«Geld regiert die Welt. Das ist ein altes Sprichwort und auch ich empfinde im jetzigen Augenblicke die Wahrheit desselben.» So beginnt der Brief, den der Benkemer Jakob Christoph Brodbeck am 18. August 1847 an den Gemeindepräsidenten schreibt, ehe er seiner Heimat für Jahre den Rücken kehrt und sich in Richtung Westen aufmacht. Brodbecks Herz dürfte an diesem Tag höher geschlagen haben: Er ist erst 25 Jahre alt, als er die Schweiz verlässt und sieben jüngere Geschwister zurücklässt, die in finanziell prekären Verhältnissen aufwachsen – im 19. Jahrhundert ist die Auswanderung in die Vereinigten Staaten durchaus aufsehenerregend (siehe Interview, rechts).

Christophs Vater Niklaus war schon mit 52 Jahren gestorben, nun will Brodbeck in den Vereinigten Staaten sein Glück probieren. Am 31. Oktober schifft er sich in Le Havre ein, am 1. Dezember erreicht er New York. Zum Glück für die Nachwelt hatte J. Christoph Brodbeck stets sein Tagebuch dabei. In den folgenden Jahren sollte sein Leben völlig unvorhergesehene Wendungen nehmen, die sein Urgrossenkel (auch er heisst Christoph) zusammen mit dessen Sohn Tom dereinst als Buch veröffentlichen sollte. Christoph war Mitte des 20. Jahrhunderts quasi der Zweite der Brodbeck-Dynastie, welcher jenseits des Grossen Teichs sein Glück versuchte. Tom schliesslich wählte den Journalistenberuf, arbeitet heute bei der Lokalzeitung «Winnipeg Sun» – und pflegt bis heute einen intensiven Austausch mit seinen Verwandten in der Schweiz. Die Biel-Benkemer CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter ist seine Cousine – der Abenteurer Jakob Christoph Brodbeck ist also sowohl Toms als auch Elisabeths Ururgrossvater.

Es war nicht die Abenteuerlust, die J. Christoph Brodbeck Mitte des 19. Jahrhunderts über den Atlantik lockte; es war die pure Existenzangst. Die Heimat bot ihm keine Perspektiven mehr – wie so vielen (siehe Interview, rechts). Für seine Ururenkelin Elisabeth Schneider-Schneiter ist das durchaus bemerkenswert in Zeiten, in denen die Schweiz hitzig über Einwanderungsbeschränkung diskutiert.

«Alle desertierten»

Brodbeck war kein Zocker. Der verheissungsvolle Titel «California Gold Rush» verrät aber, dass er sich in New York nicht lange mit seiner Rolle als Angestellter einer Uhrenimportfirma begnügte. Kaum war der junge Mann, der anfangs noch kaum englisch konnte, auf dem fremden Kontinent angekommen, breitete sich das Goldfieber aus – und erfasste auch den Leimentaler. «Alle Soldaten, alle Matrosen desertieren, um Gold zu waschen und zu graben. Die Schiffe im Hafen liegen ohne Mannschaft. Von allen Erdteilen strömen Menschen nach den Goldminen Californiens», notiert Brodbeck in sein Tagebuch.

Es war nicht immer todernst

Auch J. Christoph Brodbeck kann bald nicht mehr widerstehen. Am 25. September 1849 nimmt er die 150-tägige Reise ums Kap Horn in Angriff. Als er in San Francisco ankommt, macht er sich in einem Fünferteam auf die Suche nach Gold – seine Kollegen sind allesamt Amerikaner. Die Sprachbarrieren dürften in den zwei Jahren seines US-Aufenthalts mittlerweile gefallen sein. San Francisco ist indes nur ein Zwischenhalt, um sich aufzurüsten: Der grosse Fang wartet im kalifornischen Stockton, und J. Christoph Brodbeck muss weiter jeden Rappen beziehungsweise Cent zweimal umdrehen: «Von hier nach Stockton kostet ein Dampfschiff 25 Dollar und Segelboote verlangen gewöhnlich 12 Dollar», schildert er seine Erwägungen – letztlich entscheidet er sich für die günstigere, aber langsamere Variante. Brodbeck deutet gelegentlich an, dass es trotz Existenzängste nicht immer todernst zu- und herging. Nachdem der Kapitän das Schiff bei Ebbe auf eine Sandbank gesteuert hatte, verbrachten sie den Abend am Ufer: «Wir tranken lustig unseren Tee und assen unser gebratenes Schweinefleisch.»

Von hier gehts zu den Minen in San Antonio, wo weitere Mühen und Herausforderungen warten. Den Calaverus Fluss quert Brodbeck, wie er schreibt «nicht ohne nass zu werden» auf Ochsen und Maultieren. Und was der Junggeselle am 31. März in sein Tagebuch notiert, lässt erahnen, dass er nicht nur das grosse Geld im Kopf hat. «Seit dem Verlassen von Stockton hatte ich kein Frauenzimmer mehr gesehen. Reisende, die zu einem anderen Wagen gehörten, machten auf ein solches aufmerksam.»

