Eine Schlacht mögen die beiden Gesundheitsdirektoren Lukas Engelberger (BS) und Thomas Weber (BL) mit der Spitalfusions-Abstimmung vom Februar verloren haben. Doch beim Kampf gegen die steigenden Gesundheitskosten halten sie noch eine Waffe in ihren Händen: Das Stimmvolk sagte damals Ja zum zweiten Staatsvertrag, jenem über die gemeinsame Planung, Regulation und Aufsicht in der Gesundheitsversorgung.

Das Herzstück dieses Vertrags bildet die gemeinsame Spitalliste beider Basel. Sie soll 2021 eingeführt werden und für beide Kantone identische Kriterien festlegen, was ein Spital erfüllen muss, um einen Leistungsauftrag zu erhalten.

Jetzt ist klar: Engelberger und Weber wollen mit ihren Vorgaben noch deutlich stärker in den Markt eingreifen, als bisher angenommen. Nicht nur ein Spital muss künftig in gewissen Bereichen eine Mindestanzahl an typgleichen Eingriffen pro Jahr vorweisen, um die Zulassung zu erhalten – etwas, das bisher erst für die Hochspezialisierte Medizin galt.

Nein, es sollen bei bestimmten Eingriffen auch Mindestfallzahlen eingeführt werden, die jeder Operateur persönlich erreichen muss. Dies geht aus einer Antwort der Baselbieter Regierung auf einen Vorstoss der SP-Landrätin Lucia Mikeler hervor, wie die «Basler Zeitung» berichtet.

Spitäler könnten Eingriffe verlieren

Die Überzeugung dahinter ist: Je mehr gleiche Operationen ein Arzt pro Jahr durchführt, desto eher sei die Qualität gesichert. «Es ist erwiesen, dass es hier eine Korrelation gibt», sagt etwa die Präsidentin der landrätlichen Gesundheitskommission, Rahel Bänziger, auf Anfrage der bz. Vorbild ist der Kanton Zürich. Als erster Kanton hat er Anfang Jahr für fünf Eingriffsarten Mindestanforderungen für Operateure in Kraft gesetzt:

  • Ersteinsetzung einer Hüft- oder Knieprothese: 15 pro Jahr
  • Wechseloperationen Hüft- und Knieprothese: 50
  • Gynäkologische Tumor-Operationen: 20
  • Brusttumor-Operationen: 30
  • Prostata-Operationen: 10

Gegen diese Regulierung setzten sich mehrere Zürcher Spitäler zur Wehr. Doch das Bundesverwaltungsgericht lehnte die Beschwerden ab und stützte das Vorgehen des Kantons. Das Urteil hat dabei durchaus präjudizierenden Charakter.

Und die Massnahme zeigte sofort Wirkung: Laut «Tages-Anzeiger» verfehlten mehrere Ärzte die Mindestfallzahlen und mehrere Spitäler verloren gewisse Fachgebiete. Ein ähnliches Szenario könnte sich in beiden Basel wiederholen.

Gegenüber der «BaZ» sagte Merian-Iselin-CEO Stephan Fricker, dass mehrere seiner Belegärzte keine 50 Wechseloperationen für Hüft- oder Kniegelenke vorweisen könnten. Die Frage ist, ob für beide Basel dieselben Mindestfallzahlen zur Anwendung gelangen werden wie in Zürich. «Die Vorgaben pro Operateur müssten in der ganzen Schweiz dieselben sein, da sonst Qualitätsunterschiede zwischen den Regionen in Kauf genommen würden», sagt Bänziger dazu. Da das Einzugsgebiet hier aber kleiner ist als in Zürich «würde dies bei uns zu einer noch stärkeren Konzentration der Anbieter führen», ist sie überzeugt.

KSBL warnt vor Ärztetransfers

«Die Zürcher Zahlen dienen uns als Orientierung», sagt die Sprecherin des Basler Gesundheitsdepartements, Anne Tschudin, zwar zur bz. Sie fügt aber an, dass Basel-Stadt zurzeit eigene Erfahrungswerte von den Spitälern sammle. «Letztlich müssen wir in eigener fachlicher und versorgungspolitischer Verantwortung entscheiden.» Klar ist bloss, dass Basel-Stadt sich dabei mit Baselland abstimmt, auch wenn der Landkanton mit der Erhebung weniger weit ist. Eine Einführung ist daher frühestens 2022 möglich.

Dass sich das Merian-Iselin wehrt, überrascht Bänziger nicht: «Für reine Belegarztspitäler ist es sicher eine grössere Herausforderung als für Spitäler mit Chefarztsystem, die Mindestfallzahlen pro Operateur zu erreichen.» Doch auf Anfrage der bz äussern auch das Kantonsspital Baselland (KSBL) und das Universitätsspital Basel (USB) Vorbehalte: «Quantität erhöht die Wahrscheinlichkeit der Qualität. Doch auch Erfahrung und insbesondere Begabung sind massgebend», sagt KSBL-Sprecherin Anita Kuoni. Zudem: Der alleinige Fokus auf Mindestfallzahlen berge die Gefahr von «unfriendly» Ärztetransfers unter den Spitälern.

«Aus unserer Sicht stellen sich eine ganze Reihe von technischen Fragen», sagt auch USB-Sprecher Nicolas Drechsler. Er warnt davor, einfach die Zürcher Zahlen zu übernehmen, wenn er sagt, dass «es eine sorgfältige Koordination zwischen den Kantonen braucht, die die regionalen Gegebenheiten berücksichtigt».

Tschudin verspricht zwar eine Umsetzung «mit Augenmass», aber dass die Einführung der Mindestfallzahlen für Operateure auch hier gravierende Einschnitte mit sich bringen wird, verhehlt sie nicht: «Es ist nicht unsere Absicht, gezielt gegen einzelne Operateure oder Kliniken vorzugehen. Man kann aber den Bären nicht waschen, ohne den Pelz nass zu machen.»