Van Baerle

CEO Daniel Schenk bleibt trotz hoher Kosten in der Region

Daniel Schenk vor dem bisherigen Van-Baerle-Hauptsitz in Münchenstein.

Daniel Schenk wirbt für tiefere Unternehmenssteuern. Seine Firma zieht um, bleibt aber im Baselbiet.

Die Van Baerle-Gruppe zählt zur immer selteneren Spezies der Schweizer Industrie-KMU: 2019 verlässt die Chemiefirma nach über 130 Jahren Münchenstein. Doch trotz der hohen Löhne nicht in Richtung Ausland, sondern nach Schweizerhalle. Das heutige Van-Baerle-Areal unweit des Münchensteiner Bahnhofs soll zu einem Wohngebiet entwickelt werden. Im Interview verrät Van-Baerle-Chef Daniel Schenk, weshalb die Region für ihn noch immer ein attraktiver Unternehmensstandort ist, und er verteidigt die von der Baselbieter Regierung geplanten Steuersenkungen für Unternehmen. Die Selbstbestimmungsinitiative lehnt Schenk dezidiert ab, er findet aber zugleich, dass bei einem Ja am 25. November die Welt nicht untergehen würde.

Herr Schenk, Ihre Firma verlässt nach 130 Jahren Münchenstein. Weshalb?

Daniel Schenk: Der Standort in Münchenstein ist zu gross für unser Unternehmen. Wir verfügen hier über 20 000 Quadratmeter Fläche, am neuen Standort werden es noch rund 10 000 Quadratmeter sein. Der Standort Münchenstein ist historisch gewachsen, wir arbeiten hier in alten Gebäuden und sind punkto Produktionstechnik, -abläufe und Logistik nicht zeitgemäss aufgestellt. Das wollen wir ändern. Zudem sind wir hier mitten in einem Wohngebiet tätig. Die Gemeinde will das Gebiet um unseren Standort mit einer gemischten Nutzung aufwerten. Eine Weiterentwicklung des Unternehmens in Münchenstein ist für Van Baerle nicht zielführend.

Van Baerle zieht nach Schweizerhalle in den dortigen Chemie- und Pharmacluster. Welche Rolle hat die Nähe zu branchenähnlichen Firmen bei Ihrem Entscheid gespielt?

Diese Nähe war keine Bedingung für unsere Standortwahl. Als wir uns auf die Suche machten, stellten wir uns folgende Vorbedingung: Unser Unternehmen soll in der Nordwestschweiz bleiben, irgendwo zwischen Laufen und Stein im Fricktal. Wir haben Standorte in Basel unter die Lupe genommen, auch solche im Fricktal. Eine wesentliche Anforderung war, dass das Areal verkehrsmässig gut erschlossen ist und Betriebe aufnimmt, die wie Van Baerle unter die Störfallverordnung fallen. Letzteres hat die Möglichkeiten dann doch eingeschränkt. Im Lauf der Evaluation hat uns die Baselbieter Standortförderung den Standort Schweizerhalle vorgeschlagen, auf einem Gelände, das Novartis gehört.

Können Sie von der Nähe zu Novartis und Co. profitieren?

Durchaus. Wir benötigen für die Produktion Laugen – und in Schweizerhalle werden solche produziert. Heute werden diese per LKW zu uns transportiert, künftig ist es möglich, sie per direkter Leitung zu unserer Produktionsanlage liefern zu lassen. Auch werden wir Synergien im Bereich der Versorgung mit Wasser und Dampf sowie des Abwassers nutzen können.

Weshalb bleibt van Baerle in der Nordwestschweiz? Sie hätten die Gelegenheit nutzen und Ihre Tätigkeiten ins grenznahe Ausland verlegen können.

Stimmt. Es gibt aber handfeste wirtschaftliche Gründe, die für den Werkplatz Schweiz sprechen. Die Schweiz ist punkto rechtliche Rahmenbedingungen, Arbeitsmarkt und Ausbildungsangebot ein sehr guter Standort. Der Rechtsrahmen in der Schweiz ermöglicht Flexibilität und unternehmerisches Handeln. Daneben waren private Überzeugungen mitentscheidend: Wenn wir als industrielle Unternehmer der Schweiz den Rücken kehren, dann gibt es letztlich nur noch Dienstleistungen. Eine Schweiz ohne industrielle Tätigkeiten ist aus meiner Sicht nicht denkbar. Das geht vielleicht für ganz kleine Staaten wie Monaco oder Liechtenstein, nicht aber für die Schweiz. Wir müssen zu unserem Werkplatz Sorge tragen.

Aber Ihre Mitbewerber im Ausland können sicher günstiger produzieren.

