«Dann darf ich hier also tatsächlich reinpieseln?», fragt der Junge in einer urtümlichen Mischung aus Neugier und Ungläubigkeit, während seine Hand auf einen Topf zeigt, halb gefüllt mit einer gelblichen Flüssigkeit. Und bekommt dann doch gesagt, dass hier und jetzt nicht gepieselt wird, aber ja, theoretisch laufe das genauso mit dem Färben von Stoffen. Der Junge nickt anerkennend: verblüffende Römer. Seine Eltern lachen und die Färberin rührt im Sud, der über dem Feuer siedet und weisse Stoffe zu roten Tüchern werden lässt.

Wir befinden uns in einer Färberei am Römerfest in Augusta Raurica: grösste Römersause der Schweiz und grösster Familienevent der Region. Gewöhnlich strömen um die 20'000 Menschen am letzten Augustwochenende in die antike Römerstadt in Augst, um sich in die Vergangenheit zu stürzen. Zünftig ist der Publikumsaufmarsch auch an diesem Wochenende, doch der verregnete Samstag sorgt dafür, dass sich die Schlangen vor den Ständen in Grenzen halten.

Und dass die Grilleure, die die traditionellen Spanferkel über lodernden Flammen zubereiten, nur halbwegs ins Schwitzen geraten. Der rustikale Duft der gegrillten Schweine zieht über das Gelände, und einen Stand weiter filetieren geübte Hände Forellen, die sie nur Minuten zuvor aus dem Räucherfass gehoben haben.

Glacé aus Kaffeebechern

Überhaupt: das Essen, das zum Römerfest gehört wie die Legionäre und die Gladiatoren. Das Stockbrot, das die Besucher selbst über offenem Feuer rösten; der Zaubertrank nach jener gallischen Rezeptur, die einen gewissen Obelix unbesiegbar macht; schliesslich die Glacé («diese Römer verblüffen einen immer wieder»), die in Kaffeebechern serviert wurde, weil die Zürcher Verkäufer nicht mit Baslern rechneten, die bei Regenwetter den Wunsch nach Glacé verspüren würden.

Ein Gaukler spielt derweil hüpfend eine Weise, eine zwielichtige Gestalt bietet eine angekettete Sklavin feil, Handwerker führen vor, wie man Wolle spinnt und das Gesponnene filzt, wie man Ton modelliert, seilt, schmiedet und aus Pferdeknochen Haarnadeln schnitzt. Und der Glasbläser hat seinen Lehmofen morgens um vier eingeheizt, damit der seine Betriebstemperatur von 1000 Grad Celsius erreicht.

Ähnlich heiss geht es darauf im Theater zu und her, dem Höhepunkt des Fests: «Panem et Circenses», Brot und Spiele. Begleitet von Hornklängen und schwerbewaffneten Legionären, die mitunter den weiten Weg aus Belgien und Irland unter die Hufe genommen haben, um in Augst ihrem Faible zu frönen, betreten die Gladiatoren die Arena. «Das werden kurze Kämpfe», raunt der Primus Palus, der als eine Art Schiedsrichter fungiert und eigentlich Mark heisst, seinen Gladiatoren zu und wischt sich die Regentropfen aus dem Gesicht.

Dann kämpfen sie, und buchstäblich geht es Schlag auf Schlag, wenn Stahl auf Stahl kracht und Netze fliegen, wenn Schwerter auf die Schilde donnern und sich Klingen kreuzen. Teutonus, der eigentlich Christian heisst, unterliegt Africanus Pantherus alias Youl nach einem engen Kampf, das Publikum jubelt den Siegern zu – mit ihm Kaiser Hadrian höchstpersönlich. Er macht dem Römerfest seine Aufwartung.

Dann sind die Kämpfe tatsächlich vorbei, «auf geht’s», stupsen die Väter ihre Kinder schon – und bleiben dann doch unvermittelt sitzen, als die Bauchtanz-Equipe die Arena betritt, um zu orientalischen Klängen die Hüften kreisen zu lassen. Auf das Kräftemessen folgt der Tanz, aufs Gemetzel die Anmut: Die Römer verblüffen einen immer wieder.