Asylzentrum Feldreben

Bund bricht sein Wort: Asylsuchende sollen doppelt so lang bleiben dürfen

Nächste Woche übergibt der Kanton Baselland das Muttenzer Asylzentrum schlüsselfertig dem Bund. Dieser will die Mega-Anlage Mitte November mit deutlich weniger Asylsuchenden als erwartet eröffnen, diese sollen jedoch doppelt so lange wie versprochen dort bleiben.

Gross war der Aufschrei der Muttenzer Bevölkerung, als die bz im Dezember 2015 die Pläne von Bund, Kanton und Gemeinde publik machte, auf dem Muttenzer Feldreben-Areal das bis dato grösste Asylzentrum der Schweiz betreiben zu wollen. Von 500 bis maximal 900 Asylsuchenden war die Rede, die in den Hallen des ehemaligen Lastwagen-Terminals untergebracht werden sollten.

Sofort malten gewisse Bürger ein düsteres Bild von Horden fremdländischer Männer, die durch Muttenz’ Gassen streifen und in direkter Nachbarschaft zu mehreren Schulen hausen würden. Tatsächlich stimmen die damals angekündigten Dimensionen des Bundesasylzentrums Feldreben auch heute noch.

Doch wenige Tage, bevor der Kanton Baselland am 1. November das Areal betriebsbereit an den Bund übergibt, ist die Zahl 900 so weit weg vom Hier und Jetzt, dass sie als Schreckgespenst ausgedient hat. «Voraussichtlich wird das Bundesasylzentrum zu Beginn mit einer Gruppe von 20 bis 30 Asylsuchenden belegt», sagt Markus Unterfinger vom Staatssekretariat für Migration (SEM) gegenüber der bz.

Start nicht vor 14. November

Und der «Beginn» ist bald. «Voraussichtlich erfolgt die Eröffnung in der Kalenderwoche 46», lässt sich Unterfinger zitieren. Die ersten Asylsuchenden könnten also ab dem 14. November in Muttenz eintreffen. Damit endet eine Verzögerung von nicht weniger als einem Dreivierteljahr, denn ursprünglich wollte der Bund das Zentrum schon Anfang Jahr beziehen.

Trotzdem ist beim Rundgang der bz am gestrigen Dienstag noch längst nicht alles bereit. In den beiden grossen Hallen – eine für Familien und Frauen und eine für Männer – stehen zwar die meisten Hütten mit Hochbetten für vier bis acht Personen. Doch die Matratzen sind noch eingeschweisst, die Spinde erst teilweise aufgebaut. Etwas trist wirken die Unterkünfte aus normierten, feuerfesten MDF-Platten und einer stoffbespannten Decke. Fenster gibt es keine.

«Die Hütten sind wirklich nur zum Schlafen da», sagt Rolf Rossi. Der Baselbieter Asylkoordinator ist dafür verantwortlich, dass Ende Monat alles fertig ist. Tagsüber sollen die Menschen in den breiten Gängen der Hallen verweilen. Mit ein paar Sitzgelegenheiten und Spielmatten für die Kinder werde es dann schon gemütlicher, sagt Rossi, während die Lüftung über unseren Köpfen ziemlich laut rauscht.

Feldreben nicht überflüssig

200 Schlafplätze für Familien und an die 300 für Männer seien bereits aufgebaut. Die 30 Personen, die in drei Wochen hier eintreffen, werden also die Qual der Wahl haben. Hätte es dafür dieses Megaprojekt überhaupt gebraucht?

«Das Bundesasylzentrum Feldreben ist nicht überflüssig», wehrt sich Unterfinger. Die Asylgesuchszahlen blieben seit diesem Sommer tiefer als erwartet, was sich bis jetzt nicht mehr geändert habe. Stand Ende September zählte die Schweiz 21'382 Gesuche, ursprünglich ging das SEM wie 2015 bis Ende Jahr von 40'000 aus. Nun noch von 30'000. «Dadurch sind zurzeit genügend Kapazitäten zur Unterbringung von Asylsuchenden vorhanden.»

Feldreben brauche es trotzdem, sagt Unterfinger, und überrascht mit einer weiteren Ankündigung: «Diesen Freitag wird die Zivilschutzanlage in Aesch und eine Woche später jene in Pratteln mit je 100 Plätzen geschlossen.» Die Anlagen dienten dem Basler Bundesempfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) im Bässlergut bisher als temporäre Aussenstationen. Und Rossi betont: «Es wäre naiv, wenn wir uns nicht auf wieder steigende Asylzahlen vorbereiten würden.»

Dass in Muttenz nur mit 30 Personen begonnen wird, hat noch einen weiteren Grund: «Wir beginnen absichtlich nicht mit einer höheren Belegung, damit sich die Abläufe einspielen können», sagt Unterfinger. Er fügt aber auch an: «Das Bundesasylzentrum Feldreben würden wir wirklich nur bei einer Notlage im Asylbereich mit 900 Asylsuchenden füllen.»

Asylbewerber länger in Muttenz

Dass der Bund momentan in seinen fünf regulären Empfangszentren genug Platz hat, hat noch eine weitere Auswirkung auf das Projekt in Muttenz: Auf Nachfrage der bz bestätigt das SEM erstmals, dass Feldreben anders genutzt werden soll. Ursprünglich angekündigt wurde es bekanntlich als erstes reines Registrierungszentrum der Schweiz. «Das Zentrum wird vorderhand als normales Bundeszentrum zwecks Unterbringung Asylsuchender genutzt», hält Unterfinger fest. Eine Nutzung als Registrierungszentrum wäre nur «bei einem erneuten sehr starken Anlauf von Asylsuchenden vorgesehen».

Das überrascht, schliesslich wurde beim Projekt von Anfang an betont, dass es das erste reine Registrierungszentrum der Schweiz werden solle. Auch Rossi sprach beim Rundgang noch von nichts anderem, zeigte der bz die Eingangsschleusen und speziellen Registrierräume.

Entscheidend ist dies vor allem aus einem Grund: der Aufenthaltsdauer der Asylsuchenden. Bei einem Registrierungszentrum beträgt diese bloss 10 bis 14 Tage. Unterfinger spricht nun aber davon, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Muttenz drei bis vier Wochen sein werde, analog zu den anderen Zentren des Bundes und bloss «tendenziell eher etwas tiefer».

Von der bz darüber informiert, zeigt sich Rossi überrascht – und erbost: «Das entspricht nicht der Abmachung zwischen Bund, Kanton und Gemeinde.» Seine Vermutung: Durch die längere Aufenthaltsdauer werden die Asylsuchenden öfter das Areal verlassen, als man der Bevölkerung vorhergesagt hat. Denn so lange kann kein Töggelikasten, kein Fernseher, Fussballfeld oder Garten die Asylsuchenden auf dem Feldreben-Areal beschäftigen.

Man darf gespannt sein, wie die Gemeinde darauf reagieren wird. Beschwichtigen könnte die Muttenzerinnen und Muttenzer höchstens, dass es bloss 30 und nicht mehrere Hundert sind, die im Dorf unterwegs sein werden – zumindest zu Beginn.

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