Ein Vermögen von 370 Franken

Endlich sind sie schliesslich da, und was er da sieht, gibt ihm Hoffnung: «Ich sehe eine Weile zu und sehe zwei Männer, die in kurzer Zeit jeder für etwa zehn Dollar Gold fanden.» Täglich kostet ihn das Leben hier einen Dollar, drei kann er dank des Goldschürfens auf die Seite legen. Die Gedanken an seine Familie, die in Benken in Armut lebt, lassen freilich nicht ab. Brodbeck wünscht sich, dass seine Mutter in Besitz des ganzen Funds wäre. Immer wieder gibt es Rückschläge und Konfliktsituationen, aber bis zum Hochsommer eignet er sich ein Vermögen von rund 370 Dollar an. Den Indianern bringt Brodbeck anfänglich Respekt entgegen, obwohl sie den weissen Eindringlingen nicht immer wohlgesinnt sind. So wohnt er sogar mal einer Trauerfeier für einen jungen Häuptling bei, der sich mit Whiskey zu Tode gesoffen hat.

Der Winter 1850 naht, und das Leben wird immer härter. Ganze Wochen arbeitet Brodbeck, ohne einen einzigen Cent zu verdienen. Und die Arbeit in den Minen macht ihm bei dieser Kälte immer mehr zu schaffen. So schlägt sich der junge Schweizer eins ums andere Mal mit dem Gedanken herum, den Bettel hinzuwerfen. Er denkt an «eine Anstellung in einem Handlungshause». Aber «bevor ich das rege Stadtleben anfange, möchte ich noch bis zum Neujahr die frische Bergluft einatmen». Noch während das Goldfieber in Kalifornien am Ansteigen ist, macht Brodbeck einen resignierten Eindruck. Viele sind gemäss seinen Notizen letztlich sogar froh, «gerade so viel zusammenzubringen, um wieder nach Hause zu gehen».

Hauskauf in der Karibik

Bald naht auch für Brodbeck die Zeit der Abreise: Auf dem Heimweg hält er in Trinidad – wobei es nicht bei einem Zwischenhalt bleibt. J. Christoph Brodbeck kauft sich im Frühjahr gar eine Parzelle auf der Karibik-Insel, und am 15. Juni schreibt ein stolzer Tagebuchschreiber: «Unser Haus ist bereits fertig.» Aber dann gibts doch wüste Auseinandersetzungen mit den Indianern; die Gefechte erfordern mehrere Tote – mit ein Grund, warum Brodbeck sich entschliesst, in Trinidad die Zelte abzubrechen und wieder zurück in die Vereinigten Staaten zu reisen. Einem besonderen Ziel scheint Brodbeck allerdings nicht zu folgen – bald hält er hier, bald da an. Immer mit dabei ist sein Schweizer Kollege namens Krattiger.

Brodbeck fühlt sich mittlerweile nicht mehr wohl, wenn er Indianern in die Quere kommt. Nach einer Begegnung notiert er: «Ich würde nicht überrascht gewesen sein, wenn irgend einer mir oder Krattiger den Kopf gespalten hätte.» Trotzdem urteilt er nicht über die Einheimischen, schämt sich eher für das Verhalten der «Weissen», die da und dort dem Alkohol frönten und gegenüber den Ureinwohnern allzu aufdringlich seien. Es passt zum Bild dieses Mannes, der keinesfalls das Bild eines Eroberers oder gar Missionars abgibt. Er verfolgt lediglich das Ziel, einen kleinen Reichtum anzuhäufen und seiner Familie zu Hause einen Teil davon zukommen zu lassen.

19 Tage, nachdem er von Trinidad losgezogen ist, hält er in Shasta City – wo er sich auch bald wieder ein Haus kauft und sich dem sichereren Geschäft des Ackerbaus zuwendet. Mit etwa 30 Jahren scheint er tatsächlich das Bedürfnis zu bekunden, sesshaft zu werden. Er mag es beispielsweise, Butter und Käse selber herzustellen. In finanziell unsteten Zeiten verkauft Brodbeck aber auch sein Haus in Shanta City wieder nach kurzer Zeit. Und nach einem kurzen Wiederanstieg des Goldfiebers («das Minenleben gefällt mir recht gut, besonders wenn abends ziemlich Gelbes in der Pfanne ist») schreibt Brodbeck im November 1855 seinen letzten Tagebucheintrag – acht Jahre, nachdem er aus Benken weggezogen war. In Lafayette Mills findet er eine Festanstellung als Buchhalter mit einem monatlichen Gehalt von 100 Dollar.

Ein Jahr später beginnt er einen «ausgedehnten» Mehl- und Getreidehandel in Yreka, und später sogar noch einen Laden, «in dem vom Jagdgewehr zum Pferdesattel bis zur Nähnadel alles zu kaufen ist». 1857 empfängt J. Christoph Brodbeck schliesslich seinen um 11 Jahre jüngeren Bruder, den er nur noch an einer Narbe erkennt. Er kehrt 1859 schliesslich nach Benken zurück und führt die Mühle weiter. Wie es mit seinen Finanzen aussieht, ist nicht nachgewiesen. Im Baselbiet macht er dann eine beachtliche Karriere, wird Landrat und Bezirksrichter. Er heiratet und wird Vater dreier Kinder. 1874 schliesslich stirbt er an einer Lungenentzündung.