Baselbiet

Betreibungs- und Konkursamt ist am Anschlag – neue Stellen müssen her

Das Betreibungs- und Konkursamt findet man etwas versteckt auf dem Schild-Areal in Liestal.

Das Betreibungs- und Konkursamt findet man etwas versteckt auf dem Schild-Areal in Liestal.

Das zentralisierte Betreibungs- und Konkursamt wurde in den letzten Monaten überrannt und die Beschwerdebriefe stapeln sich auf den Tischen. Deshalb rückt die Direktion vom Sparauftrag ab und schafft neue Temporärstellen.

Die Warteschlaufe nimmt kein Ende. Auch nach unzähligen Versuchen schafft es Peter Müller* nicht, beim Baselbieter Betreibungs- und Konkursamt durchgestellt zu werden. Als er endlich doch eine Dame erreicht, sucht diese keine Ausflüchte: «Wir kommen mit der Arbeit einfach nicht nach», sagt sie. Die Belastung sei mitunter so gross, dass die Angestellten das Telefon überhaupt nicht mehr abnehmen würden.

Doch das war nicht das einzige Problem, wie Müller der bz berichtet. Obwohl gerade Betreibungen oft eine heikle Sache sind, bei der man auf Diskretion Wert legt, waren die Schalter des Amts am Eichenweg 4 in Liestal nicht voneinander abgetrennt. Von Privatsphäre keine Spur.

2014 massiv mehr Begehren

Von der bz mit diesen Beschwerden konfrontiert, tut es Andreas Rebsamen, Leiter Zivilrechtsverwaltung, der Dame am Telefon gleich. Keine Ausreden: «Auch auf meinem Tisch stapeln sich in jüngster Zeit die Beschwerdebriefe.»

Das war nicht immer so. Erst seit auf Anfang Jahr im Namen des Sparprojektes «Focus» die sechs Baselbieter Bezirksschreibereien an zwei Standorten in Liestal (Betreibungs- und Konkursamt) und Arlesheim (Erbschafts- und Grundbuchamt, ab Herbst auch Zivilstandsamt) zusammengeführt worden sind, häufen sich die Probleme. Nicht zuletzt auch, weil die Ämter einen Personalabbau wegstecken mussten.

Während Rebsamen betont, dass sich die Situation beim Grundbuch- und beim Erbschaftsamt mittlerweile entspannt habe, hält er fest: «Das Betreibungs- und Konkursamt ist unsere Hauptbaustelle.»

Eindrückliche Zahlen untermauern dies: Allein im März seien 4500 Anrufe beim Betreibungsamt eingegangen und pro Tag hätten rund 100 Personen den Schalter aufgesucht. Die Krux: Telefon und Schalter sollten gleichzeitig von denselben Angestellten betreut werden. Rebsamen verteidigt sie denn auch: «Dieser Ansturm war nicht vorhersehbar. Dagegen ist kein Kraut gewachsen.»

Rechne man nämlich die Anzahl Begehren des ersten Quartals 2014 aufs ganze Jahr hoch, so übersteige diese das Ergebnis 2013 um ganze 20'000. Ob das erste Quartal bloss ein Ausreisser ist oder es einen Trend begründet, kann Rebsamen freilich noch nicht abschliessend sagen. Fest steht: «Wir werden überrannt.»

Vier Stellen gegen die Altlasten

Kommt hinzu, dass das neue Amt noch mit Altlasten der Bezirksschreibereien kämpft. Das brachte das Fass letztlich zum Überlaufen. Rebsamen musste handeln: Er schuf temporär von April bis Ende Juni vier zusätzliche Stellen, wie er offenlegt. «Hätten wir nichts getan, wären uns die Leute weggelaufen», rechtfertigt er die Kosten von total rund 100'000 Franken. Sicherheitsdirektor Isaac Reber sei informiert.

Die neuen Stellen kümmern sich vor allem um die Altlasten. «Ich hoffe, dass sie bis Ende Juni abgetragen sind, ansonsten müssen wir über eine Verlängerung diskutieren», sagt Rebsamen. Er gibt sich vorsichtig optimistisch, dass die total 40,6 Vollstellen des Betreibungs- und Konkursamtes für den alltäglichen Betrieb danach ausreichen – auch wenn die 9,5 Stellen, die «Focus» zum Opfer fielen, natürlich schmerzten.

Weitere Massnahmen sind allerdings nötig: Bereits umgesetzt wurde eine Optimierung des Schalterraumes am Eichenweg 4. Trennwände und ein Schallschutz sorgen für etwas mehr Privatsphäre. Ein Ticketsystem, das die Kunden direkt dem richtigen Schalter zuteilt, wird Ende Mai eingeführt. Eine eigene Telefonzentrale und Einzelkabinen dürften dagegen an der Finanzierung scheitern, wie Rebsamen mit Bedauern festhält. Eher noch würden die Telefonzeiten beschränkt.

Kundenportal würde entlasten

Zwei weitere Projekte würden die Arbeit des Amtes beträchtlich erleichtern, kommen aber nicht vom Fleck: «Wir versuchen verzweifelt, dass Grossgläubiger wie Krankenkassen endlich auf elektronische Betreibungsbegehren umstellen, doch sie schicken uns lieber stapelweise Papieranträge», so Rebsamen.

Aufgegleist und priorisiert sei derweil das Projekt eines Online-Kundenportals, über das jeder direkt Auszüge bestellen könnte. Das Problem: Die IT-Abteilung habe noch keinen Weg gefunden, dass der Datenschutz garantiert ist. Die Missbrauchsgefahr sei zu hoch. Ein solches Portal würde auch Peter Müller helfen. Warteschlaufen gäbe es dort keine.

*Name von der Redaktion geändert.

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