Ja. Die Produktionskosten in der Schweiz sind sicher höher. Aber dem gegenüber steht auch ein Nutzen. Unter dem Strich ist für Van Baerle die Produktion nicht derart teurer, als dass sich ein Wegzug rechtfertigen würde. Die Swissness spielt international immer noch eine Rolle und wir nutzen diese als Verkaufsargument. Ich stelle nicht in Abrede, dass sich in gewissen Industrien eine Produktion in der Schweiz kaum mehr aufrechterhalten lässt. Bei uns ist die Produktion stark automatisiert. Van Baerle betreibt zudem Forschung und Entwicklung, setzt auf Innovation und Marketing. In diesen Bereichen ist die Schweiz international ohnehin top.

Werden Sie in Schweizerhalle neue Arbeitsplätze schaffen?

Mittelfristig sicher. Das ist aber kein standortspezifischer Entscheid. Wir hätten auch in Münchenstein Arbeitsplätze schaffen wollen, werden uns am neuen Standort als Unternehmen also nicht neu erfinden, sondern vor allem unsere Produktion erneuern. Wir bleiben in denselben Geschäftsfeldern und Marktsegmenten. In diesen aber wollen wir wachsen.

Wie stark wollen Sie wachsen?

Meine Vision ist, den Umsatz des Unternehmens in den nächsten zehn Jahren zu verdoppeln. Damit wäre ein Aufbau von Arbeitsplätzen verbunden. Dies allerdings nicht ausschliesslich in der Schweiz: Van Baerle verfügt über eine Produktionsanlage in Taiwan sowie Verkaufsorganisationen in Deutschland, Tschechien und Singapur. Die geografische Ausweitung unserer Geschäftstätigkeit ist eine wesentliche Komponente der Strategie. Wir peilen neue Märkte an. Die Schweizer Marktanteile werden wachsen, sich jedoch nicht verdoppeln können. Das Hauptstandbein wird aber in der Schweiz bleiben.

Die Steuervorlage 17 ist ein Riesenthema. Ist man da auf dem richtigen Weg?

Die geplante Umsetzung im Kanton Baselland begrüsse ich. Der internationale Druck zur Abschaffung der Steuerprivilegien für Statusgesellschaften ist gross. Die Kantone müssen etwas tun.

Der Baselbieter Finanzdirektor Anton Lauber will den Gewinnsteuersatz für Unternehmen von 21 auf 13,45 Prozent senken. Van Baerle profitiert also von einer markanten Steuersenkung.

Stimmt, die angekündigte Senkung des Gewinnsteuersatzes schenkt bei uns ein. Allerdings befindet sich auch Van Baerle in einem Holding-Konstrukt – und diese Privilegien gehen bekanntlich verloren. Unter dem Strich wird das Unternehmen Van Baerle aber profitieren. Hingegen wird künftig ein höherer Anteil der Dividenden unserer Aktionäre besteuert.

Erneut profitiert die Wirtschaft von Steuersenkungen. Das stösst auf Kritik. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Nein. Wir sind wie andere Unternehmen ein wichtiger Arbeitgeber. Wenn es uns und anderen Firmen gut geht, geht es auch der Region gut. Dank guter Löhne profitieren die Arbeitnehmer, der Lebensstandard steigt. Gewisse Politiker tun so, als stünden Unternehmer auf der einen und Arbeitnehmer auf der anderen Seite. Diese trennende Sicht entspricht nicht meinem Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Gegen die Steuervorlage 17 haben Jungparteien das Referendum ergriffen. Nach der Unternehmenssteuerreform III droht auch die Nachfolgevorlage Schiffbruch zu erleiden. Was steht auf dem Spiel?

Scheitert die eidgenössische Vorlage, so müssten die Kantone mit eigenen Ideen versuchen, die von der OECD geforderte Abschaffung der Holding-Privilegien aufzufangen. Dass letztere fallen werden und müssen, ist klar und wird von niemandem bestritten. Mir als Unternehmer wäre ein verstärkter Steuerwettbewerb unter den Kantonen noch so recht. Nichts tun wäre bei einem erneuten Scheitern einer nationalen Reform für die Kantone keine Option. Van Baerle würde den Kanton nicht verlassen, wenn der Gewinnsteuersatz weiterhin bei 20,7 Prozent verbleibt – wir mussten ja bereits in der Vergangenheit so viel bezahlen. Aber ob das auch für jene Status-Gesellschaften zutrifft, die plötzlich massiv mehr Steuern bezahlen müssen, bezweifle ich.

In knapp drei Wochen stimmen wir über die Selbstbestimmungs-Initiative ab. Welche Gefahr geht von ihr für ein international tätiges Unternehmen wie das Ihrige aus?

Ich hoffe, dass die Selbstbestimmungs-Initiative abgelehnt wird. Sie ist für den freien internationalen Warenverkehr sicher nicht förderlich. Zugleich bin ich der Meinung, dass wir den Einfluss solcher Initiativen auf die Exportwirtschaft überschätzen. Meine Geschäftskunden in Asien kennen das politische Umfeld in der Schweiz kaum, Selbstbestimmungs- oder vor vier Jahren auch Masseneinwanderungs-Initiative sagt ihnen nichts. Ich sehe es pragmatisch. Selbst wenn die Initiative angenommen wird, was ich nicht begrüsse, wäre das nicht aller Tage Abend.

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