Sonderpädagogik

Bedroht durch Neuregelung: Privatschule bangt um ihre Zukunft

«Pädagogische Pionierleistung»: Stiftungsratspräsident Bernhard Bonjour in der Schule für offenes Lernen auf dem Liestaler Hanro-Areal.

«Pädagogische Pionierleistung»: Stiftungsratspräsident Bernhard Bonjour in der Schule für offenes Lernen auf dem Liestaler Hanro-Areal.

Die Schule für offenes Lernen Liestal kritisiert, dass der Kanton ihr keine Schüler mehr zuweist.

Die Baselbieter Privatschulen bangen um ihre Existenz. Im Herbst 2017 strich das Stimmvolk die Pauschale von 2500 Franken, die Eltern im Landkanton für den Privatschulbesuch pro Kind und Jahr erhalten hatten. Nun sieht sich eine bestimmte Schule von einer weiteren Neuregelung bedroht: Die Schule für offenes Lernen Liestal (SOL) kritisiert die Anpassungen des Bildungsgesetzes in der Speziellen Förderung und Sonderschulung.

Mitte Februar präsentierte Bildungsdirektorin Monica Gschwind die Vorlage, die nun in die Bildungskommission und dann in den Landrat kommt. «Das bringt uns in grosse Schwierigkeiten», sagt Bernhard Bonjour. Der Liestaler SP-Einwohnerrat ist Stiftungsratspräsident der SOL, die auf dem Hanro-Areal rund 50 Schüler betreut.

Die Aufmerksamkeit richtete sich bei der Präsentation der Vorlage auf die Einführung von Lektionen-Pools, über die die Schulleitungen der öffentlichen Schulen in der Speziellen Förderung, Sonderschulung und für fremdsprachige Schüler verfügen sollen. Was sich für Privatschulen ändert, war kein Thema. Die Änderungen fallen kaum auf. Entscheidend ist der neue Titel des Paragrafs 46 des Bildungsgesetzes. Statt «Spezielle Förderung an Privatschulen» heisst es nun «Spezielle Förderung an Privatschulen und in Spezialangeboten auf der Sekundarstufe I».

Angebot wird querfinanziert

«Wird die Vorlage abgesegnet, würde die Möglichkeit gestrichen, dass uns Primarschüler zugewiesen werden», sagt Bonjour. Dazu kommt, dass auch nur noch maximal 30 Sek-Schüler Privatschulen zugewiesen werden dürfen. Das ist insofern relevant, da Schüler, die im Rahmen der Speziellen Förderung der SOL zugewiesen werden, vom Kanton (Sekundarstufe) oder der Gemeinde (Primar) finanziert werden.

Der Kanton bezahlt 43'000 Franken pro Jahr, wird ein Sekschüler in einer SOL-Kleinklasse platziert. Für Selbstzahler betragen die Schulkosten aber bloss 25'000 Franken. Und es gehört zum Konzept der Schule, Familien, die sich dies nicht leisten können, den Betrag teilweise oder ganz zu erlassen. Querfinanzierung heisst das Zauberwort. «Wir retten Schulkarrieren, doch wenn es so weitergeht, geht uns das Geld aus», sagt Bonjour.

Nicht nur steige der Anteil Primarschüler an der SOL seit Jahren. Von den 52 Schülern seien es mittlerweile 32. Kanton und Gemeinden weisen den Privatschulen zudem kaum noch Schüler zu. Aktuell werden an der SOL nur zwei Neuntklässler von den Behörden finanziert, 2012 waren es 57. Es gibt sogar eine gültige Leistungsvereinbarung zwischen Kanton und SOL, dass 30 Plätze für Zuweisungen gedacht sind. Bonjour: «Ich kritisiere vor allem, dass der Kanton schon heute auf Zuweisungen verzichtet, obwohl die gesetzliche Grundlage für diese restriktive Haltung erst mit der neuen Vorlage geschaffen wird.»

Kanton kritisiert das SOL-Konzept

«Ich verstehe die Sorgen der SOL», sagt Marianne Stöckli, Leiterin der Abteilung Sonderpädagogik in der Bildungsdirektion. Da die SOL das Schulgeld am Einkommen der Eltern definiere, sei es schwierig, wirtschaftlich zu bestehen. Und: «Durch die Gesetzesänderung gerät das System der Querfinanzierungen noch stärker aus dem Lot.» Stöckli verteidigt aber die Praxis des Kantons und die neue Vorlage.

Was sich nämlich nicht ändert: Im Bildungsgesetz steht, dass «Massnahmen der Speziellen Förderung innerhalb der öffentlichen Schulen des Kantons und der Einwohnergemeinden Vorrang haben». «Dass alle Massnahmen der Regelschule ausgeschöpft sein müssen, ist durch mehrere Kantons- und Bundesgerichtsentscheide gestützt», sagt Stöckli.

Da sowohl in der Primar- wie in der Sekundarschule immer mehr Möglichkeiten bestehen, Schüler mit Lernblockaden, Angststörungen oder Verhaltensauffälligkeiten innerhalb der Regelschule zu betreuen, führt das dazu, dass immer weniger an Privatschulen platziert werden.

Ein weiterer Trend zeigt sich laut Stöckli darin, Schüler der Speziellen Förderung in den Tagesschulen der Heime Röseren, Schillingsrain, Wolfsbrunn oder Erlenhof zuzuweisen. Denn: «Im Bedarfsfall können die Schüler dort auch stationär aufgenommen werden.» Grundsätzlich heisst die Devise in Baselland aber integrativer statt separativer Unterricht. Allerdings wirkt nicht nur die Unterrichtsform auf die restriktive Praxis des Kantons. «Es bestehen auch finanzielle Vorgaben, die Zuweisung an Privatschulen zu vermeiden, denn die Lösung in der Regelschule ist deutlich günstiger», sagt Stöckli.

Die Rechnung 2017 zeige, dass die Spezielle Förderung eines Schülers an der Volksschule durchschnittlich zirka 9000 Franken koste, an einer Privatschule seien es 78'000. Bonjour hält wenig von der Berechnung des Durchschnitts, da die Unterschiede unter den Privatschulen gross seien. In die Nähe der 9000 Franken kommt aber auch Bonjours SOL nicht.

Bonjour weiss, dass die Vorlage im Landrat gute Chancen hat. Er hofft aber, dass die Bildungskommission die Streichung der Primarstufe sowie die Beschränkung auf 30 Plätze noch korrigiert. An den Kanton richtet Bonjour ein spezielles Angebot: «Von mir aus kann der Kanton die SOL für einen symbolischen Franken kaufen – sofern er das pädagogische Konzept beibehält.» Stöckli erwidert: «Ich habe sehr viel Respekt vor der pädagogischen und sozialpädagogischen Pionierleistung der SOL. Ein Kauf steht aber nicht zur Diskussion.» Privatschulen müssten sich nicht nur über ihr pädagogisches Profil, sondern auch über ihre Wirtschaftlichkeit durchsetzen.

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