Ochsentour

Blaues Band für Vampire und Geranien

Eher Stier denn Ochse, mit ausgeprägtem Skrotum und Zipfel, in Rot gehalten. Sog. «taurischer Rennblick», symmetrische Hornstellung in Zuspitzung, auf grünem Dreiberg stehend.

Eher Stier denn Ochse, mit ausgeprägtem Skrotum und Zipfel, in Rot gehalten. Sog. «taurischer Rennblick», symmetrische Hornstellung in Zuspitzung, auf grünem Dreiberg stehend.

Simon Morgenthaler (Sternzeichen Stier) ochst, schreibt und lebt in Basel. In seiner neuen Kolumne für die «Schweiz am Wochenende» geht er auf gastrophilosophische Ochsentour.

Von Bubendorf her durch die Schneide neben dem Spizeberg nach Itingen eindringend halte ich direkt auf den Ochsen zu. Das Rössli bleibt links liegen. Gegen Pferde habe ich – wie gegen andere Majestäten – selbst im Diminutiv eine profilierte Abneigung. Im Durchgang links von der Fensterfront ist die Gartenwirtschaft des Ochsens ausgeschildert, in behäbigen Lettern, mit einer roten Rivella-Banderole akzentuiert. Perlende Milchserum-Imaginationen, Heimatgefühle eruktieren, es ist schwer, zu widerstehen.

Eine überdeckte Terrasse mit Hinterhof-Allüren: charmant, ehrlich. Die Tische mit einer Art kopfgestellten Jalousien abgetrennt, auf der umgebenden Mauer Kästen mit Geranien, das Blütenrot kontrastiert üppig mit dem angegrauten Verputz der Hausfassade im Hintergrund. Über den gut mit fötal oder futuristisch geformten Automobilen bestückten Parkplatz blickt man auf eine wiederum geranienbesetzte Betonbrücke. Rechts im Blickfeld eine kugelbeglaste, braunschummrige Aussenlampe, an die 1970er-Jahre gemahnend, wohl aber aus den 1990ern.

Ähnliches Anmuten bei der Speisekarte. Ich trinke am Bier, das ich in lachhafter Verweigerung rivellaroter Nationalgefühle geordert habe, fokussiere die Cordon bleus. Die Waldmeister-Variante lässt mich kurz erschaudern, weil ich mir – eingeschlagen in paniertem Kalb oder Schwein – fälschlich eine Melange von Käse und labkrautig-grünem Sirup vorstelle. Das Riesen-Cordon-bleu wird ignoriert, stossen mir doch gleich unappetitliche Gedanken an die menschliche (ergo: eigene!) Hybris auf. Ich bestelle konzentriert die Variante «Vampirschreck».

Ich weiss nicht recht, ob ich mich vor ihm, es sich vor mir oder jemand anderes sich post festum vor ihm in mir drin erschrecken soll. Blutrünstig geworden vor lauter roten Geranien und Süssgetränken setze ich die Klinge an. Schmelzkäse quillt, verklärte Kindheitserinnerungen laufen aus. Nicht Prousts Madeleine-Duft, viel besser, realistischer: Pointierte Knoblauchnoten und ein zähflüssiges, geruchsneutrales Etwas. Kein bejahrter Gruyère könnte das, nicht die raffinierteste Kombination von tranchierten Oberschenkeln eichelfressender Schweine, handgezupfter Zitronenverbene und geschlechtsreifem Chèvre. Schmelzkäse als visköses Gedenk-Elixier präpubertärer Ess-Orgiastik, wundersam schmieriges Memorial vergangener Zeiten. Als genüssliche Rache an allen Fernsehkoch-Messiassen und Kochbuch-Conquistadores, als Husarenstück gegen die aufdringliche Balance sämtlicher Bauchspeck-Antipoden (und insgeheim als ein wohliger Schlag knapp über die Gürtellinie des eigenen inneren Regenten). In Itingen, wo es – wie’s scheint – Vampire gibt.

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