.» In einer Dienstleistungsgesellschaft vertragen sich Wohnen und Arbeiten in unmittelbarer Nähe. Als Aushängeschild dieser neuen, integrierten Raumplanung nennt er den Dreispitz, der mit der zukünftigen Passerelle den Wohn- und Arbeitsort direkt an die Merian-Gärten anbinden wird. Er nennt aber auch andere Projekte wie den Life Science-Cluster im Allschwiler Bachgraben oder den neuen FHNW-Campus in Muttenz. Reber hielt seine Medienkonferenz nicht zufällig in einem Vorlesungssaal des FHNW-Neubaus in Muttenz ab.

Die Umwelt und das Klima schützen

Mehr rezyklieren, weniger wegwerfen: Bei Bauten wird Reber die Nachhaltigkeit fördern. Auch sonst sollen mehr Recycling-Anlagen entstehen, die Energieeffizienz von Gebäuden gesteigert und CO2-arme Heizungen gefördert werden. Dafür wartet die Regierung auch auf eine Erneuerung des Baselbieter Energiepakets, die im Landrat hängig ist. Auch die Nutzung von E-Bussen und E-Nutzfahrzeugen werde geprüft oder vorbereitet. Reber würde das Ende des fossilen Zeitalters begrüssen, warnt aber auch vor ideologischen Endlosdebatten. «Wir müssen so schnell wie möglich arbeiten.» Ganz nach dem Motto: Weniger reden, mehr machen.

 

Interview:

«Das ist ein unrealistisches und populistisches Ziel»

Isaac Reber, Sie sagten, Baselland soll in den nächsten Jahren schweizweit Massstäbe setzen. Wo genau?

Isaac Reber: Zunächst halte ich fest, dass wir uns gerade in einem Gebäude befinden, das Massstäbe setzt: im Neubau der FHNW in Muttenz, einem hoch funktionalen und zugleich sehr schönen Gebäude. Wir dürfen durchaus die Ambition haben, solche Projekte zu wiederholen. Derzeit sind wir am Planen von Veloschnellrouten. Wir wollen im Rahmen dieses Pilotprojekts ausprobieren, was Velorouten bringen und inwiefern sie andere Verkehrsträger entlasten können.

Wenn Velorouten einen Umsteige-Effekt erzielen können: Weshalb planen Sie als grüner Baudirektor dann noch neue Strassen?

Ich halte nichts von ideologischen Diskussionen. Diese haben erst zu den heutigen Verkehrsproblemen geführt. Diese können wir mit einem einzigen Ansatz und Schwarzweiss-Denken nicht lösen. Es gibt Orte, wo Strassen Sinn machen. Andernorts sind es Schienen oder eben Velorouten. Wir bauen im Übrigen nicht in Serie neue Strassen. Das könnten wir uns gar nicht leisten. Dass wir das bestehende Netz verbessern – möglicherweise gar, um zu vermeiden, dass man neue Strassen bauen muss –, das halte ich hingegen für intelligent.

Aber so lässt sich doch die Klima-Krise kaum lösen?

Die Netze sind bei fast allen Verkehrsträgern überlastet. Eine substanzielle Verbesserung der Situation – auch fürs Klima – erzielen wir, wenn die Wege wieder kürzer werden. Die Funktionen Wohnen, Arbeiten und Freizeit müssen wieder näher zueinander. Wir werden daher vermehrt gemischte Nutzungen anbieten. Damit werden die Wege kürzer und die Verkehrsnetze entlastet.

Sie haben viele Vorstösse zur Klimadebatte auf dem Tisch. Was halten Sie von der Forderung der SP, Baselland soll bis 2030 Co2-neutral sein?

Das ist ein unrealistisches und populistisches Ziel. 2030 wäre möglich gewesen, wenn man viel früher angefangen hätte. Das hat man leider nicht, was ich bedaure. Anstatt unrealistische Ziele in die Welt zu setzen, fände ich es intelligenter zu sagen: Wir streben Co2-Neutralität so schnell wie möglich an. Da bin ich dabei.

Sie haben fast nur über Projekte im Unterbaselbiet referiert. Was tun Sie als Sissacher, damit das Oberbaselbiet nicht vergessen geht?

Dass diese Frage immer wieder aufkommt, finde ich etwas seltsam. Sowohl das Oberbaselbiet als auch das Laufental kommen mehrmals in der Liste der Investitionsprojekte vor. Oft sind es kleinere Projekte als die Leuchttürme der Agglo. Doch pro Kopf investiert der Kanton überproportional ins Oberbaselbiet. Schliesslich kostet es mehr Geld, den Einwohner eines Dorfes auf dem Land ans Verkehrsnetz anzuschliessen als einen aus einer grossen Agglo-Gemeinde.

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